Klimawandel und psychische Gesundheit

Apr 2024

Die ökologische Wende der Gesellschaft hat nicht nur die Medizin, sondern auch die Psychiatrie erfasst. So hat der Aufruf der DGPPN (Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde) zu einer „Ökologischen Psychiatrie“ nicht nur fachexterne, sondern auch fachintern viele Gründe: Extremwetterereignisse wirken sich direkt auf das gehäufte Auftreten psychischer Erkrankungen aus. Die Solastalgie, die Trauer um verlorenen Lebensraum und Klimaangst, beschreibt neue psychische Syndrome angesichts der existenziellen Bedrohung durch die Klimakrise. Indirekte Folgen des Klimawandels wie Nahrungsmittelknappheit, ökonomische Krisen und ungewollte Migration stellen zusätzliche psychische Risiko- und Belastungsfaktoren dar. Eine nachhaltige Psychiatrie muss sich dementsprechend auf einen steigenden und veränderten Bedarf einstellen. Psychiatrische Behandlungskonzepte müssen die Prävention stärker in den Fokus rücken, um das Versorgungssystem aufrechterhalten zu können. Diese Initiative bedarf einiger Grundüberlegungen, um eine fundierte Aktivität zu ermöglichen. Dabei sind mehrere begriffliche und methodologische Überlegungen anzustellen, die zu einem praxisrelevanten und profunden Verständnis führen sollen, denn die zersplitterte Welterfahrung muss durch ein konsistentes Bild vom Ist und Soll der Welt ersetzt werden, um Kognitionen und Affekte vor allem bei vulnerablen Subjekten zu harmonisieren.

Article PDF cannot be displayed. You can download it here:

