Mikrobiologie bei Osteitis
Die Entnahme von Gewebeproben zur mikrobiologischen Aufarbeitung gilt heute als Goldstandard in der Diagnostik und Therapie der Osteitis. Eine gezielte Therapie mit Antibiotika, neben der unabdingbar notwendigen chirurgischen Therapie, ist nur in Kenntnis des vorhandenen Keimspektrums und der Erregerresistenzen mglich. Es stellt sich jedoch die Frage, auf welche wissenschaftliche Basis dieser allgemein akzeptierte Goldstandard grndet und wie hoch seine Aussagekraft einzuschtzen ist. Der vorliegende Beitrag gibt einen berblick.
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Evidenzbasierte Medizin (EbM)
EbM bezeichnet jede Form von
medizinischen Manahmen, bei der
patientenorientierte Entscheidungen ausdrcklich
auf der Grundlage von nachgewiesenen
Wirksamkeiten getroffen werden. Der
Wirksamkeitsnachweis hierbei erfolgt
durch statistische Verfahren.
In Grobritannien wurde eine der ersten
kontrollierten Studien durch James Lind
im Jahre 1753 verffentlicht (. Abb.1 ). Er
therapierte damals an Skorbut erkrankte
Patienten mit Zitronen und Orangen und
dokumentierte den Heilverlauf.
Die Idee, in der medizinischen
Forschung eine systematische klinische
Beobachtung einzufhren, wurde im
deutschsprachigen Raum erstmals 1848
durch den im Wien ttigen ungarischen
Arzt Ignaz Semmelweis formuliert. Im
englischsprachigen Raum dagegen
wurde bereits 1793 von dem schottischen Arzt
George Fordyce ein Artikel mit dem Titel
milton, Kanada eingefhrt. Im
deutschsprachigen Raum erschienen die ersten
Publikationen zu diesem Thema Mitte
der 1990er Jahre. Sie fielen in einer Zeit
zunehmend knapper werdender
Ressourcen im Gesundheitswesen auf fruchtbaren
Boden. Man hoffte, durch sorgfltige
wissenschaftliche Evaluation
Therapiestrategien zu identifizieren, welche effektiv und
damit auch kostengnstig einzusetzen
sind. Die weniger oder nicht wirksamen
Verfahren sollten aufgesprt und von
einer Kostenerstattung ausgeschlossen
werden [20]. Die Verbesserung der
medizinischen Versorgung und die
Identifizierung von medizinischen Teilgebieten, in
denen noch eine verstrkte
Forschungsttigkeit ntig ist, waren nun nicht mehr
Abb. 1 8Titelblatt der 1753 von James Lind verffentlichten Untersuchungen zur Skorbutbehandlung
Klinische Studien (randomisiert, kontrolliert, prospektiv)
Epidemiologische Studien (retrospektiv)
Systematische bersichtsarbeiten
Health Technology
Assessment (HTA)
Strukturierte Behandlungsprogramme
Klinische Behandlungspfade
Abb. 2 8Wissenstransfer von der Forschung in die Praxis. (Mod. nach [1])
alleiniges Ziel der wissenschaftlichen
Anstrengungen. Um dies zu erreichen,
mussten die Flut der wissenschaftlichen
Arbeiten aus den verschiedenen Fachbereichen
gesichtet und mit einem eindeutigen
Bewertungsmastab versehen werden,
woraus sich dann der Grad der Evidenz fr
die einzelnen Studien ergibt [19].
Begriffsdefinitionen
Leider gib es bis heute keine einheitliche
und allgemein anerkannte
Bewertungsgrundlage zur Einteilung der
Evidenzstufen und Empfehlungsgrade. Die
nationalen und internationalen
Arbeitsgruppen und Fachgesellschaften verwenden
unterschiedliche Bewertungsmastbe.
Die in . Tab.1 aufgefhrten
Grundlagen der Klassifizierung der Evidenz sind
jedoch vergleichbar.
Die Evidenzstrke ist vom
Empfehlungsgrad (Hrtegrad) zu unterscheiden.
Dieser sttzt sich auf die medizinische
Erfahrung. So kann es vorkommen, dass
Studien mit sehr hohem Evidenzgrad
einen sehr niedrigen Empfehlungsgrad
aufweisen (z. B. tierexperimentell
nachgewiesener Vorteil einer Therapiemethode, die
am Menschen noch nicht erprobt wurde).
