Naturwissenschaftliche Grundlagen der Apothekerausbildung
Leitthema
Bundesgesundheitsbl
https://doi.org/10.1007/s00103-025-04035-3
Eingegangen: 3. Dezember 2024
Angenommen: 3. März 2025
© The Author(s) 2025
Einleitung
Im Gegensatz zu allen anderen Studienfächern sind Heilberufe wie die Pharmazie
durch bundeseinheitliche Approbationsordnungen geregelt und unterliegen von
daher keiner weiteren Akkreditierung.
Dies schränkt die einzelnen Standorte
und deren Dozenten bezüglich der Inhalte ihrer Lehrveranstaltungen stark ein,
obwohl laut Grundgesetz diese die Freiheit von Forschung und Lehre genießen
[1]. Dies kann mit dem Hinweis auf einheitliche Standards bei Heilberufen gerechtfertigt werden. Natürlich kann ein
Pharmaziedozent aus seiner Sicht wichtige Inhalte vermitteln, auch wenn diese
nicht Teil des Gegenstandskatalogs sind.
In der Praxis führt dies aber dazu, im Interesse der Studierenden bei den Schwerpunkten sich am Gegenstandskatalog zu
orientieren. Insofern kann die Aufnahme der naturwissenschaftlichen Grundlagen in die Apothekerausbildung auf der
Basis der gültigen Approbationsordnung
und deren hoffentlich bald anstehender
Novellierung und daraus resultierender
Gegenstandskataloge diskutiert werden.
Die Zielsetzung dieser Arbeit besteht
nicht darin, Vor- und Nachteile der
bestehenden Approbationsordnung im
Vergleich zu der vorgeschlagenen Novellierung in der gesamten Breite zu diskutieren, sondern der Beitrag bezieht sich
nur auf Bewertung und Fragestellungen
bezüglich der naturwissenschaftlichen
Grundlagen der Pharmazeutenausbildung.
Bernd Clement1,2
1
2
Konferenz der Fachbereiche Pharmazie, Kiel, Deutschland
Pharmazeutisches Institut der Universität Kiel, Kiel, Deutschland
Naturwissenschaftliche
Grundlagen der
Apothekerausbildung
Einordnung der Pharmazie
in den Fächerkanon der
universitären Fächer
Die Ausbildung der Pharmazeuten, die
auch zur Approbation zum Apotheker
führt, ist Bestandteil der naturwissenschaftlichen Fächer. Von daher sind die
pharmazeutischen Institute in Deutschland mitnurwenigenAusnahmenmitanderen naturwissenschaftlichen Fächern
zu Fachbereichen oder mathematischnaturwissenschaftlichen Fakultäten vereint. Organisatorisch ist die Pharmazie
neben der Biologie, Chemie, Physik und
Mathematik ein Fach des MathematischNaturwissenschaftlichen Fakultätentages
(MNFT) und übernimmt seit einiger Zeit
turnusmäßig auch das Sprecheramt. Die
Mitgliedschaft im MNFT unterstreicht
die Verankerung der Pharmazie in den
Naturwissenschaften. Über den MNFT
ist die Pharmazie auch im Allgemeinen
Fakultätentag (AFT) vertreten.
Pharmazie stellt darüber hinaus aber
auch die Verbindung zu den medizinischen Fakultäten dar, welches sich
nicht nur in vielen interdisziplinären
Forschungsaktivitäten, sondern auch
in gemeinsamen Lehrveranstaltungen,
wie z. B. die der Pharmakologie, niederschlägt. Dieser duale Charakter ist
wahrscheinlich die Ursache dafür, dass
die Inhalte des Pharmaziestudiums wie
kaum in einem anderen Fach so stark in
den eigenen Reihen diskutiert werden.
Höhepunkte waren die intensiven kontroversen Auseinandersetzungen bei der
Novellierung der Approbationsordnung
von 2001.
