Mutter-Kind-Interaktion bei peripartaler Depression
Psychiatrie
psychopraxis. neuropraxis 2024 · 27:81–84
https://doi.org/10.1007/s00739-023-00972-3
Angenommen: 5. Dezember 2023
Online publiziert: 11. Januar 2024
© The Author(s) 2024
Mutter-Kind-Interaktion bei
peripartaler Depression
Anna Höflich · Elke Poleczek
Abteilung für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin, Universitätsklinikum Tulln, Karl Landsteiner
Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften, Tulln an der Donau, Österreich
Zusammenfassung
Eine gelungene Eltern-Kind-Interaktion ist essenziell für eine adäquate soziale,
emotionale und kognitive Entwicklung des Kindes. Psychiatrische Erkrankungen in
der Postpartalzeit können zu einer Störung dieser Interaktion führen. Für peripartale
Depression wurde ein erhöhtes Risiko für eine verminderte Eltern-Kind-Bindung
und eine veränderte Mutter-Kind-Interaktion gezeigt. Eine frühzeitige multimodale
Behandlung von psychiatrischen Symptomen bei der Mutter, interaktionsspezifische
Therapieangebote und die Einbeziehung des familiären und sozialen Umfelds sind
essenziell in diesem Zusammenhang. Der präsentierte Fall soll die Komplexität und
Besonderheiten der Behandlung von psychiatrisch erkrankten Müttern aufzeigen.
Schlüsselwörter
Schwangerschaft · Postpartalzeit · Elternschaft · Psychische Gesundheit · Eltern-Kind-Station
Einleitung
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Die Peripartalzeit geht mit einer erhöhten
Vulnerabilität für das Auftreten von psychischen Erkrankungen einher. Für postpartale Depression werden Prävalenzzahlen
von etwa 15–20 % angegeben. Eine zeitgerechte Diagnosestellung und intensive
multimodale Behandlung ermöglichen
das beste Outcome für Mutter und Kind.
In Bezug auf die Entwicklung des Kindes ist insbesondere eine gelungene Eltern-Kind-Beziehung von großer Relevanz.
Historisch gesehen wurde zunächst der Begriff der „Verbundenheit“ durch J. Bowlby geprägt, der schlussfolgerte, dass für
die mentale Gesundheit des Kindes das
Erleben einer warmherzigen, intimen und
kontinuierlichen Beziehung mit der Mutter
(oder eines Mutterersatzes), in der beide
Befriedigung und Freude finden, wesentlich ist. Dieses Konzept wurde nachfolgend
weiter untersucht und die Begriffe mütterlicher Sensitivität und Synchronizität der
Mutter-Kind-Dyade hervorgestrichen. Eine
gelungene Mutter-Kind-Interaktion stellt
einen wichtigen Promotor der sozialen,
emotionalen und kognitiven Entwicklung
dar. Dies setzt die Fähigkeit des Elternteils
voraus, die Signale des Kindes wahrzu-
nehmen, richtig zu interpretieren und in
adäquater, an das Kind angepasster Weise
darauf zu reagieren. Diese Funktionen sind
bei psychischen Erkrankungen häufig reduziert, was zu einer Störung der MutterKind-Interaktion führen kann. Bei Frauen
mit postpartaler Depression wurden Prävalenzzahlen von 17–29 % für Störung der
Mutter-Kind-Bindung angegeben. Zusätzlich wurden bei Müttern mit Depression eine reduzierte Sensitivität, eine verminderte emotionale Verfügbarkeit und vermehrte Schwierigkeiten in der Pflege des Kindes
im Vergleich zu nicht depressiven Müttern
im ersten Lebensjahr beschrieben. In diesem Zusammenhang hervorzuheben ist,
dass eine erfolgreiche Behandlung häufig
zu einer Remission dieser Probleme führt.
In letzter Zeit wurde auch vermehrt die
Rolle des Partners bei Müttern mit peripartaler Depression untersucht; hier wurde gezeigt, dass sowohl die Mutter-KindBindung als auch der Verlauf der mütterlichen Depression 6 Monate nach der
Geburt durch Vorliegen einer Depression
beim Vater beeinflusst werden.
