Entscheidungen in Unternehmen: Einfluss der Big Five auf das individuelle Entscheidungsverhalten
Gruppe. Interaktion. Organisation. Zeitschrift für angewandte Organisationspsychologie (2025) 56:565–581
https://doi.org/10.1007/s11612-025-00823-2
HAUPTBEITRÄGE – OFFENER TEIL
Entscheidungen in Unternehmen: Einfluss der Big Five auf das
individuelle Entscheidungsverhalten
Marisa Schirmer1
· Selina Fußwinkel1 · Susanne Mütze-Niewöhner1 · Rüdiger von Nitzsch2
Angenommen: 2. Juli 2025 / Online publiziert: 8. August 2025
© The Author(s) 2025
Zusammenfassung
Dieser Beitrag in der Zeitschrift „Gruppe. Interaktion. Organisation. (GIO)“ hat das Ziel, Unternehmen einen praxisnahen
Ansatz aufzuzeigen, um das individuelle Entscheidungsverhalten ihrer Beschäftigten in Abhängigkeit von ihrer Persönlichkeit zu erkennen und somit Entscheidungen mit hoher Qualität fördern zu können, z. B. durch eine zielgerichtete Gestaltung
von Entscheidungsprozessen sowie eine individuell angepasste Unterstützung von Entscheiderinnen und Entscheidern. In einer quantitativen Fragebogenstudie wurden branchenübergreifend Arbeitnehmende zu ihren Persönlichkeitsmerkmalen und
ihrem individuellen Entscheidungsverhalten befragt (N = 461). Zur Erfassung der Persönlichkeit wurde das Big-Five-Inventory-10 (BFI-10) verwendet. Das individuelle Entscheidungsverhalten wurde anhand eigens entwickelter Items erhoben,
die verschiedene Verhaltensweisen operationalisieren und dabei auf postulierte Verhaltensdimensionen des praxisnahen
Entscheiderprofils (Sutrich und Opp 2016) sowie auf zwei Decision-Making Styles (Scott und Bruce 1995) gestützt sind.
Mittels einer hierarchischen Clusteranalyse wurden explorativ verschiedene Kombinationen auftretender Verhaltensweisen
in unternehmerischen Entscheidungssituationen identifiziert. Anschließend wurde mittels multipler Regressionsanalysen
untersucht, inwiefern Zusammenhänge zwischen den Big-Five-Persönlichkeitsdimensionen und den Ausprägungen dieser
Verhaltenskombinationen bestehen. Die Ergebnisse zeigen, dass bei unternehmerischen Entscheidungen insgesamt sechs
verschiedene Verhaltenskombinationen vorkommen können, deren Ausprägungen in unterschiedlichem Maße von den
Big-Five-Persönlichkeitsdimensionen beeinflusst werden. Beispielsweise wird die kooperativ-gestaltende Verhaltenskombination durch alle Big-Five-Persönlichkeitsdimensionen signifikant beeinflusst, während die intuitiv-impulsive insgesamt
lediglich einen signifikanten Zusammenhang aufweist. Am häufigsten bestehen signifikante Zusammenhänge mit Gewissenhaftigkeit, gefolgt von Neurotizismus und Offenheit.
Schlüsselwörter Big-Five-Persönlichkeitsdimensionen · Individuelles Entscheidungsverhalten · Situative Förderung ·
