Digitale Interventionen in der Organisationsberatung
Gruppe. Interaktion. Organisation. Zeitschrift für angewandte Organisationspsychologie (2025) 56:1–4
https://doi.org/10.1007/s11612-025-00803-6
EDITORIAL
Digitale Interventionen in der Organisationsberatung
Michael Dick1 · Christine Busch3 · Simone Kauffeld2
Angenommen: 20. Februar 2025
© The Author(s) 2025
Die Digitalisierung von Arbeits- und Produktionsprozessen
umfasst die direkten Bereiche der Wertschöpfung ebenso wie die indirekten Administrationsfunktionen in Wirtschaftsunternehmen. „Industrie 4.0“ drückt als Leitbegriff
aus, dass diese Entwicklung ähnlich wie die erste, zweite
und dritte industrielle Revolution grundlegende Umwälzungen mit sich bringt (Spath 2013). Inzwischen werden auch
die Implikationen auf die Personalarbeit intensiver diskutiert, hervorgehoben werden erweiterte Möglichkeiten für
lebenslanges Lernen, agile Arbeitsweisen und Partizipationsprozesse (Jacobs et al. 2021). Auch kleine und mittlere Unternehmen sollen von den Entwicklungen profitieren können (Arlinghaus et al. 2024). Im Klinischen Kontext sind digitale Formen der Intervention und Beratung gut
untersucht (Catarino et al. 2023; Kählke et al. 2022). Als
Vorteile werden deren wirtschaftliche Effizienz, vereinfachte Zugänglichkeit, die Reduktion kognitiver Verzerrungen
und eine breitere Verfügbarkeit relevanter Informationen
genannt (ebd.). Dieses Themenheft der Zeitschrift Gruppe.
Interaktion. Organisation. (GIO) stellt erstmals eine umfassende Auswahl digitaler Interventionen in der Personal- und
Organisationsentwicklung vor.
Beratung und Intervention sind professionelle psychologische Dienstleistungen, die auf Veränderungsprozesse abzielen und eine besondere Expertise erfordern, die sowohl
auf akademischer Ausbildung als auch auf beruflicher Er Prof. Dr. phil habil. Michael Dick
1
Fakultät für Humanwissenschaften, Professur für
Betriebspädagogik, Otto-von-Guericke Universität
Magdeburg, Zschokkestr. 32, 39104 Magdeburg, Deutschland
2
Arbeits-, Organisations- und Sozialpsychologie,
Institut für Psychologie, TU Braunschweig,
Spielmannstr. 19, 38106 Braunschweig, Deutschland
3
Arbeits- und Organisationspsychologie, Center for Better
Work, Institut für Psychologie, Fakultät für Psychologie
und Bewegungswissenschaft, Universität Hamburg,
Von-Melle-Park 5 | Raum 3021, 20146 Hamburg,
Deutschland
fahrung basiert. Dies gilt für Management und Organisation ebenso wie für den klinischen Kontext. Digitale Interventionen in Organisationen bezeichnen den gezielten
Einsatz digitaler Technologien, Werkzeuge und Plattformen
zur Unterstützung der verschiedenen Phasen und Themen
der Organisationsentwicklung (Heller et al. 2018; Mai und
Rutschmann 2023). Zu den in diesem Themenheft untersuchten digitalen Werkzeugen und Technologien zählen:
Video- oder chatbasierter Austausch mit betrieblichen
Stakeholdern, Expert:innen, Gatekeepern und anderen
Beteiligten,
Künstliche Intelligenz für Dialog- und Rechercheangebote (Large Language Models, Chatbots),
Digitale Lernumgebungen und mobile Apps zur Psychoedukation oder Prävention und Gesundheitsförderung,
Kollaborationssoftware für Projektmanagement und
Teamarbeit (Cloud, Intranet, Messaging),
Nutzung vorhandener Daten zur Diagnostik (HR Analytics),
Diagnostische Werkzeuge zur Erhebung, Auswertung
und Rückmeldung psychologischer Daten (ambulantes
Assessment),
Virtual (VR) und Augmented Reality (AR) und weitere
Lernassistenzsysteme zur Simulation und Ermöglichung
immersiver Erfahrungen.
