Ein Urbanismus der Ungleichheit
s u b \ u r b a n . zeitschrift für kritische stadtforschung
Aufsatz
2018, Band 6, Heft 1
Seiten 9-28
zeitschrift-suburban.de
Ein Urbanismus der Ungleichheit
‚Neue soziale Stadtpolitik‘ in Hamburg als Strategie der Verbürgerlichung
Moritz Rinn
In Deutschland werden gegenwärtig verschiedene stadtpolitische Re-Regulierungen
beobachtet: neue Wohnungsbauprogramme, Instrumente zur Mietpreisbegrenzung oder
Ansätze zur Restriktion von Investitionen in Gentrifizierungsgebieten. Nun wird diskutiert,
ob solche ‚sozialen‘ Re-Regulierungen einen Bruch mit urbaner Neoliberalisierung anzeigen.
Der Aufsatz geht dieser Frage am Beispiel Hamburgs nach. Hier haben Forscher_innen
kontroverse Positionen vertreten, ob ‚progressive‘ Strategien hin zu einer ‚Stadt für alle‘ zu
beobachten sind. Der Aufsatz stellt zunächst die stadtpolitischen Re-Regulierungen vor und
rekonstruiert anschließend die darin produktiven normativ-strategischen Rationalitäten
politisch-administrativer Akteur_innen. Die zusammenführende Analyse zeigt, dass sich in
Hamburg sozial-integrierte und unternehmerische Strategien zu einem ‚Urbanismus der
Ungleichheit‘ verdichten. Die ‚Stadt für alle‘ soll durch Strategien der Verbürgerlichung
realisiert werden, die Ungleichheiten verstärken.
Ersteinreichung: 18. Januar 2018; Veröffentlichung online: 20. Mai 2018
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1. Einleitung
In der hiesigen Stadtforschung wird derzeit verstärkt diskutiert, wie jene
stadtpolitischen Transformationen einzuschätzen seien, die in den letzten
Jahren auf erstarkende städtische soziale Bewegungen und öffentliche
Thematisierungen von Gentrifizierung, steigenden Mieten und ‚Wohnungsnot‘
in zahlreichen deutschen Städten folgten. Politisch-administrative ReRegulierungen zielen vor allem auf eine Steigerung des Wohnungsneubaus
in stark nachgefragten Städten und dabei auch auf die Schaffung von
Sozialwohnungen. Einige Stadtregierungen setzen baurechtliche Instru
mente zur Steuerung von Investitionen in Gentrifizierungsgebieten ein,
um Verdrängungsprozessen entgegenzuwirken. Auf Bundesebene wurde
versucht, Mietsteigerungen durch neue Rechtsinstrumente zu begrenzen.
Nun steht die Frage im Raum, ob solche ‚sozial‘ orientierten Re-Regulierungen
Anlass zur Hoffnung auf ein Ende urbaner Neoliberalisierung und auf eine
gerechtere ‚Stadt für alle‘ geben. Im vorliegenden Aufsatz diskutiere ich
diese Frage am Beispiel der Stadt Hamburg. Hier haben etwa Vogelpohl und
Buchholz (2017) zuletzt experimentelle Brüche mit vorherigen neoliberalen
Stadtpolitiken beobachtet, während Metzger und Schipper (2017) stärker
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die fortgesetzte Markt- und Verwertungsorientierung wohnungspolitischer
Re-Regulierungen betonen.
