Energieträgerübergreifende Planung und Analyse von Energiesystemen
ORIGINALARBEITEN
Elektrotechnik & Informationstechnik DOI 10.1007/s00502-017-0504-4
Energieträgerübergreifende Planung und
Analyse von Energiesystemen
M. Heimberger, T. Kaufmann, C. Maier, S. Nemec-Begluk, A. Winter OVE, W. Gawlik
Das gesamte Energiesystem der Strom-, Gas- und Wärmeversorgung befindet sich in einem Umbruch. Dieser Umbruch wird einerseits
durch eine Veränderung in der Erzeugungsstruktur und andererseits durch ein geändertes Verbraucherverhalten getrieben. Besonders das elektrische System wird durch diese Veränderungen an seine betrieblichen Grenzen gebracht. Die Kopplung vorhandener
Infrastrukturen bietet hier eine mögliche Abhilfemaßnahme, die zusätzlich zu einer besseren Ausnutzung bestehender Infrastrukturen
führen kann. In diesem Artikel werden die an der Technischen Universität Wien am Institut für Energiesysteme und Elektrische Antriebe
(Arbeitsgruppe Elektrische Anlagen) entwickelten Methoden zur Planung, Auslegung und dem Betrieb von Hybridnetzen („Universal
Grids“) vorgestellt und Ergebnisse anhand durchgeführter Forschungsprojekte veranschaulicht.
Schlüsselwörter: Hybridnetze; systemübergreifende Energieversorgung; Energiespeicher; Energieeffizienz; Exergieeffizienz;
Optimierung
Planning and analysis of universal grids.
The entire energy system of electricity-, gas- and heat-supply faces major changes. These changes are driven by evolution of the
generation structure on the one hand and by changes in the consumer behavior on the other hand. Because of that, especially the
electrical power system is brought to its limits. The coupling of existing energy infrastructure could be a possible solution to this
problem, which could also result in a better utilization of energy networks. This paper describes methods and achieved results for
planning, analyzing and operating hybrid grids (“universal grids”), developed in research projects associated with this field at the
Institute of Energy Systems and Electrical Drives (ESEA) at the TU Wien.
Keywords: universal grid; multi-system energy supply; energy storage; energy efficiency; exergy efficiency; optimization
Eingegangen am 19. Jänner 2017, angenommen am 15. März 2017
© The Author(s) 2017. Dieser Artikel ist auf Springerlink.com mit Open Access verfügbar
1. Einleitung
1.1 Motivation für Hybridnetze
Ein erheblicher Anteil (ca. drei Viertel) des gesamten österreichischen
Endenergiebedarfes wird mit fossilen Energieträgern gedeckt [1, 2].
Im Bereich Raumwärme beträgt der nicht erneuerbare Anteil ca.
59 Prozent [3], bei der Stromproduktion liegt dieser Anteil gemäßStromkennzeichnung dagegen bei ca. 13 Prozent [4]. Österreich hat
sich zur Reduktion von Treibhausgasemissionen und zur Einsparung
von Endenergie bekannt und seine Bestrebungen in den „2020 Zielen“ festgehalten. Diese geben folgendes vor [5]:
• Gemessen am Bruttoinlandsverbrauch soll der Anteil erneuerbarer Energieträger auf 34 Prozent und am Endenergieverbrauch im
Verkehrssektor auf 10 Prozent erhöht werden.
• Die Treibhausgasemissionen in Sektoren, die nicht dem Emissionshandel unterliegen, müssen um mindestens 16 Prozent gegenüber den Emissionen aus 2005 reduziert werden. Für Sektoren,
die dem Emissionshandel unterliegen, gilt eine Reduktion um 21
Prozent.
