Hypergespaltene Städten und die ‚unmoralischen‘ Superreichen – Fünf abschließende Fragen

s u b u r b a n : zeitschrift für kritische stadtforschung, Oct 2018

Der vorliegende Text wurde zuerst in englischer Sprache als Schlusskapitel des Sammelbandes Cities and the Super-Rich: Real Estate, Elite Practices and Urban Political Economies bei Palgrave Macmillan veröffentlicht. Der von den Autor_innen dieses Artikels herausgegebene Band versammelte Beiträge aus einem breiten Spektrum unterschiedlicher Disziplinen und Länder. Das Kapitel sollte die im Buch behandelten Kernthemen zusammenfassen und Vorschläge unterbreiten, welche Themenfelder der weiteren empirischen Untersuchung bedürfen. Es sollte zudem zu einer Debatte über Rolle und Einfluss der Superreichen in Städten anregen.

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Hypergespaltene Städten und die ‚unmoralischen‘ Superreichen – Fünf abschließende Fragen

s u b \ u r b a n . zeitschrift für kritische stadtforschung Debatte 2018, Band 6, Heft 2/3 Seiten 91-104 zeitschrift-suburban.de Hypergespaltene Städte und die ‚unmoralischen‘ Superreichen – Fünf abschließende Fragen* Ray Forrest, Sin Yee Koh, Bart Wissink ‚Hypergespaltene Städte und die ‚unmoralischen‘ Superreichen – Fünf abschließende Fragen‘ Kommentare von: Michael Hartmann, Susanne Heeg, Anna-Lisa Müller, Laura Calbet i Elias Ray Forrest Sin Yee Koh Bart Wissink Vorbemerkung * Kapitel 14 aus: Forrest, Ray; Koh, Sin Yee; Wissink, Bart (Hg.) (2017): Cities and the Super-Rich. Real Estate, Elite Practices and Urban Political Economies.New York: Palgrave Macmillan US (The Contemporary City). Der vorliegende Text wurde zuerst in englischer Sprache als Schlusskapitel des Sammelbandes Cities and the Super-Rich: Real Estate, Elite Practices and Urban Political Economies bei Palgrave Macmillan veröffentlicht. Der von den Autor_innen dieses Artikels herausgegebene Band versammelte Beiträge aus einem breiten Spektrum unterschiedlicher Disziplinen und Länder. Das Kapitel sollte die im Buch behandelten Kernthemen zusammenfassen und Vorschläge unterbreiten, welche Themenfelder der weiteren empirischen Untersuchung bedürfen. Es sollte zudem zu einer Debatte über Rolle und Einfluss der Superreichen in Städten anregen. Da seit der Niederschrift des Kapitels einige Zeit vergangen ist, würden wir manche der getroffenen Aussagen nun unweigerlich präzisieren, einschränken oder ergänzen. Dennoch halten wir die fünf damals gestellten Fragen auch weiterhin für zentrale Aspekte der Debatte und so haben wir uns entschieden, die ursprüngliche Fassung unverändert beizubehalten. Die Idee für das Buch – und für den Workshop, der die daran Mitwirkenden zusammenbrachte – entsprang der Feststellung, dass sich in der Populärkultur wie auch in weiten Teilen der akademischen Literatur eine deutliche Tendenz zeigte, eine neue superreiche Elite für die dramatischen, von größeren sozialen und räumlichen Ungleichheiten geprägten Veränderungen der urbanen Morphologie verantwortlich zu machen. Derartige Entwicklungen sind häufig mit sogenannten ‚Lead Cities‘ oder ‚Global Cities‘ in Zusammenhang gebracht worden. In diesem Narrativ schwang unterschwellig und oft auch unverhohlen eine deutliche moralische Ächtung mit. In unserem Schlusskapitel wurde dieser Aspekt nochmals aufgegriffen. Das Argument war, dass – obwohl die zunehmende Konzentration von Reichtum in den Händen kleiner Eliten tatsächlich des politischen und kritischen Engagements der Stadtforschung bedarf – eine anklagende Deutung des Problems, die den Blick allein auf die superreichen Akteur_innen selbst richtet, das Risiko einer eindimensionalen und zu engen Analyse bergen würde. Stattdessen bedürfte es mehr empirischer Forschung, um die konkrete Rolle der Superreichen im Verhältnis zu 92 s u b \ u r b a n 2018, Band 6, Heft 2/3 anderen Triebkräften zu ergründen. Vor diesem Hintergrund formulierte das Kapitel fünf zentrale Fragen. Die erste Frage war, was an den gegenwärtigen Ausprägungen