Hypergespaltene Städten und die ‚unmoralischen‘ Superreichen – Fünf abschließende Fragen
s u b \ u r b a n . zeitschrift für kritische stadtforschung
Debatte
2018, Band 6, Heft 2/3
Seiten 91-104
zeitschrift-suburban.de
Hypergespaltene Städte und die
‚unmoralischen‘ Superreichen –
Fünf abschließende Fragen*
Ray Forrest, Sin Yee Koh,
Bart Wissink
‚Hypergespaltene Städte
und die ‚unmoralischen‘
Superreichen – Fünf
abschließende Fragen‘
Kommentare von:
Michael Hartmann,
Susanne Heeg, Anna-Lisa
Müller, Laura Calbet i Elias
Ray Forrest
Sin Yee Koh
Bart Wissink
Vorbemerkung
* Kapitel 14 aus: Forrest,
Ray; Koh, Sin Yee; Wissink,
Bart (Hg.) (2017): Cities
and the Super-Rich. Real
Estate, Elite Practices
and Urban Political
Economies.New York:
Palgrave Macmillan US
(The Contemporary City).
Der vorliegende Text wurde zuerst in englischer Sprache als Schlusskapitel
des Sammelbandes Cities and the Super-Rich: Real Estate, Elite Practices
and Urban Political Economies bei Palgrave Macmillan veröffentlicht. Der
von den Autor_innen dieses Artikels herausgegebene Band versammelte
Beiträge aus einem breiten Spektrum unterschiedlicher Disziplinen und
Länder. Das Kapitel sollte die im Buch behandelten Kernthemen zusammenfassen und Vorschläge unterbreiten, welche Themenfelder der weiteren
empirischen Untersuchung bedürfen. Es sollte zudem zu einer Debatte
über Rolle und Einfluss der Superreichen in Städten anregen. Da seit der
Niederschrift des Kapitels einige Zeit vergangen ist, würden wir manche der
getroffenen Aussagen nun unweigerlich präzisieren, einschränken oder ergänzen. Dennoch halten wir die fünf damals gestellten Fragen auch weiterhin
für zentrale Aspekte der Debatte und so haben wir uns entschieden, die ursprüngliche Fassung unverändert beizubehalten.
Die Idee für das Buch – und für den Workshop, der die daran Mitwirkenden
zusammenbrachte – entsprang der Feststellung, dass sich in der Populärkultur
wie auch in weiten Teilen der akademischen Literatur eine deutliche Tendenz
zeigte, eine neue superreiche Elite für die dramatischen, von größeren sozialen und räumlichen Ungleichheiten geprägten Veränderungen der urbanen
Morphologie verantwortlich zu machen. Derartige Entwicklungen sind häufig
mit sogenannten ‚Lead Cities‘ oder ‚Global Cities‘ in Zusammenhang gebracht
worden. In diesem Narrativ schwang unterschwellig und oft auch unverhohlen eine deutliche moralische Ächtung mit. In unserem Schlusskapitel wurde
dieser Aspekt nochmals aufgegriffen. Das Argument war, dass – obwohl die
zunehmende Konzentration von Reichtum in den Händen kleiner Eliten
tatsächlich des politischen und kritischen Engagements der Stadtforschung
bedarf – eine anklagende Deutung des Problems, die den Blick allein auf die
superreichen Akteur_innen selbst richtet, das Risiko einer eindimensionalen
und zu engen Analyse bergen würde. Stattdessen bedürfte es mehr empirischer Forschung, um die konkrete Rolle der Superreichen im Verhältnis zu
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anderen Triebkräften zu ergründen. Vor diesem Hintergrund formulierte
das Kapitel fünf zentrale Fragen. Die erste Frage war, was an den gegenwärtigen Ausprägungen von Vermögensungleichheit und Hyper-Spaltung
so neuartig ist. Zweitens wurde darauf hingewiesen, dass es unerlässlich
sei, die soziale und institutionelle Infrastruktur rund um diese superreichen
Eliten zu analysieren: Was ist mit all den anderen Akteur_innen, die deren
Handeln ermöglichen und begünstigen? Ist, drittens, die nationale wie kommunale Politik aufgrund ihrer Bemühungen, superreiche Investor_innen
und Einwohner_innen zu gewinnen, nicht ebenfalls zutiefst in diese Prozesse
verstrickt? Das vierte Argument war, dass die enge Beziehung zwischen
neoliberaler Finanzialisierung, Urbanisierung und Immobilienmarkt der
zentrale analytische Ausgangspunkt sei, um den Wandel, dem städtische
Ökonomien unterliegen, zu verstehen. Und schlussendlich wurde darauf
hingewiesen, dass diese Beziehungen und Fragen wie auch das Wesen und
die Rolle der superreichen Eliten von Stadt zu Stadt sehr unterschiedlich
ausfallen können. Die Superreichen Berlins könnten beispielsweise andere
ökonomische Interessen haben, eine andere soziale Zusammensetzung und
ein anderes Verhältnis zur Stadt aufweisen als ihre Pendants in beispielsweise
New York oder Hongkong.