• Die Energieeffizienz soll gegenüber einem Baseline-Szenario um
20 Prozent erhöht werden.
Für die Erreichung der österreichischen „2020 Ziele“ ist deshalb
der weitere Ausbau regenerativer Erzeuger in der Energieversorgung unumgänglich [6]. Vor allem das bestehende elektrische Verteilnetz ist auf einen massiven Ausbau dezentraler, erneuerbarer
0 0000 0. Jahrgang
Einspeisung (insbesondere Windkraft und Photovoltaik) nicht vorbereitet und stößt meist durch Spannungsbandverletzungen oder
Betriebsmittelüberlastungen auf Probleme. Durch erneuerbare Erzeugungsanlagen können sehr große Erzeugungsspitzen aufgrund
der hohen Gleichzeitigkeit in der Erzeugung auftreten, die das elektrische Energiesystem an seine Leistungsgrenzen bringen. Zudem
treten die hohen Erzeugungsspitzen meistens nicht zeitgleicht mit
den Lastspitzen auf, was in einem sehr volatilen Residuallastprofil
resultiert. Das Residuallastprofil stellt die Differenz zwischen Erzeugung und Verbrauch dar. Hier stehen mehrere Abhilfemaßnahmen
zur Verfügung: Netzausbau, Abregelung, Speicherintegration, Demand Side Management (DSM) oder Kopplung bestehender Energieinfrastrukturen. Netzausbau und Abregelung der regenerativen
Einspeiser stellen derzeit diskutierte Abhilfemaßnahmen bei Netzengpässen dar. Durch Abregelung wird eine gezielte Reduktion der
Heimberger, Markus, Technische Universität Wien, Institut für Energiesysteme und
Elektrische Antriebe, Gußhausstraße 25-25a/370-1, 1040 Wien, Österreich
(E-Mail: ); Kaufmann, Thomas, Technische Universität
Wien, Institut für Energiesysteme und Elektrische Antriebe, Gußhausstraße 25-25a/370-1,
1040 Wien, Österreich; Maier, Christoph, Technische Universität Wien, Institut für
Energiesysteme und Elektrische Antriebe, Gußhausstraße 25-25a/370-1, 1040 Wien,
Österreich; Nemec-Begluk, Sabina, Technische Universität Wien, Institut für
Energiesysteme und Elektrische Antriebe, Gußhausstraße 25-25a/370-1, 1040 Wien,
Österreich; Winter, Alexander, Technische Universität Wien, Institut für Energiesysteme
und Elektrische Antriebe, Gußhausstraße 25-25a/370-1, 1040 Wien, Österreich; Gawlik,
Wolfgang, Technische Universität Wien, Institut für Energiesysteme und Elektrische
Antriebe, Gußhausstraße 25-25a/370-1, 1040 Wien, Österreich
© The Author(s)
heft 0.0000
ORIGINALARBEITEN
M. Heimberger et al. Energieträgerübergreifende Planung und Analyse
eingespeisten Leistung erzielt. Zusätzlich kann mittels eines Einsatzes von Speicher- und Kopplungstechnologien das Residuallastprofil
verändert werden. Durch koordiniertes Ein- und Ausspeichern bzw.
Umwandlung in eine andere Energieform, ist somit auch die Vermeidung von Netzengpässen möglich. Eine Erhöhung des regenerativen Energieverbrauchs und die Verlagerung der „erneuerbaren
Energie“ in andere Energiesysteme werden damit zusätzlich gewährleistet. Die aktive Änderung bzw. Anpassung des Stromverbrauchs
auf der Verbraucherseite wird in dieser Arbeit als Demand Side Management (DSM) bezeichnet. Mittels DSM kann ein Teil des Stromverbrauchs entsprechend dem Erzeugungsverlauf angepasst werden und somit eine Glättung des Residuallastprofils realisiert werden.
Abregelung ist mit Sicherheit der am einfachsten zu realisierende Ansatz und je nach Ausbaugrad der erneuerbaren Energieträger müsste auch nur ein Bruchteil der theoretisch jährlich erzeugten
Energiemenge abgeregelt werden. Jedoch stellt dies keine Lösung
für Erzeugungslücken dar. Elektrische Langzeitspeicher wie zum Beispiel Pumpspeicherkraftwerke sind in ihrem zusätzlichen Ausbau in
Österreich oder Europa aufgrund der geographischen Anforderungen begrenzt. Und direkte elektrische Speicher in Form von Batteriespeicher sind für großtechnische Umsetzungen (einige 100 MW
und einige 100 MWh) im Verhältnis z (...truncated)