von Vermögensungleichheit und Hyper-Spaltung so neuartig ist. Zweitens wurde darauf hingewiesen, dass es unerlässlich sei, die soziale und institutionelle Infrastruktur rund um diese superreichen Eliten zu analysieren: Was ist mit all den anderen Akteur_innen, die deren Handeln ermöglichen und begünstigen? Ist, drittens, die nationale wie kommunale Politik aufgrund ihrer Bemühungen, superreiche Investor_innen und Einwohner_innen zu gewinnen, nicht ebenfalls zutiefst in diese Prozesse verstrickt? Das vierte Argument war, dass die enge Beziehung zwischen neoliberaler Finanzialisierung, Urbanisierung und Immobilienmarkt der zentrale analytische Ausgangspunkt sei, um den Wandel, dem städtische Ökonomien unterliegen, zu verstehen. Und schlussendlich wurde darauf hingewiesen, dass diese Beziehungen und Fragen wie auch das Wesen und die Rolle der superreichen Eliten von Stadt zu Stadt sehr unterschiedlich ausfallen können. Die Superreichen Berlins könnten beispielsweise andere ökonomische Interessen haben, eine andere soziale Zusammensetzung und ein anderes Verhältnis zur Stadt aufweisen als ihre Pendants in beispielsweise New York oder Hongkong. Einleitung Am Anfang dieses Buches standen zwei miteinander verwobene Fragen: Wer sind die Superreichen? Und wo sind die Superreichen? Wir plädierten dafür, sich zur Klärung dieser Fragen auf Städte zu konzentrieren, da der städtische Raum zur Bühne geworden ist, auf der die Superreichen und ihre Aktivitäten in Erscheinung treten. In diesem Sinne untersucht das Buch drei miteinander zusammenhängende Themenblöcke: Erstens die Superreichen und ihre Investitionen in Immobilien unter besonderer Berücksichtigung der aktuellen Entwicklung und öffentlichen Wahrnehmung in bestimmten Städ ten (Teil I des Bandes), zweitens die exklusiven Räume und Praktiken der Superreichen, vor allem im soziokulturellen und im Freizeitbereich (Teil II), und drittens die Beziehungen zwischen Superreichtum und Grundeigentum in bestimmten Städten aus der analytischen Perspektive der urbanen politischen Ökonomie (Teil III). Zusammengenommen vermitteln die Beiträge einen Eindruck davon, wie unterschiedlich sich die Beziehungen zwischen Städten und Superreichen weltweit gestalten. Bleibt freilich noch die Frage nach der Handlungsmacht (Davies, in diesem Band), die bislang nicht thematisiert wurde, zumindest nicht direkt oder explizit. Im akademischen und öffentlichen Diskurs sind die Superreichen zu bequemen Sündenböcken für wachsende urbane Ungleichheiten und andere Folgen der neoliberalen Finanzialisierung geworden (siehe auch Koh/ Wissink/Forest 2016). Während der Fertigstellung dieses Buches erschien in der South China Morning Post ein Artikel, der exemplarisch, wenn auch aus einem ganz anderen Blickwinkel zeigt, wie weit diese anklagende Lesart der Rolle der Superreichen verbreitet ist (Simpson 2015). Der Bericht über die jüngsten Entwicklungen im renommierten (britischen) Wentworth Golf Club setzte sich kritisch damit auseinander, wie ‚unmoralische‘ Änderungen, eingeführt durch den neuen (chinesischen) Besitzer, die Reignwood Group, Forrest / Koh / Wissink 93 die Zahl der Mitglieder von 4.000 auf 800 drückte, während gleichzeitig die Mitgliedsbeiträge in die Höhe geschraubt wurden. Ein empörtes Mitglied, das sich nach 28 Jahren im Verein neu um die Mitgliedschaft bewerben musste, beschuldigte die neuen Besitzer, „eine nationale Institution in eine Enklave der Superreichen zu verwandeln“. Ein anderer warnte, die Verkleinerung auf „ein paar Hundert ultrahochvermögende ausländische Mitglieder“ werde den Club und die Gemeinde zu „einer Geisterstadt“ machen. Plakate mit dem Slogan „Rettet Wentworth für die Nation“ hingen an vielen der abgeschotteten Herrenhäuser rund um den Golfplatz und der örtliche Parlamentsabgeordnete, der damalige britische Außenminister Philip Hammond, wurde eingespannt, um ein Treffen mit den chinesischen Besitzern z (...truncated)


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