Klimawandel und psychische Gesundheit
Psychiatrie
psychopraxis. neuropraxis 2024 · 27:145–149
https://doi.org/10.1007/s00739-024-00997-2
Angenommen: 15. März 2024
Online publiziert: 3. April 2024
© The Author(s) 2024
Klimawandel und psychische
Gesundheit
Felix Tretter1 · Julia Göd2 · Henriette Löffler-Stastka3
1
Bertlanffy Center for the Study of Systems Science, Wien, Österreich
Kassenpraxis für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin, Wien, Österreich
3
Klinik für Psychoanalyse und Psychotherapie, Medizinische Universität Wien, Wien, Österreich
2
Zusammenfassung
Die ökologische Wende der Gesellschaft hat nicht nur die Medizin, sondern
auch die Psychiatrie erfasst. So hat der Aufruf der DGPPN (Deutsche Gesellschaft
für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde) zu
einer „Ökologischen Psychiatrie“ nicht nur fachexterne, sondern auch fachintern
viele Gründe: Extremwetterereignisse wirken sich direkt auf das gehäufte
Auftreten psychischer Erkrankungen aus. Die Solastalgie, die Trauer um verlorenen
Lebensraum und Klimaangst, beschreibt neue psychische Syndrome angesichts der
existenziellen Bedrohung durch die Klimakrise. Indirekte Folgen des Klimawandels
wie Nahrungsmittelknappheit, ökonomische Krisen und ungewollte Migration stellen
zusätzliche psychische Risiko- und Belastungsfaktoren dar. Eine nachhaltige Psychiatrie
muss sich dementsprechend auf einen steigenden und veränderten Bedarf einstellen.
Psychiatrische Behandlungskonzepte müssen die Prävention stärker in den Fokus
rücken, um das Versorgungssystem aufrechterhalten zu können.
Diese Initiative bedarf einiger Grundüberlegungen, um eine fundierte Aktivität zu
ermöglichen. Dabei sind mehrere begriffliche und methodologische Überlegungen
anzustellen, die zu einem praxisrelevanten und profunden Verständnis führen sollen,
denn die zersplitterte Welterfahrung muss durch ein konsistentes Bild vom Ist und
Soll der Welt ersetzt werden, um Kognitionen und Affekte vor allem bei vulnerablen
Subjekten zu harmonisieren.
Schlüsselwörter
Präventive Psychiatrie · Ökologisierte Psychiatrie · Historische Grundlagen · Systemische
Humanökologie · Vulnerable Subjektivität
Einleitung
Julia Göd ist Stv. Sektionsobfrau für niedergelassene Fachärzt:innen in Wien, Leiterin des
Referats für Klimaneutralität der Ärztekammer
für Wien, Stv. Fachgruppenobfrau für Psychiatrie
und psychotherapeutische Medizin ÄK Wien
und betreibt eine Kassenpraxis für Psychiatrie
und psychotherapeutische Medizin.
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Die Weltgemeinschaft der Nationen hat
sich 2015 zu einer Umorientierung für
eine nachhaltige Entwicklung verpflichtet, bei der es im Wesentlichen um die
Sicherung der natürlichen Ressourcen
für die nächsten Generationen geht. So
wurden 17 Nachhaltigkeitsziele definiert
(SDGs, „sustainable development goals“)
[23]. Thematisiert werden Sorgen um die
gesamte Umwelt, die Belastung und Eigendynamik der unbelebten Natur, der
Verlust der belebten Natur, die Dominanz
der technogenen Umweltbelastung und
Strukturveränderungen der sozialen Umwelt. Dieser makrosoziale Megatrend einer
„ökologischen Wende“ setzte sich auch
bekanntlich aufgrund der „Fridays-for-Future-Bewegung“ weltweit in der jungen
Generation durch. Und schließlich wurde
der Green Deal von der EU-Kommission
ausgerufen [9].
