Migrationstheoretische Gesellschaftskritik. Versuch einer Standortbestimmung

s u b u r b a n : zeitschrift für kritische stadtforschung, May 2014

Der Aufsatz versucht eine kritisch-theoretische Position für Migrant_innen und zu den Themen der Migration zu erarbeiten und dabei zwei Aufgaben zu lösen. Die politische Aufgabe, Kritik und Migration ins Verhältnis zu setzen, ergibt sich daraus, dass aktuell Kritik und Migration weit auseinanderliegen und aus mehrheitlicher Sicht gar nicht zusammengehören. Das politische Vorhaben der Untersuchung geht in den wissenschaftlichen Auftrag über, herauszufinden, welche der gegenwärtig verfügbaren und einflussreichen Optionen theoretischer Gesellschaftskritik die Herausbildung einer kritisch-theoretischen Position für Migrant_innen in der Sozialforschung befördern bzw. bremsen könnten. Die Lösung dieser beiden Aufgaben zeichnet die Kritikposition von Migrant_innen als eine weitgehend ,atopische‘.

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Migrationstheoretische Gesellschaftskritik. Versuch einer Standortbestimmung

s u b \ u r b a n . zeitschrift für kritische stadtforschung Aufsatz 2014, Band 2, Heft 1 Seiten 7-26 zeitschrift-suburban.de Migrationstheoretische Gesellschaftskritik. Versuch einer Standortbestimmung Radostin Kaloianov Der Aufsatz versucht eine kritisch-theoretische Position für Migrant_innen und zu den Themen der Migration zu erarbeiten und dabei zwei Aufgaben zu lösen. Die politische Aufgabe, Kritik und Migration ins Verhältnis zu setzen, ergibt sich daraus, dass aktuell Kritik und Migration weit auseinanderliegen und aus mehrheitlicher Sicht gar nicht zusammengehören. Das politische Vorhaben der Untersuchung geht in den wissenschaftlichen Auftrag über, herauszufinden, welche der gegenwärtig verfügbaren und einflussreichen Optionen theoretischer Gesellschaftskritik die Herausbildung einer kritisch-theoretischen Position für Migrant_innen in der Sozialforschung befördern bzw. bremsen könnten. Die Lösung dieser beiden Aufgaben zeichnet die Kritikposition von Migrant_innen als eine weitgehend ,atopische‘. Ersteinreichung: 19. September 2012; Veröffentlichung online: 5. Mai 2014 An english abstract can be found at the end of the article. 1. Die Fragestellung: Kritik und Migration ins Verhältnis setzen Dieser Aufsatz versucht, eine kritisch-theoretische Position für Migrant_ innen und zu den Themen der Migration zu skizzieren und dabei zwei Aufgaben zu lösen.[1] Die politische Aufgabe, Kritik und Migration ins Verhältnis zu setzen, ergibt sich daraus, dass aktuell Kritik und Migration weit auseinanderliegen und aus mehrheitlicher Sicht gar nicht zusammengehören. Dieses politische Vorhaben nimmt die Gestalt einer migrationstheoretischen Gesellschaftskritik an, die an forschende Migran_innen sowie an zu Migration Forschende und Sozialwissenschaftler_innen allgemein adressiert ist. Das politische Vorhaben der Untersuchung geht in den wissenschaftlichen Auftrag über, herauszufinden, welche der gegenwärtig verfügbaren und einflussreichen Optionen theoretischer Gesellschaftskritik die Herausbildung einer kritisch-theoretischen Position für Migrant_innen in der Sozialforschung befördern bzw. bremsen könnten. Diese wissenschaftliche Aufgabe teilt sich in eine erkenntnispolitische und eine erkenntnistheoretische Fragestellung. Erkenntnispolitisch ist die Studie um die Orientierung und Positionierung von forschenden Migrant_innen im Spektrum der gegenwärtigen kritischen Sozialforschung bemüht und beantwortet die 8 sub\urban Frage: Welche Optionen und Richtungen kritischer Sozialtheorie bieten sich aktuell Migrant_innen und inwieweit können diese Migrant_innen als Forschungssubjekte stärken oder schwächen? Erkenntnistheoretisch gilt es, die migrationstheoretische Gesellschaftskritik in Bezug auf ihren Forschungsgegenstand – auf die Art und Kriterien (für) dessen Gewinnung, Gegebenheit und Validierung – und in Auseinandersetzung mit den epistemologischen Postulaten der ‚normalwissenschaftlichen‘ Sozialforschung zu beleuchten. In diesem Aufsatz stelle ich Überlegungen zur ersten Aufgabe der erkennt nis politischen Positionierung der