Wie kann betriebliche Gesundheitsförderung in Zeiten von Transformation gelingen? Ein Praxisbeispiel der Volkswagen AG
Gruppe. Interaktion. Organisation. Zeitschrift für angewandte Organisationspsychologie (2025) 56:451–460
https://doi.org/10.1007/s11612-025-00819-y
HAUPTBEITRÄGE – THEMENTEIL
Wie kann betriebliche Gesundheitsförderung in Zeiten von
Transformation gelingen? Ein Praxisbeispiel der Volkswagen AG
Alina Bethge1
· Beate Heuberger2 · Esther Goldberg3 · Lars Nachbar2 · Kai G. Kahl4
· Lotta Winter4
Angenommen: 16. Juni 2025 / Online publiziert: 18. Juli 2025
© The Author(s) 2025
Zusammenfassung
Effizienzdruck, Globalisierung und voranschreitende Digitalisierung: Die Auswirkungen von Transformationsprozessen sowie die aktuellen sozioökonomischen und technischen Veränderungen stellen Industrieunternehmen vor besondere Herausforderungen. Diese Entwicklungen können eine effektive Implementierung betrieblicher Gesundheitsförderungsprogramme
erschweren, gleichzeitig stellt die Gesunderhaltung der Mitarbeitenden gerade während struktureller Veränderungsprozesse
einen wesentlichen Erfolgsfaktor für Unternehmen dar. Dieser Beitrag in der Zeitschrift Gruppe. Interaktion. Organisation.
Zeitschrift für Angewandte Organisationspsychologie (GIO) erörtert die Herausforderungen in Bezug auf die in produzierenden Branchen vorherrschenden Rahmenbedingungen sowie die Spezifika der Zielgruppe bei der Implementierung von
Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung. Anhand eines Praxisbeispiels der Volkswagen AG werden mögliche
Lösungsansätze aufgezeigt, die zu einer erfolgreichen Etablierung von Gesundheitsmaßnahmen in Fertigungsbereichen
beitragen können. Die daraus abgeleiteten Erkenntnisse können wichtige Impulse für zukünftige Präventionsstrategien in
Industrieunternehmen setzen und eröffnen zudem neue Möglichkeiten der betrieblichen Gesundheitsförderung im Kontext
von Transformationsprozessen.
Schlüsselwörter Betriebliches Gesundheitsmanagement · Prävention · Transformation · Digitalisierung ·
Automobilindustrie
Industry in transition: impacts on workplace health promotion
Abstract
Efficiency pressure, globalization, and advancing digitalization: The impacts of transformation processes as well as current
socio-economic and technical developments present industrial companies with particular challenges. These dynamics can
hinder the effective implementation of workplace health promotion programs. At the same time, maintaining the health
of employees, especially during structural change processes, is a substantial success factor for companies. This article
published in the journal Group. Interaction. Organization. Journal for Applied Organizational Psychology (GIO) discusses
the challenges related to the prevailing conditions in manufacturing industries and the specifics of the target group in the
implementation of workplace health promotion measures. Using a practical example from the Volkswagen AG, possible
solutions are presented that can contribute to the successful establishment of health measures in manufacturing areas. The
insights derived from this can provide important impetus for future prevention strategies in industrial companies and also
open up new possibilities for workplace health promotion in the context of transformation processes.
Keywords Occupational health management · Prevention · Transformation · Digitalization · Automotive industry
Alina Bethge, Msc. Psych.
1
2
Medizinische Hochschule Hannover, Hannover, Deutschland
3
Gesundheitswesen, Volkswagen AG, Wolfsburg, Deutschland
Konzern Arbeits- und Gesundheitsschutz, Volkswagen AG,
Wolfsburg, Deutschland
4
Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie,
Medizinische Hochschule Hannover, Hannover, Deutschland
K
452
1 Die Industrie im Wandel:
Auswirkungen auf die betriebliche
Gesundheitsförderung
In Deutschland gingen im Jahr 2022 888,9 Mio. Arbeitstage krankheitsbedingt verloren. Dies entspricht betriebswirtschaftlichen Einbußen von 118 Mrd. C durch ausgefallene Produktion und im Bereich der Arbeitsproduktivität
207 Mrd. C Verlust in der Bruttowertschöpfung (BAuA
2023). Die Förderung der Gesundheit der Mitarbeitenden
ist für Betriebe neben fürsorglichen und ethischen Aspekten
auch ein marktwirtschaftlicher Faktor, der vor allem in der
sich schnell verändernden Arbeitswelt immer bedeutsamer
wird (Lachhein 2022).
Ein zentrales Beispiel für diesen Wandel stellt hierbei
die Automobilindustrie dar. Sie gehört zu den bedeutendsten Industriezweigen unseres Landes und steht für technische Innovationskraft und hohe Produktivität. Der Arbeitsalltag ist geprägt von der Interaktion zwischen Mensch,
Technik und Organisation – genau dieses Arbeitssystem
gerät nun zunehmend unter Druck. Organisationen stehen
vor vielen Herausforderungen, die durch neue Technologien, steigende Variantenvielfalt, verkürzte Innovationszyklen, zunehmende Globalisierung und eine fortscheitende
Vernetzung von Informations- und Kommunikationstechniken geprägt sind (Bauernhansl et al. 2014; Hoffmeyer et al.
2020). Die notwendige Transformation sichert die Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen, gleichzeitig können daraus resultierende Veränderungsprozesse zu
Unsicherheit und Überforderung in der Belegschaft führen. Die sich schnell verändernden Rahmenbedingungen
im Unternehmen wie beispielsweise fehlende Personalressourcen, Produktivitätsdruck sowie hohe Fluktuation innerhalb von Teams erschweren die nachhaltige Implementierung von Gesundheitsmaßnahmen erheblich. Digitalisierungs- sowie Automatisierungsprozesse an den Arbeitsplätzen verändern die Belastungsprofile der Tätigkeiten und
die Kompetenzanforderungen an die Beschäftigten, so dass
sich neue gesundheitliche Beanspruchungen ergeben können. Die psychische Belastung am Arbeitsplatz steigt vor
allem dann, wenn diese Veränderungen nicht transparent
und partizipativ gestaltet werden, was Fehlbeanspruchungen begünstigen und sich in gesteigerten Fehlzeiten widerspiegeln kann (Richenhagen 2020; Leitner und Wroblewski
2006).
Neben der Digitalisierung stellt auch der demografische
Wandel einen langfristigen Kostenfaktor dar, der in Bezug auf die Gesunderhaltung der Belegschaft berücksichtigt
werden muss. Aktuelle Studien prognostizieren vor allem in
industriell geprägten Regionen einen deutlichen Rückgang
der Erwerbsbevölkerung bis 2040 (IAB 2022; Bertelsmann
Stiftung 2023). Der daraus resultierende Anstieg des Anteils älterer Beschäftigten bringt zusätzliche Herausforde-
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A. Bethge et al.
rungen an die Unternehmen mit sich. Ältere Erwerbstätige leiden häufiger unter chronischen Erkrankungen, benötigen längere Regenerationszeiten und haben einen erhöhten
Bedarf an präventiven Maßnahmen (Robert-Koch-Institut
2022; Maintz 2003 in Badura et al. 2003).
Im stetigen Wandel dieser Branche kommt der Gesunderhaltung der Belegschaft daher eine strategisch bedeutsame
Rolle zu, da sie die Wertschöpfung der Produktion sichert
und so zum Erfolg des Unternehmens beiträgt. Die betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) kann ein zentrales Instrument sein, um gezielt Einfluss auf di (...truncated)