Einleitung
Am Anfang dieses Buches standen zwei miteinander verwobene Fragen:
Wer sind die Superreichen? Und wo sind die Superreichen? Wir plädierten
dafür, sich zur Klärung dieser Fragen auf Städte zu konzentrieren, da der
städtische Raum zur Bühne geworden ist, auf der die Superreichen und ihre
Aktivitäten in Erscheinung treten. In diesem Sinne untersucht das Buch drei
miteinander zusammenhängende Themenblöcke: Erstens die Superreichen
und ihre Investitionen in Immobilien unter besonderer Berücksichtigung der
aktuellen Entwicklung und öffentlichen Wahrnehmung in bestimmten Städ
ten (Teil I des Bandes), zweitens die exklusiven Räume und Praktiken der
Superreichen, vor allem im soziokulturellen und im Freizeitbereich (Teil II),
und drittens die Beziehungen zwischen Superreichtum und Grundeigentum
in bestimmten Städten aus der analytischen Perspektive der urbanen politischen Ökonomie (Teil III). Zusammengenommen vermitteln die Beiträge
einen Eindruck davon, wie unterschiedlich sich die Beziehungen zwischen
Städten und Superreichen weltweit gestalten.
Bleibt freilich noch die Frage nach der Handlungsmacht (Davies, in diesem Band), die bislang nicht thematisiert wurde, zumindest nicht direkt oder
explizit. Im akademischen und öffentlichen Diskurs sind die Superreichen
zu bequemen Sündenböcken für wachsende urbane Ungleichheiten und
andere Folgen der neoliberalen Finanzialisierung geworden (siehe auch Koh/
Wissink/Forest 2016). Während der Fertigstellung dieses Buches erschien
in der South China Morning Post ein Artikel, der exemplarisch, wenn auch
aus einem ganz anderen Blickwinkel zeigt, wie weit diese anklagende Lesart
der Rolle der Superreichen verbreitet ist (Simpson 2015). Der Bericht über
die jüngsten Entwicklungen im renommierten (britischen) Wentworth Golf
Club setzte sich kritisch damit auseinander, wie ‚unmoralische‘ Änderungen,
eingeführt durch den neuen (chinesischen) Besitzer, die Reignwood Group,
Forrest / Koh / Wissink
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die Zahl der Mitglieder von 4.000 auf 800 drückte, während gleichzeitig die
Mitgliedsbeiträge in die Höhe geschraubt wurden. Ein empörtes Mitglied,
das sich nach 28 Jahren im Verein neu um die Mitgliedschaft bewerben
musste, beschuldigte die neuen Besitzer, „eine nationale Institution in
eine Enklave der Superreichen zu verwandeln“. Ein anderer warnte, die
Verkleinerung auf „ein paar Hundert ultrahochvermögende ausländische
Mitglieder“ werde den Club und die Gemeinde zu „einer Geisterstadt“ machen. Plakate mit dem Slogan „Rettet Wentworth für die Nation“ hingen
an vielen der abgeschotteten Herrenhäuser rund um den Golfplatz und der
örtliche Parlamentsabgeordnete, der damalige britische Außenminister
Philip Hammond, wurde eingespannt, um ein Treffen mit den chinesischen
Besitzern z (...truncated)