Die BASF geht — Was geht uns das an?

BIOspektrum, Mar 2012

Wolfgang Nellen

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Die BASF geht — Was geht uns das an?

- DIE ZUNEHMENDEN REGLEMENTIERUNGEN STELLEN DEN WISSENSSTANDORT DEUTSCHLAND INFRAGE UND REDUZIEREN DIE MGLICHKEITEN ZU EINEM WISSENSBASIERTEN DIALOG MIT DER FFENTLICHKEIT. Am 16. Januar 2012 gab die BASF bekannt, dass sie die Unternehmensgesellschaft BASF Plant Science in Deutschland einstellt und die Aktivitten im Bereich Grne Gentechnik in die USA verlagert. Als Begrndung wurde genannt, dass die Akzeptanz in Deutschland nicht vorhanden und Entwicklungsarbeit in Deutschland bzw. Mitteleuropa daher perspektivlos sei. Die Konsequenz: Es werden zuknftig mit gentechnischen Methoden auch keine Pflanzen mehr entwickelt, die an die Bedrfnisse in Mitteleuropa angepasst sind. Ob das wirklich sinnvoll ist, darf bezweifelt werden. Ist die Grne Gentechnik damit endgltig gescheitert, wie Ulrike Hfgen, Umweltministerin in RheinlandPfalz feststellt? Fakt ist, dass weltweit ca. 150 Millionen Hektar transgene Nutzpflanzen angebaut werden Tendenz steigend. Gescheitert ist die Grne Gentechnik allerdings in Mitteleuropa, wo sie in den 1980er-Jahren mit Jeff Schell und Marc von Montagu begann. Es gelang einer starken, international aufgestellten Interessenvertretung, eine sehr erfolgreiche Protestbewegung zu initiieren, nach und nach ihren Einfluss auszubauen und schlielich sogar Einfluss auf die Sprache zu nehmen (Genmanipulation, Genfood, Gengemse usw.). Fr uns Wissenschaftler ist es erschreckend und deprimierend, dass alle Anstrengungen, die Menschen zu informieren und eine wissensbasierte Diskussion zu fhren, gescheitert sind. Die Entscheidung gegen die Grne Gentechnik fiel fast ausschlielich emotional, solide Forschungsergebnisse spielten dabei so gut wie keine Rolle, wohingegen manch fragwrdige Studie erstaunliche Popularitt erlangte. Der Rckzug der BASF bedeutet nicht, dass in Deutschland die Forschung vllig eingestellt wird, er ist aber ein deutliches Signal und wirft Fragen auf: Inwieweit ist es gerechtfertigt, noch in die relevanten pflanzenbiotechnologischen Studiengnge zu investieren, wenn deren anwendungsorientierte Absolventen allein fr das Ausland ausgebildet werden? Welche Einflussmglichkeiten hat Deutschland in Zukunft noch in der internationalen Forschung und Entwicklung im Bereich der Grnen Gentechnik? Last but not least: Was haben wir als Wissenschaftler falsch gemacht? Zunchst nicht viel: Den berhmten Elfenbeinturm gibt es nicht mehr. Forschungsinstitute und Universitten haben mit viel Engagement die Tren geffnet, sie haben gute ffentlichkeitsarbeit geleistet und tun dies noch. Sie beteiligen sich an der Unterrichtsgestaltung in Schulen und stehen zur Diskussion zur Verfgung. Die Fehler liegen meines Erachtens in der Wissenschaft selbst, in ihrer Eigenschaft, Ergebnisse zu hinterfragen und stets Zweifel zu haben. Politiker und Gentechnikgegner machen dagegen klare Aussagen egal, ob sie nun richtig sind oder nicht. Hinzu kommt, dass ein Vortrag oder eine Laborfhrung nicht so spektakulr und medienwirksam sind wie ein Traktor-Konvoi oder eine Aktion im Supermarkt (zu der man Wissenschaftler wohl kaum motivieren knnte). Nicht zuletzt hngt der Kampf um die ffentliche Meinung weniger von Argumenten als vom Geld ab. Greenpeace beispielsweise hat in Deutschland ein Spendenaufkommen von knapp 50 Millionen Euro, aus dem rund 160 Mitarbeiter finanziert werden. Von solchen Voraussetzungen knnen Wissenschaftler nur trumen besonders die stark zersplitterten Biowissenschaften. Fachgesellschaften bernehmen wichtige Funktionen fr ihre Community. Eine noch so fundierte Stellungnahme einer Fachgesellschaft mit 500 oder auch 2.000 Mitgliedern reizt die Medien aber weniger als 50.000 Unterschriften gegen Gendreck. Die einzige Chance, biowissenschaftliche Themen mit gesellschaftlichem Bezug auf einer rationalen Basis in der ffentlichkeit zu diskutieren, liegt in einer starken, sichtbaren biowissenschaftlichen Community mit all ihren Facetten. Der VBIO arbeitet daran, eine solche Community aufzubauen. Dabei werden wir hufig von Kollegen aus Fachgesellschaften gefragt, was sie denn von einer VBIO-Mitgliedschaft htten? Einfacher zu beantworten ist die Gegenfrage: Welche Chancen verpassen die Biowissenschaftler ohne eine starke Interessenvertretung? Der Rckzug der BASF Plant Science ist hier nur ein Beispiel von vielen. nderungen bei Tierschutz, Biostoffverordnung, Gentechnikgesetz, Gendiagnostik, Tiertransporten und anderes mehr werden die Arbeitsmglichkeiten vieler Biowissenschaftler und die Ausbildung des Nachwuchses an Schule und Hochschule beeintrchtigen. Auf lange Sicht stellen die zunehmenden Reglementierungen damit den Wissensstandort Deutschland infrage und reduzieren die Mglichkeiten, einen wissensbasierten Dialog mit der ffentlichkeit zu fhren, noch weiter. Daher ist es geradezu berlebenswichtig, dass wir Biowissenschaftler jenseits der Fchergrenzen gemeinsam mit einer krftigen Stimme sprechen. Und diese krftige Stimme kann nach Lage der Dinge eigentlich nur der VBIO sein, davon bin ich berzeugt. (...truncated)


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Wolfgang Nellen. Die BASF geht — Was geht uns das an?, BIOspektrum, 2012, pp. 119-119, Volume 18, Issue 2, DOI: 10.1007/s12268-012-0149-0