https://link.springer.com/content/pdf/10.1007/s00739-024-00997-2.pdf

Klimawandel und psychische Gesundheit

Psychiatrie psychopraxis. neuropraxis 2024 · 27:145–149 https://doi.org/10.1007/s00739-024-00997-2 Angenommen: 15. März 2024 Online publiziert: 3. April 2024 © The Author(s) 2024 Klimawandel und psychische Gesundheit Felix Tretter1 · Julia Göd2 · Henriette Löffler-Stastka3 1 Bertlanffy Center for the Study of Systems Science, Wien, Österreich Kassenpraxis für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin, Wien, Österreich 3 Klinik für Psychoanalyse und Psychotherapie, Medizinische Universität Wien, Wien, Österreich 2 Zusammenfassung Die ökologische Wende der Gesellschaft hat nicht nur die Medizin, sondern auch die Psychiatrie erfasst. So hat der Aufruf der DGPPN (Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde) zu einer „Ökologischen Psychiatrie“ nicht nur fachexterne, sondern auch fachintern viele Gründe: Extremwetterereignisse wirken sich direkt auf das gehäufte Auftreten psychischer Erkrankungen aus. Die Solastalgie, die Trauer um verlorenen Lebensraum und Klimaangst, beschreibt neue psychische Syndrome angesichts der existenziellen Bedrohung durch die Klimakrise. Indirekte Folgen des Klimawandels wie Nahrungsmittelknappheit, ökonomische Krisen und ungewollte Migration stellen zusätzliche psychische Risiko- und Belastungsfaktoren dar. Eine nachhaltige Psychiatrie muss sich dementsprechend auf einen steigenden und veränderten Bedarf einstellen. Psychiatrische Behandlungskonzepte müssen die Prävention stärker in den Fokus rücken, um das Versorgungssystem aufrechterhalten zu können. Diese Initiative bedarf einiger Grundüberlegungen, um eine fundierte Aktivität zu ermöglichen. Dabei sind mehrere begriffliche und methodologische Überlegungen anzustellen, die zu einem praxisrelevanten und profunden Verständnis führen sollen, denn die zersplitterte Welterfahrung muss durch ein konsistentes Bild vom Ist und Soll der Welt ersetzt werden, um Kognitionen und Affekte vor allem bei vulnerablen Subjekten zu harmonisieren. Schlüsselwörter Präventive Psychiatrie · Ökologisierte Psychiatrie · Historische Grundlagen · Systemische Humanökologie · Vulnerable Subjektivität Einleitung Julia Göd ist Stv. Sektionsobfrau für niedergelassene Fachärzt:innen in Wien, Leiterin des Referats für Klimaneutralität der Ärztekammer für Wien, Stv. Fachgruppenobfrau für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin ÄK Wien und betreibt eine Kassenpraxis für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin. QR-Code scannen & Beitrag online lesen Die Weltgemeinschaft der Nationen hat sich 2015 zu einer Umorientierung für eine nachhaltige Entwicklung verpflichtet, bei der es im Wesentlichen um die Sicherung der natürlichen Ressourcen für die nächsten Generationen geht. So wurden 17 Nachhaltigkeitsziele definiert (SDGs, „sustainable development goals“) [23]. Thematisiert werden Sorgen um die gesamte Umwelt, die Belastung und Eigendynamik der unbelebten Natur, der Verlust der belebten Natur, die Dominanz der technogenen Umweltbelastung und Strukturveränderungen der sozialen Umwelt. Dieser makrosoziale Megatrend einer „ökologischen Wende“ setzte sich auch bekanntlich aufgrund der „Fridays-for-Future-Bewegung“ weltweit in der jungen Generation durch. Und schließlich wurde der Green Deal von der EU-Kommission ausgerufen [9]. » Ökologische Psychiatrie: Es besteht ein Erkenntnisproblem in der Wissens- und Methodenintegration Mehrere medizinische Fachjournale und Fachgesellschaften haben sich diesen Aufrufen gewidmet, forderten die WHO auf, den Gesundheitsnotstand aufgrund des Klimanotstands auszurufen [1]. Auch Institutionen für „Klimamedizin“ wurden ein- psychopraxis. neuropraxis 3 · 2024 145 Psychiatrie gerichtet [22]. Aus psychiatrischer Sicht können diese Initiativen durch die Einfügung „mental“ fachlich akzentuiert werden. In diesem Sinne hat auch die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e. V. (DGPPN) Ende 2023 das Label „Ökologische Psychiatrie und Psychotherapie“ propagiert [18]. Themen sind vor allem Klimaangst und Extremwettertraumatisierungen (Klimapsychiatrie), weiters Ernährungsformen und das Mikrobiom, die Stresspsychophysiologie und nicht zuletzt Settingbedingungen am Arbeitsplatz, strukturelle Hilfen bei Hitzewellen, aber auch salutogene Effekte grüner Wohnumgebung und Konsequenzen für die Stadtplanung [3]. Ökologie als Perspektive der Wissenschaften Zunächst ist es wichtig wahrzunehmen, dass die akademische Ökologie, wie sie von Ernst Haeckel Ende des 19. Jahrhunderts begründet wurde, als Studie der „Beziehungen der Lebewesen zu ihrer umgebenden Außenwelt“ gilt. Sie geht somit über ein triviales Verständnis des Begriffs Umwelt hinaus und macht darüber hinaus deutlich, dass der Begriff „Beziehung“ von besonderer Bedeutung ist: Es gibt Sozialbeziehungen, Naturbeziehungen, Wirkungsbeziehungen usw. Ökologie ist daher im Prinzip ein systemischer Denkansatz. Letzterer fand rasch Verbreitung in anderen akademischen Disziplinen, wie der Geographie, der Anthropologie usw. Bereits in den 1930er-Jahren wurde festgestellt, dass prekäre Wohnquartiere und psychische Störungen korrelieren. Sozioökologische Merkmale urbaner Umwelten wurden als starker Risikofaktor für die Entwicklungen psychischer Störungen identifiziert [15, 24]. In der Medizin wurde in den 1970er-Jahren angesichts der Gesundheitsschäden durch Industrieunfälle die Umweltmedizin als Forschungsperspektive und als Zusatzqualifikation kreiert, die jedoch keine ausdrückliche psychiatrische Orientierung fand [21]. 146 psychopraxis. neuropraxis 3 · 2024 Entwicklung der ökologischen Psychiatrie In Deutschland hat vor allem Klaus Dörner die ganzheitliche Sicht der ökologischen Psychiatrie in der klinischen Praxis und in der Betreuung von Langzeitpatient:innen geprägt. Die Hamburger Universitätspsychiatrie startete zu Beginn der 1990er-Jahre die erste größere fachübergreifende Initiative zu einer ökologischen Psychiatrie [2]. Grundlegend besteht für die ökologische Psychiatrie weiterhin das Erkenntnisproblem in der Wissens- und Methodenintegration: Es muss zwischen der Laborforschung und der Feldforschung, der naturwissenschaftlichen und der sozialwissenschaftlichen Perspektive, der Einzelfaktor- und Systembetrachtung vermittelt werden, denn jeder Mensch ist gleichzeitig einer heterogenen Umwelt ausgesetzt, wenngleich er dies über sein Verhalten regulieren kann. Ein aktueller Vorschlag zu einer derartigen integrativen Perspektive kommt vom kanadischen Psychiater Laurence J. Kirmeyer, der seit vielen Jahren die Kulturpsychiatrie entwickelt hat, und nun eine systemische ökosoziale Perspektive vorschlägt: „The cultural-ecosocial systems view we propose understands mind, brain and person as situated in the social world and as constituted by cultural and self-reflexive processes. This view can be incorporated into a pragmatic approach to clinical assessment and case formulation that characterizes mechanisms of pathology and identifies targets for intervention.“ [ (...truncated)


This is a preview of a remote PDF: https://link.springer.com/content/pdf/10.1007/s00739-024-00997-2.pdf
Article home page: https://link.springer.com/article/10.1007/s00739-024-00997-2

Tretter, Felix, Göd, Julia, Löffler-Stastka, Henriette. Klimawandel und psychische Gesundheit, 2024, pp. 145-149, Volume 27, Issue 3, DOI: 10.1007/s00739-024-00997-2