„Keine unklugen Leute“. Die Durchsetzung des „Stadtumbau Ost“
s u b \ u r b a n . zeitschrift für kritische stadtforschung
Aufsatz
2017, Band 5, Heft 1/2
Seiten 41-60
zeitschrift-suburban.de
„Keine unklugen Leute“
Die Durchsetzung des „Stadtumbau Ost“
Matthias Bernt
Der Beitrag untersucht die Herausbildung des Bund-Länder-Programms „Stadtumbau
Ost“ um die Jahrtausendwende. Er analysiert dabei das Zusammenwirken von Interessen,
Ideen und Akteuren, die diesem (damals) neuartigen Ansatz der deutschen Stadtentwick
lungspolitik zugrunde lag. In der empirischen Analyse wird deutlich, dass der Stadtumbau
in seiner Genese nur als „Hybrid“ aus einem Rettungsprogramm für die ostdeutsche
Wohnungswirtschaft und weitergehenden strategischen Planungsansprüchen für die
„schrumpfende Stadt“ adäquat verstanden werden kann. Das Zustandekommen dieser
doppelten Orientierung spiegelt gleichzeitig die Durchsetzungsstärke einzelner „Schlüssel
personen“ wieder, denen es gelang, auf die Ausrichtung des im Entstehen begriffenen
Programms prägenden Einfluss zu nehmen.
Ersteinreichung: 26. Juli 2016; Veröffentlichung online: 21. Juni 2017
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1. Einleitung
Seit der Jahrtausendwende ist das Bund‑Länder‑Programm „Stadtumbau
Ost“ ein zentraler Baustein der deutschen Stadtentwicklungspolitik. Es
ist ein außerordentlich ‚harter‘ Planungsgegenstand. Bislang wurden im
Rahmen des Stadtumbaus etwa 370.000 Wohnungen abgerissen; hierdurch
hat sich in fast allen ostdeutschen Städten das Gesicht ganzer Wohngebiete
fundamental verändert. Nichtsdestotrotz hat das Thema im Bereich der
kritischen Stadtforschung bislang nur wenig Aufmerksamkeit gefunden.
Vor diesem Hintergrund adressiert der vorliegende Artikel zwei For
schungslücken: Dies ist zum einen die Fokussierung des Gros der wissen
schaftlichen Diskussion über den Stadtumbau auf die lokale Ebene. Bei
träge, die innerhalb des letzten Jahrzehnts erarbeitet wurden, haben so
vielfach neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Stadtverwaltungen
und lokalen Wohnungsunternehmen beleuchtet (vgl. BMVBW/BBR 2003,
Kabisch et al. 2003, Altrock 2004, Bernt 2009, Bernt/Haus 2010, Wiechmann/
Pallagst 2012). Dabei wurde beispielsweise ein Trend zu neuen „grant coalitions“
(Bernt 2009) festgestellt, in denen lokale Akteure ihre Strategien nach den Be
dürfnissen überlokaler Förderinstitutionen ausrichten. In diesem Zuge wurde
nationalen und europäischen Stadtentwicklungspolitiken eine prägende Wir
kung auf die lokalen Stadtumbaupraxen zugesprochen. Gleichzeitig wurde
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die Herausbildung eben dieser Politiken auf nationaler Ebene bislang nicht
untersucht. Entsprechend zielt dieser Beitrag auf eine empirische Analyse des
Zustandekommens des „Stadtumbau Ost“. Es geht mir also um eine Studie,
die vor allem den Anspruch hat, eine Wissenslücke in Bezug auf ein eminent
wichtiges Praxisfeld der Stadtplanung in Deutschland zu schließen.