Regelungen der gültigen
Approbationsordnung
zur Grundausbildung der
Apotheker
Die Ausbildung der Pharmazeuten ist in
3 Abschnitte unterteilt. Das Grundstudium wird auch als „Erster Abschnitt“
bezeichnet und beträgt 4 Semester. Daran schließt sich das Erste Staatsexamen
an. Die darauf aufbauenden weiteren 4
Semester nennt man den „Zweiten Abschnitt“, der mit dem „Zweiten Staatsexamen“ endet. Der „Dritte Abschnitt“ der
Pharmazeutenausbildung beinhaltet das
sogenannte Praktische Jahr, welches ein
halbes Jahr in einer öffentlichen Apotheke absolviert werden muss. Das zweite
halbe Jahr kann wahlweise wieder in der
öffentlichen Apotheke, aber auch in der
Industrie, Krankenhauspharmazie, Bundeswehr und in vielen anderen Einrichtungen mit pharmazeutischen Fragestellungen absolviert werden. An das Ende
der Ausbildung schließt sich das „Dritte Staatsexamen“ an, das Bestehen der
Prüfung ist die Voraussetzung zur Beantragung der Approbation.
Die bundeseinheitliche Approbationsordnung [2] legt in § 17 4 Fächer
für den ersten Prüfungsabschnitt (Erstes
Staatsexamen) und damit die Grundlagen der Ausbildung fest. In der Anlage 13
zu § 17 finden sich Gegenstandskataloge zu den einzelnen Prüfungsfächern
(. Tab. 1).
Seit 1976 ist das Institut für Medizinische und Pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP) in Mainz zuständig für die
Durchführung des Ersten Staatsexamens
und damit für die Grundlagen der Aus-
Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz
Leitthema
Tab. 1 Erster Abschnitt der Pharmazeutischen Prüfung (Anlage 13 zu § 17 Abs. 3 der gültigen
Approbationsordnung für Apotheker; [2])
I
Allgemeine, anorganische und organische Chemie
Grundbegriffe und -gesetze der Chemie; Atombau und Periodensystem der Elemente; chemische Bindung, zwischenmolekulare Bindungskräfte, Lösungen und heterogene Systeme;
Thermodynamik chemischer Reaktionen sowie Reaktionskinetik; chemisches Gleichgewicht; Säure/Base- und Redoxsysteme; Stöchiometrie chemischer Reaktionen
Vorkommen, Gewinnung, Eigenschaften und Reaktivität von Elementen des Periodensystems und ihrer Verbindungen sowie deren Herstellung; allgemeine Chemie der Arzneistoffe, Hilfsstoffe und Schadstoffe; Summenformeln und Geometrie wichtiger Verbindungen;
Nomenklatur
II
Bindungsarten und ihre theoretischen Grundlagen; Reaktionsgleichungen und -mechanismen; Grundlagen der Stereochemie; Chemie funktioneller Gruppen und Stoffklassen
sowie ihre Herstellung und Eigenschaften; Summen-, Struktur- und Stereoformeln; Eigenschaften und Reaktivität von Synthetika und Naturstoffen; chemische Grundlagen von
synthetischen Polymeren und Biopolymeren; Nomenklatur
Grundlagen der pharmazeutischen Biologie und der Humanbiologie
Grundlagen der Zytologie und Histologie; Grundprinzipien und molekulare Grundlagen
des Stoffwechsels und der Genetik; Merkmale, systematische Einteilung und Physiologie
von Pflanzen und Mikroorganismen unter besonderer Berücksichtigung pharmazeutisch
und medizinisch wichtiger Organismen; Viren
III
Grundlagen der Anatomie und Morphologie von Pflanzen; ökologische Grundbegriffe;
drogenkundliche und mikrobiologische Grundbegriffe und Techniken; wichtige Arzneiund Giftpflanzen; Stammpflanzen gebräuchlicher Drogen
Makroskopischer und mikroskopischer Aufbau des menschlichen Körpers, seine Organe
und Gewebe; Funktion von Organen und Organsystemen unter Einschluss von Regulationsmechanismen und zellbiologischen Aspekten; Grundzüge des Immunsystems; Fortpflanzungsorgane und deren Funktion, Schwangerschaft; Zusammensetzung und Umfang
normaler Ernährung
Grundlagen der Physik, der physikalischen Chemie und der Arzneiformenlehre
IV
Grundbegriffe und Maßsysteme der Physik; Grundgesetze der Mechanik fester Körper,
Flüssigkeiten und Gase; Aggregatzustände und deren Änderungen; Phasensysteme; Grenzflächenerscheinungen; Grundlagen der Thermodynamik und -kinetik; Kinetik der Diffusion
und Verteilung; Grundlagen der Elektri (...truncated)