Hamburg eignet sich exemplarisch für die Diskussion gegenwärtiger
stadtpolitischer Transformationen. Hier haben städtische soziale Bewe
gungen in der jüngeren Vergangenheit machtvoll Konflikte um die ‚Stadt
für alle‘ artikuliert, die ebenso wie die folgenden Reaktionen politischadministrativer Akteur_innen in der Stadtforschung breit diskutiert wur
den (vgl. u.a. Metzger/Schipper 2017, Vogelpohl/Buchholz 2017, Rinn
2016, Vrenegor 2012, Füllner/Templin 2011, Birke 2010). Im folgenden
zweiten Abschnitt stelle ich die teils kontroversen Analysen dieser ‚neuen
sozialen Stadtpolitik‘ in Hamburg zunächst in den Kontext wohnungs
politischer Transformationen auf den verschiedenen politisch-adminis
trativen Ebenen der Bundesrepublik. Um am Hamburger Beispiel nun
mögliche stadt- und wohnungspolitische Brüche beziehungsweise Konti
nuitäten herausarbeiten zu können, schlage ich im dritten Abschnitt eine
genealogisch und staatsanalytisch orientierte Analyseperspektive auf das
stadtentwicklungspolitische Machtfeld vor. Denn, so mein Argument,
die gegenwärtigen – vor allem wohnungspolitischen – Re-Regulierungen
können analytisch schärfer eingeordnet werden, wenn die stadtpolitischen
Rationalitäten und Institutionalisierungen rekonstruiert werden, die in
diesen Re-Regulierungen produktiv werden und diese in ihren normativstrategischen Ausrichtungen prägen. Stadtpolitische Rationalitäten und
Institutionalisierungen werden dabei in genealogischer Perspektive als ‚Pro
dukte‘ von Konflikten um die Produktion und Aneignung von Stadt begrif
fen und Stadtpolitik zugleich als Element demokratisch-kapitalistischer
Staatlichkeit verortet, das heißt als Teil eines Ensembles gesellschaftlicher
Konfliktregulation und Stabilisierung eines Krisenzusammenhangs.
Mit Hilfe dieser analytischen Perspektive rekonstruiere ich im vierten
Abschnitt die dominanten politisch-administrativen Strategien städtischer
Regierung in Hamburg, die sich historisch ausgehend von der Krise der
fordistischen Stadt in den 1970er Jahren herausgebildet haben, und reinterpretiere vor diesem Hintergrund in Abschnitt fünf die gegenwärtigen
politisch-administrativen Re-Regulierungen.[1] Ich komme dabei zu dem
Ergebnis, dass in den diskutierten stadtpolitischen Transformationen
kaum potenziell progressive oder positiv als ‚sozialer‘ verstandene Verän
derungen sichtbar werden. Die empirische Analyse zeigt vielmehr, dass
die beobachteten ‚sozialeren‘ Politiken nicht in einer einfachen Opposition
zu unternehmerisch-neoliberalen stehen, sondern dass beide zentrale,
historisch gewordene normativ-strategische Grundlagen teilen, die einen
‚Urbanismus der Ungleichheit‘ konstituieren. Sichtbar wird eine dominante
Rationalität unternehmerisch-integrierter Stadtentwicklungspolitik, die auf
ökonomisch dynamische Entwicklung und soziale Kohäsion der Gesamt
stadt und ihrer Teilräume abzielt und dabei vor allem mit quartiersbasier
ten, mittelschichtsorientierten Normalisierungsstrategien und einer Bevöl
kerungspolitik der ‚sozialen Mischung‘ arbeitet. Das politisch-administrative
Versprechen einer ‚Stadt für alle‘ soll so maßgeblich durch Strategien der
‚Verbürgerlichung’ städtischer Räume eingelöst werden, die soziale Ungleich
heiten verstärken anstatt ihnen entgegenzuwirken.
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2. Gegenwärtige wohnungspolitische Transformationen in
Deutschland und das Hamburger Beispiel
In den gegenwärtig in Deutschland zu beobachtenden stadtpolitischen Ver
änderungen wird einmal mehr sichtbar, welche Effekte städtische soziale
Bewegungen auf Stadtentwicklungspolitik haben können. Denn einer der
Ausgangspunkte dieser Transformationen waren die Interventionen von
Initiativen und Netzwerken, die sich ab Ende der 2000er Jahre in zahlreichen
Großstädten – Hamburg, Berlin, Frankfurt, Düsseldorf, Leipzig oder Jena
– bildeten. Diese richteten sich vor allem gegen Gentrifizierung, steigende
Mieten, Zwangsräumungen und Verdrängung und forderten insgesamt eine
andere Wohnungspolitik sowie partizipative bis selbstorganisierte Formen
der Stadtplanung (vgl. Vogelpohl et al. 2017). Ihre Interventionen öffneten
ein Aufmerksamkeitsfenster, in dem etwa die öffentliche Verantwortung
für sozialen Wohnungsbau wieder verstärkt thematisiert werden konnte
(vgl. Sch (...truncated)