»
Ökologische Psychiatrie: Es besteht ein Erkenntnisproblem in der
Wissens- und Methodenintegration
Mehrere medizinische Fachjournale und
Fachgesellschaften haben sich diesen Aufrufen gewidmet, forderten die WHO auf,
den Gesundheitsnotstand aufgrund des
Klimanotstands auszurufen [1]. Auch Institutionen für „Klimamedizin“ wurden ein-
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gerichtet [22]. Aus psychiatrischer Sicht
können diese Initiativen durch die Einfügung „mental“ fachlich akzentuiert werden.
In diesem Sinne hat auch die Deutsche
Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e. V. (DGPPN) Ende 2023 das Label
„Ökologische Psychiatrie und Psychotherapie“ propagiert [18]. Themen sind vor
allem Klimaangst und Extremwettertraumatisierungen (Klimapsychiatrie), weiters
Ernährungsformen und das Mikrobiom,
die Stresspsychophysiologie und nicht zuletzt Settingbedingungen am Arbeitsplatz,
strukturelle Hilfen bei Hitzewellen, aber
auch salutogene Effekte grüner Wohnumgebung und Konsequenzen für die
Stadtplanung [3].
Ökologie als Perspektive der
Wissenschaften
Zunächst ist es wichtig wahrzunehmen,
dass die akademische Ökologie, wie sie
von Ernst Haeckel Ende des 19. Jahrhunderts begründet wurde, als Studie der „Beziehungen der Lebewesen zu ihrer umgebenden Außenwelt“ gilt. Sie geht somit
über ein triviales Verständnis des Begriffs
Umwelt hinaus und macht darüber hinaus deutlich, dass der Begriff „Beziehung“
von besonderer Bedeutung ist: Es gibt Sozialbeziehungen, Naturbeziehungen, Wirkungsbeziehungen usw. Ökologie ist daher
im Prinzip ein systemischer Denkansatz.
Letzterer fand rasch Verbreitung in anderen akademischen Disziplinen, wie der
Geographie, der Anthropologie usw.
Bereits in den 1930er-Jahren wurde
festgestellt, dass prekäre Wohnquartiere
und psychische Störungen korrelieren.
Sozioökologische Merkmale urbaner Umwelten wurden als starker Risikofaktor für
die Entwicklungen psychischer Störungen
identifiziert [15, 24]. In der Medizin wurde in den 1970er-Jahren angesichts der
Gesundheitsschäden durch Industrieunfälle die Umweltmedizin als Forschungsperspektive und als Zusatzqualifikation
kreiert, die jedoch keine ausdrückliche
psychiatrische Orientierung fand [21].
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Entwicklung der ökologischen
Psychiatrie
In Deutschland hat vor allem Klaus Dörner die ganzheitliche Sicht der ökologischen Psychiatrie in der klinischen Praxis
und in der Betreuung von Langzeitpatient:innen geprägt. Die Hamburger Universitätspsychiatrie startete zu Beginn der
1990er-Jahre die erste größere fachübergreifende Initiative zu einer ökologischen
Psychiatrie [2].
Grundlegend besteht für die ökologische Psychiatrie weiterhin das Erkenntnisproblem in der Wissens- und Methodenintegration: Es muss zwischen der Laborforschung und der Feldforschung, der
naturwissenschaftlichen und der sozialwissenschaftlichen Perspektive, der Einzelfaktor- und Systembetrachtung vermittelt
werden, denn jeder Mensch ist gleichzeitig einer heterogenen Umwelt ausgesetzt,
wenngleich er dies über sein Verhalten regulieren kann. Ein aktueller Vorschlag zu
einer derartigen integrativen Perspektive
kommt vom kanadischen Psychiater Laurence J. Kirmeyer, der seit vielen Jahren
die Kulturpsychiatrie entwickelt hat, und
nun eine systemische ökosoziale Perspektive vorschlägt: „The cultural-ecosocial systems view we propose understands mind,
brain and person as situated in the social
world and as constituted by cultural and
self-reflexive processes. This view can be
incorporated into a pragmatic approach to
clinical assessment and case formulation
that characterizes mechanisms of pathology and identifies targets for intervention.“
[ (...truncated)