Eng verwandt mit der mangelnden Ausleuchtung der nationalen Ent
scheidungsebene ist eine zweite Lücke in der Stadtumbaudiskussion:
Während viele Beiträge den Stadtumbau als Zeichen einer neuen Offenheit
von Entscheidungsträgern für eine Stadtentwicklung ohne Wachstum
interpretiert haben (vgl. BMVBW 2001, Lang/Tenz 2003, Kil 2004, Wiech
mann 2008), mehren sich aktuell (auch vor dem Hintergrund wieder stei
gender Bevölkerungszahlen) Stimmen, die den erfolgten Abriss als eine von
neoliberalen Konzeptionen geleitete Interessenpolitik zugunsten der Woh
nungsunternehmen kritisieren. In beiden Diskussionssträngen bleibt das
Argumentationsgerüst jedoch in der Regel seltsam ‚akteurslos‘. Im ersten Fall
stehen neuartige Ideen sozusagen ‚neben‘ Akteuren, Interessen und Hand
lungsrestriktionen (kritisch hierzu auch Bernt et al. 2014); es bleibt somit
im Unklaren, wie zweifelsohne wünschenswerte neue Planungsparadigmen
an Wirkungsmacht gewinnen konnten. In der zweiten Argumentationslinie
wirken strukturelle Interessen ebenfalls ‚hinter dem Rücken‘ von Akteuren
und es bleibt unbestimmt, wie und warum sich diese im Regierungshandeln
tatsächlich durchsetzen konnten.
Aus meiner Sicht verweist dieser Diskussionsstand auf ein tieferes wis
senschaftliches Problem: die unbestimmte Konzeptionalisierung der Rolle
individueller Akteure für den Wandel von Planungspolitiken. In der Stadt
forschungsliteratur wird so häufig auf die Schlüsselrolle einzelner ‚Personen‘
(z. B. von Robert Moses für den autogerechten Umbau New Yorks oder von
Karl Ganser für die „IBA Emscher Park“) verwiesen – gleichzeitig lassen sich
aber sehr unterschiedliche Vorstellungen darüber finden, wie dieser „Faktor X“
(Gailing/Ibert 2016) genau zum Tragen kommen kann. Unterschiedliche
konzeptionelle Zugänge stehen hier häufig nebeneinander und die Rolle von
Schlüsselfiguren wird mal mit persönlichen Qualitäten (Schumpeter 1910,
Weber 1921, Grint 2000), mal mit Netzwerkpositionen (Tushman 1977,
Burt 1992 und 2004, Vedres/Stark 2010), und wieder ein anderes Mal mit den
Strukturen von Politikprozessen (Kingdon 1984, Sabatier/Smith 1993) erklärt.
Im vorliegenden Aufsatz versuche ich zu zeigen, dass den unterschiedlichen
Ansätzen zur Erklärung des Wirkens von ‚Schlüsselpersonen‘ tatsächlich
ein heuristisches Potenzial zugrunde liegt, ohne dessen Nutzbarmachung
ein tieferes Verständnis von planungspolitischen Umbrüchen (wie dem
„Stadtumbau Ost“) nur schwer gelingen kann. Gleichzeitig argumentiere ich,
dass eine realistische Einschätzung der Reichweite des Handelns individueller
Akteure nur dann gelingen kann, wenn ihre personenbezogenen Potenziale
mit den für sie bestimmenden institutionellen Einbindungen, ihrer Rolle
in Interessenkonstellationen und den ihnen zur Verfügung stehenden
Machtressourcen zusammen gedacht werden. In der empirischen Analyse
müssen also wirtschaftliche, institutionelle und ideenbezogene Umstände
gleichermaßen Berücksichtigung finden.
Mit der Absicht, das Zusammenspiel dieser Faktoren zu beleuchten,
diskutiert der Aufsatz zentral das Wirken von drei Schlüsselfiguren, die das
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Zustandekommen des „Stadtumbau Ost“ auf je verschiedene Weise entschei
dend geprägt haben. Sie stehen als Beispiele für eine größere Gruppe von ein
bis zwei Dutzend Individuen, für die ein relevanter Einfluss belegt werden kann
und die zum Zustandekommen des „Stadtumbau Ost“ beigetragen haben.
Die drei hier vorgestellten „Schlüsselpersonen“ stehen dabei stellvertretend
für drei Makro‑Gruppen von Akteuren (Wohnungswirtschaft, Planung/
Politikberatung und Landesregierung), die Einfluss auf die Gestaltung des
Stadtumbaus genommen haben.
Das dieser Untersuchung zugrunde liegende empirische Material wurde
in den Jahren 2014 und 2015 im Rahmen eines institutsfinanzierten For
schungsprojektes zum Thema „Schlüsselpersonen in der Raumentwicklung“
am Leibniz-Institut für raumbezogene Sozialforschung gesammelt.[1]
Methodisch stützt sich die Studie auf zwei Kernbausteine:
1. eine Literaturauswertung, in die neben wissenschaftlichen Publi
kationen vor allem die Jahrgänge 1997 (...truncated)