Unternehmenspraxis
Marisa Schirmer
1
Institut für Arbeitswissenschaft (Abteilung
Arbeitsorganisation), RWTH Aachen University,
Aachen, Nordrhein-Westfalen, Deutschland
2
Lehr- und Forschungsgebiet Entscheidungsforschung
und Finanzdienstleistungen, RWTH Aachen University,
Aachen, Nordrhein-Westfalen, Deutschland
K
566
M. Schirmer et al.
Corporate Decisions: Influence of the Big Five on Individual Decision-Making Behavior
Abstract
This article in the journal “Gruppe. Interaktion. Organisation. (GIO)” aims to show companies a practical approach to
recognize the individual decision-making behavior of their employees depending on their personality traits and thus to be
able to promote high-quality decisions, e.g. through a targeted design of decision-making processes as well as individually
adapted support for decision-makers. In a quantitative questionnaire study, employees across all sectors were asked about
their personality traits and individual decision-making behavior (N = 461). The Big Five Inventory 10 (BFI-10) was used
to measure personality. Individual decision-making behavior was assessed using self-developed items that operationalize
various behaviors and are based on postulated behavioral dimensions of the practice-oriented decision-maker profile
(Sutrich and Opp 2016) as well as two decision-making styles (Scott and Bruce 1995). Using a hierarchical cluster analysis,
six combinations of occurring behaviors in corporate decision-making were exploratively identified. Multiple regression
analyses were then used to investigate the extent to which the characteristics of these behavioral combinations are influenced
by the Big Five personality traits. For example, the cooperative-designing combination is significantly influenced by all Big
Five personality traits, while the intuitive-impulsive combination shows only one significant correlation overall. Significant
correlations exist most frequently with conscientiousness, followed by neuroticism and openness.
Keywords Big Five personality traits · Individual decision-making behavior · Situational encouragement · Corporate
practice
1 Einleitung
Entscheidungen und die ihnen zugrundeliegenden Prozesse sind ein zentraler Bestandteil unternehmerischer
Abläufe. Sie prägen die strategische, operative und kulturelle Ausrichtung eines Unternehmens und damit nicht
nur kurzfristige Ergebnisse, sondern langfristig auch die
Wettbewerbs- und Handlungsfähigkeit von Unternehmen
(vgl. Shepherd et al. 2021). Entscheidungsprozesse lassen sich grundlegend als das strukturierte Abwägen von
Handlungsalternativen definieren, bei denen eine Wahl zwischen mehreren Optionen getroffen wird (vgl. Kahneman
2011; Simon 1960). Wenngleich Entscheidungsprozesse
u. a. durch Marktanforderungen, den Einsatz von Technologien oder organisationale Rahmenbedingungen beeinflusst
werden (Kozioł-Nadolna und Beyer 2021), sind es letztlich
die Entscheiderinnen und Entscheider, die die unternehmerischen Entscheidungen vorbereiten, gestalten und treffen
und durch ihr individuelles Entscheidungsverhalten die
Qualität von Entscheidungsprozessen maßgeblich bestimmen. Das Entscheidungsverhalten kann u. a. ein Prädikator
für das Ergebnis einer Entscheidung sein (Curşeu und
Schruijer 2012). Interindividuelle Unterschiede im Verhalten können eine Erklärung dafür liefern, dass verschiedene
Personen selbst unter identischen Rahmenbedingungen zu
unterschiedlichen Ergebnissen gelangen können (vgl. Gigerenzer 2008; Hammond et al. 1998). Da viele unternehmerische Entscheidungen mitunter strategische Tragweite
besitzen und teilweise irreversible Folgen haben können, ist
ein tiefergehendes Verständnis des Entscheidungsverhaltens
und der zugehörigen Determinanten essentiell.
K
Ein zentraler Einflussfaktor auf das individuelle Entscheidungsverhalten ist die Persönlichkeit der Entscheiderin oder des Entscheiders. Zahlreiche empirische Studien
belegen den Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsmerkmalen und Entscheidungsverhalten, etwa im universitären, wirtschaftlichen oder organisatorischen Kontext
(vgl. u. a. Bayram und Aydemir 2017; Dewberry et al.
2013; Kumar und Gautam 2018; Mammadov 2022; Miceli
et al. 2018). Ein besseres Verständnis dieser Zusammenhänge kann Unternehmen einen praktischen Nutzen bieten:
Wenn bestimmte Persönlichkeitsmerkmale mit typischen
Entscheidungspräferenzen ei (...truncated)