Umgekehrt ist es mglich, dass ein
therapeutisches Vorgehen mit einem hohen
Empfehlungsgrad versehen ist bei
gleichzeitig sehr niedriger Evidenz (z. B.
Reanimation bei Herzstillstand) [16].
Beide genannten Begriffe sind vom so
genannten Goldstandard zu
unterscheiden. Mit Goldstandard wird ein
Verfahren in Diagnostik oder Therapie
bezeichnet, das bislang unbertroffen scheint und
als Mastab gelten kann. Meist handelt es
sich dabei um ein allgemein anerkanntes
Verfahren, das bereits seit lngerer Zeit
von verschiedenen Untersuchern
angewandt wird. Eine statistische
Wirksamkeitsberprfung des betreffenden
Verfahrens muss nicht unbedingt
stattgefunden haben.
Im Rahmen der Bemhungen um
mehr Evidenz in der Medizin und den
hieraus gewonnenen Erkenntnissen
entwickelte die Arbeitsgemeinschaft der
Wissenschaftlichen Medizinischen
Fachgesellschaften e.V. (AWMF) Leitlinien fr
Diagnostik und Therapie.
EbM in der wissenschaftlichen
Diskussion
Nach Einfhrung von EbM und der
AWMF-Leitlinien fanden sich
ablehnende und kritische, aber auch viele positive
Stimmen. Es folgte eine Phase der
kontrovers und zu Teilen heftig gefhrten (nicht
immer sachlichen) und von Sachverstand
geprgten Diskussion.
Evidenzbasierte Medizin in der
Chirurgie mutet an wie ein Partygesprch ber
ein Buch, das allenfalls einer wirklich
gelesen hat und von dem mancher den
Klappentext, einige die Kritiken und viele nur
den Titel kennen. [15]
Die Befrworter der EbM weisen
darauf hin, dass nun Riten und Mythen aus
der Medizin verschwinden wrden.
Eine interessengeprgte Meinungsbildung
htte weniger Aussicht auf Erfolg, da sich
wissenschaftliche Ergebnisse einer
berprfung unterziehen mssen. Die
Bewertung der klinischen Erfahrung wrde mit
Einfhrung der EbM auf das notwendige
und sinnvolle Ma reduziert. Eine
eminenzbasierte Medizin sei so zum
Scheitern verurteilt. Weitere Argumente fr
eine EbM sind die rationale Absicherung
von neuen Verfahren vor deren
generellen Einsatz. Auch verspricht man sich
durch EbM einen durchschaubareren,
vollstndigeren und schnelleren Transfer
von Forschungsergebnissen in die
Praxis. Dies scheint bei einer immer
krzeren Halbwertszeit des medizinischen
Wissens dringend geboten. Die stndig
wachsende Informationsmenge verlangt
effiziente Strategien, um unwichtige von
wertvollen Daten zu trennen. Letztere mssen
auf ihre Qualitt hin berprft und fr die
klinische Praxis verfgbar gemacht
werden [2, 7]. Das Konzept, systematische
bersichtsarbeiten und Metaanalysen zu
erstellen, scheint sich hierbei zu
bewhren [17, 19].
Die Aussagekraft der so erstellten
bersichtsarbeiten und Metaanalysen
hngt in erheblichem Mae von der
Qualitt sowohl der Originalarbeiten als auch
des Auswahlverfahrens der in die
Analyse aufgenommenen Originalarbeiten ab.
Sowohl die Originalarbeiten als auch die
erstellten systematischen
bersichtsarbeiten oder Metaanalysen knnen
erhebliche methodische Schwchen aufweisen
[8, 10]. Schtzungsweise kommen
heute nur etwa 50% des wissenschaftlich
erarbeiteten Wissens zur Verffentlichung,
die Hlfte geht nicht berichtet verloren
(. Abb.2 ).
Kritiker der EbM sehen die rztliche
Therapiefreiheit in erheblichem Mae
bedroht. Es wird von unkritischer,
kostenoptimierter, nicht mehr individueller
Kochbuchmedizin gesprochen. Man weist
darauf hin, dass Ergebnisse aus groen
Studien z. T. fr die Therapie des
Individuums unbrauchbar sind. Eine
Beweisfhrung ist aufgrund kleiner Fallzahlen und
ethisch nicht vertretbarer Studien in
vielen Bereichen der Medizin nur schwe (...truncated)