migrationstheoretischen Gesellschaftskritik im Feld der gegenwärtigen kritischen Theorien vor. Mit der Thematisierung der gesellschaftspraktischen Performanz von kritischer Theorie wird das Kriterium zur Unterscheidung zwischen ‚Exzellenzkritik‘ und ‚Existenzkritik‘ ausgearbeitet. Diese Grundarten theoretischer Gesellschaftskritik sind für die kritisch-theoretische Positionierung von Migrant_innen weichenstellend. Der Ansatz der Exzellenzkritik wird anhand der gegenwärtigen Frankfurter Kritischen Theorie analysiert. Die Alternative dieses einflussreichen Strangs kritischer Sozialforschung bilden eine Vielzahl an Kritikansätzen, die ich kategorial unter dem Begriff der Existenzkritik fasse. Diese haben ihren sozialwissenschaftlichen Standort weniger in den etablierten Disziplinen als vielmehr in den transdisziplinären Nischengewächsen der verschiedenen Studies und verschreiben sich als Gesellschaftspraxis der Artikulation von Protesten der sozial Unterlegenen. Eine Vertiefung in die erkenntnispolitischen Momente theoretischer Existenzkritik bietet die Diskussion der Kritischen Theorie der Black Feminist Studies. Die Schnittstellen zwischen gesellschaftstheoretischer Existenzkritik und der migrationstheoretischen Kritikperspektive werden durch eine Skizze jener Themen erweitert, die ein kritisches migrationstheoretisches Forschungsprogramm beinhalten sollte. Abschließend stelle ich klar, dass sich die migrationstheoretische Gesellschaftskritik ihrem Ziel, eine kritisch-theoretische Position für Migrant_innen auszuarbeiten, auf eine ‚atopische‘ Art und Weise annähert. 2. Die gesellschaftspraktische Performanz von Kritik: Prüfen oder Protest Für forschende Migrant_innen stellt sich die Frage, welcher Weg der zeitgenössischen kritisch-theoretischen Sozialforschung welche Aussichten zur Ausarbeitung einer migrationstheoretischen Gesellschaftskritik eröffnet. Zur Beantwortung dieser Frage wird die gesellschaftspraktische Performanz theoretischer Kritik als Orientierungsmarker im Feld der Kritik option en her an ge zogen. In den theoretischen Diskussionen zur kritischen Sozialforschung zirkulieren verschiedene typologische Distinktionen theoretischer Kritik. Methodologisch kann es sich hierbei um Formen der Konstruktion (von Beurteilungsnormen, utopischen Gesellschaftszuständen), der Rekonstruktion (zur Aufdeckung immanenter Strukturen von Erfahrungszusammenhängen sowie von implizit angelegten Widersprüchen oder Paradoxien) oder der Dekonstruktion (diskursiver Blockaden oder hegemonialer Sichtweisen) handeln (Walzer 1993, 2014, Band 2, Heft 1 Kaloianov 9 Honneth 2000). Wiederum andere Typologien greifen die entgegenlaufenden Logiken kritischer Interventionen auf: so etwa die „antifetishist“ versus die „positivist“ Kritik (Latour 2004), die „integrative“ versus die „polarisierende“ Kritik (Rosa 2009), die „künstlerische“ versus die „soziale“ Kritik (Boltanksi/Chiapello 2005) Beziehen sich die meisten Typologien auf die theoretische Machart von Gesellschaftskritik, verweist die letztgenannte Typologisierung von Kritik auf einen anderen Vektor der Distinguierung: die Zielgruppenorientierung. Die Zielgruppenorientierung von theoretischer (z. B. feministischer, post kolonialer oder eben migrationstheoretischer) Gesellschaftskritik steht unter dem Vorzeichen der Frage, was theoretische Gesellschaftskritik gesellschaftspraktisch performiert in der und für die Lebenssituation von z. B. Frauen, postkolonialen Kollektiven oder Migrant_innen und wie sie zur Herausbildung kritischer Subjektivitäten und zur Veröffentlichung der Anliegen derartiger Zielgruppen beitragen kann. Mit gesellschaftspraktischer Performanz theoretischer Kritik ist hier die soziale Handlungspraxis gemeint, die durch theoretische Kritik ermöglicht, eingeleitet oder ausgeführt wird. So werden verschiedene soziale Gruppen aufgrund ihrer unterschiedlichen Ausgangspunkte, Überlegenheiten/Unte (...truncated)


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Radostin Kaloianov. Migrationstheoretische Gesellschaftskritik. Versuch einer Standortbestimmung, s u b u r b a n : zeitschrift für kritische stadtforschung, 2014, Volume 1,