Diese Liste lässt sich erweitern, macht jedoch bereits
deutlich, dass digitale Technologien nahezu alle Bereiche
psychologischer und pädagogischer Arbeit in Unternehmen berühren: Personalentwicklung, Aus- und Weiterbildung, Coaching, Training, Teamentwicklung, Führungskräfteschulung, Organisationsentwicklung, überbetriebliche Netzwerkarbeit, Arbeitsgestaltung und Prävention sind
untrennbar mit kommunikationsintensiven Prozessen verbunden.
Gleichzeitig sind jedoch auch Risiken und Hemmnisse
der Entwicklung nicht zu übersehen, etwa in Form von Datenschutzproblemen, sozialer Entfremdung oder der Ökonomisierung individueller Entwicklung und Identität. Cy-
K
2
ber- und Datensicherheit setzen den Nutzungsmöglichkeiten Grenzen. Eine sichere Speicherung und Übertragung
sensibler Informationen ist essenziell, um das Vertrauen
in professionellen Arbeitsbeziehungen aufrechtzuerhalten
(Tiefel 2016). Denn eine professionelle psychologische Intervention stellt einen besonders wirkungsvollen Kommunikationsakt dar, da sie mit einer expliziten Veränderungsabsicht, einem rational begründeten Plan und einer systematischen, wissenschaftlich fundierten Methodik durchgeführt wird. Zudem stellen die Erreichbarkeit und die hohen
Abbruchraten („easy in – easy out“) bei rein digitalen Interventionen Probleme oder zumindest Herausforderungen
dar (Engels et al. 2024; Lehr und Boß 2019).
Mit digitalen Kommunikationswerkzeugen erweitern wir
den Horizont interventionsorientierter Möglichkeiten. Wenig bis gar nicht ist bislang diskutiert, wie sich die Digitalisierung auf die Konstitution von Beratung einerseits und
Organisation andererseits sowie auf das Berater-Klientensystem als Ganzes auswirkt. Um zu erfassen, was das heißt,
lohnt ein Blick in die Grundlagen der Kommunikationsforschung.
„The medium ist the message“ (McLuhan 1964) –
McLuhans These lässt sich auch auf die fortschreitende
Digitalisierung professioneller Kommunikation beziehen.
Es leuchtet unmittelbar ein, dass eine Botschaft – beispielsweise „ich schätze Deine Arbeit, aber ...“ – vom
Empfänger je nach Medium, in dem sie gesendet wird,
unterschiedlich verstanden wird. Das Medium rahmt die
Botschaft. Der interne Chat einer Arbeitsgruppe erlaubt
andere Formulierungen als eine E-Mail. Die Mitteilung
beim informellen Kaffeetrinken wirkt anders als selbige in
einem moderierten Team-Workshop. Vielfach hat sich der
Grundsatz psychologischer Kommunikationsforschung im
Alltag bewährt, dass Medium, Form und Inhalt von Botschaften aufeinander abgestimmt werden sollten (Langer
et al. 1974, 2019).
Damit wird das simpel anmutende Sender-Empfänger
Modell der Kommunikation (Shannon und Weaver 1949)
bereits voraussetzungsreich: Der Sender enkodiert seine
Absicht in einer Nachricht, diese wird über ein Medium
gesendet, der Empfänger dekodiert sie. Das Modell hatte
vor allem die Absicht, technisch vermittelte Störungen der
Datenübertragung, also das Medium, als Ursache für misslingende Kommunikation zu analysieren. Es ist vermutlich
das erste relevante Modell, das das Medium als Teil des
Kommunikationsaktes zwischen Menschen überhaupt thematisiert. Es lenkt die Betrachtung auf technische Aspekte,
leugnet aber nicht, dass auch in der En- und Dekodierung
der Nachricht Störquellen liegen, was die Psychologie aufgegriffen hat (Nerdinger et al. 2008; Traut-Mattausch und
Frey 2006). Sie hat früh gezeigt, dass auch eine unterlassene Botschaft eine Botschaft ist, und dass Kommunikation
keinen Anfang hat, sondern immer schon auf etwas r (...truncated)