Moderne Behandlungsansätze legen
neben der psychiatrischen Behandlung der
Mutter selbst ein besonderes Augenmerk
auf interaktionsfokussierte Therapiean-
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sätze. Auch die gemeinsame stationäre
Aufnahme von Mutter und Kind bei
Auftreten von mütterlichen psychischen
Erkrankungen in der Postpartalzeit an
spezialisierten Eltern-Kind-Stationen wird
zunehmend als Standard in der Behandlung etabliert. In vielen Regionen wird
daher die Entwicklung von Konzepten
forciert, die die Mutter-Kind-Dyade unter
Einbeziehung des familiären Systems in
den Mittelpunkt stellen.
»
Für postpartale Depression
werden Prävalenzzahlen von etwa
15–20 % angegeben
Im Folgenden präsentieren wir den Fall
einer Patientin, der die Komplexität und
Herausforderungen der Behandlung von
schwerer postpartaler Depression illustriert.
Fallbericht
Die stationäre Aufnahme der Patientin erfolgte nach Kontaktaufnahme durch das
ambulante Krisenteam aufgrund einer
schweren postpartalen Depression. Die
Patientin gab an, sie würde mit der Versorgung ihrer 6 Monate alten Zwillingskinder
nicht mehr zurechtkommen, außerdem
hätte sie noch ein weiteres Kind mit knapp
3 Jahren, das ebenfalls zu betreuen wäre.
Es war bereits ambulant versucht worden,
Unterstützung für die Familie seitens der
Kinder- und Jugendhilfe und des Krisenteams anzubieten, es bestand auch eine
Unterstützung durch die Frühförderung
sowie den berufstätigen Partner; eine
ambulante psychiatrische Behandlung inklusive antidepressiver medikamentöser
Einstellung war bereits initiiert worden.
Aufgrund des Schweregrades der Symptomatik war jedoch eine weitere Betreuung im stationären Bereich notwendig.
Im Aufnahmegespräch präsentierte sich
die Patientin mit depressiver Stimmungslage, affektarm, mit einem starken Gefühl
der inneren Leere. Sie schilderte Überforderungs- und Insuffizienzgefühle, insbesondere auch Schuldgefühle ihrem älteren
Kind gegenüber, für das sie derzeit nicht
richtig da sein könne. Sie schilderte zum
Zeitpunkt der Aufnahme, sich nicht mehr
zu vertrauen, da das Verhalten und insbesondere das Schreien der Zwillinge sie
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so triggern würde, dass sie befürchte, sich
irgendwann nicht mehr unter Kontrolle
zu haben und die Kinder dann zu schütteln oder gewalttätig zu werden. Dies sei
jedoch noch nie passiert. Insgesamt würde sie momentan keine starke Bindung
zu den beiden kleineren Kindern empfinden. Sie schildert, dass im Vorfeld der Aufnahme das Unterstützungssystem nicht in
gewohntem Ausmaß verfügbar gewesen
wäre, was zu einer Zuspitzung der Symptomatik geführt hätte. Suizidgedanken
wurden von Anfang an von der Patientin
negiert.
Es ließ sich erheben, dass die Schwangerschaft belastend gewesen wäre, da die
Patientin unter einer Hyperemesis gravidarum gelitten hatte und damit einhergehend viel an Gewicht verloren hätte.
Die Geburt wäre in der 33. SSW erfolgt,
die Kinder hätten eine Anpassungsstörung
gehabt und wären infolgedessen vier Wochen an einer Neonatologie stationär aufgenommen gewesen. Die Patientin war
nicht stationär mitaufgenommen worden,
sondern fuhr zu täglichen Besuchen ins
Krankenhaus. Stillen war nicht möglich,
die Patientin pumpte etwa 2 Monate ab
und stillte dann vollständig ab.
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Screening und Therapie
depressiver Symptome in der
Schwangerschaft und nach der
Geburt sind essentiell
Anamnestisch ließ sich eine einmalige depressive Episode in der Vergangenheit erheben, die jedoch ohne Behandlung wieder a (...truncated)