Wider die Unsichtbarkeit:
s u b \ u r b a n . zeitschrift für kritische stadtforschung
Magazin
2019, Band 7, Heft 1/2
Seiten 223-228
zeitschrift-suburban.de
Wider die Unsichtbarkeit:
Die tödliche Dimension rechter Gewalt im öffentlichen Raum
Heike Kleffner
In Koblenz und Hachenburg erinnern Initiativen auf unterschiedliche Weise
an Todesopfer rechter und rassistischer Gewalt aus den 1990er Jahren.
Diese Erinnerungsorte und ihre Entstehungsgeschichten sind ebenso wie
die aktuellen Auseinandersetzungen um den Standort eines Mahnmals für
die Opfer der rassistischen Bombenanschläge des NSU in Köln beispielhaft für das Sichtbarmachen der tödlichen Dimension von Rassismus und
Rechtsextremismus im öffentlichen Raum.
Das Koblenzer Kulturforum ist ein imposanter Neubau auf dem zentralen
Platz der rheinland-pfälzischen Stadt mit rund 112.000 Einwohner_innen. Eine unscheinbare Gedenkplatte unmittelbar im Eingangsbereich des
strahlend weißen, den Platz weithin überragenden Gebäudes erinnert dort
seit fünf Jahren an den tödlichen Amoklauf eines Neonazis vor einem Vier
teljahrhundert. „Hier ermordete am 24.8.1992 ein rechtsradikaler Täter den
Obdachlosen Frank Bönisch und verletzte mehrere Menschen. Zur Erinne
rung und Mahnung“, lautet der Text auf dem schlichten Granitstein, der im
Grau des Steinbodens auf dem Vorplatz am Kulturforum kaum auffällt. Die
helle Schrift auf einer graubraun-gesprenkelten Steinplatte, an der täglich
Dutzende Besucher_innen des Kulturforums achtlos vorbeigehen, ist trotz
ihrer Unscheinbarkeit ein wichtiger Ort des Gedenkens an einen Amoklauf
geworden, der schon zum Tatzeitpunkt kaum überregionales Aufsehen
erregte. Und: Trotz der schlichten Gestaltung des Mahnmals und seiner
Unscheinbarkeit zeigt die Entscheidung der Stadtverwaltung, die tödliche
Dimension rechter Gewalt sichtbar zu machen, dass Zivilgesellschaft und
Politik auf kommunaler Ebene oft weiter sind als Polizei und Justiz. Letztere
verweigern dem ermordeten Obdachlosen Frank Bönisch seit Jahren die offizielle Anerkennung als Todesopfer rechter Gewalt. Obwohl die kleine Platte
vor allem diejenigen zum Verweilen und Betrachten einlädt, die von ihrer
Existenz wissen, haben die zwei Jahre andauernde öffentliche Debatte um ihre Verankerung sowie die jährlichen Gedenkveranstaltungen zum Jahrestag
des neonazistischen Amoklaufs das Ziel der Initiator_innen erreicht: die
knapp zwei Jahrzehnte in Vergessenheit geratene, tödliche Dimension
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neonazistischen Hasses gegen Wohnungslose und sozial Randständige sowohl im Stadtbild als auch im öffentlichen Diskurs zu verankern.
Fürs ‚Vaterland‘: Blutbad im Herzen der Stadt
An jenem warmen Augustabend 1992 war der Täter des Amoklaufs, Andy
H., Spitzname „der deutsche Andy“, in Koblenz geblieben, während die
meisten seiner Freunde von der „Deutschen Front Coblenz“ knapp 700
Kilometer gen Norden nach Rostock gefahren waren: Dort setzten in den
späten Abendstunden des 24. August 1992 – nach zwei Tagen pogromartiger
Angriffe gegen die Zentrale Aufnahmestelle für Asylsuchende im Stadtteil
Rostock-Lichtenhagen – hunderte Naziskins und Neonaziaktivisten aus
ganz Deutschland unter dem Beifall und den Anfeuerungsrufen von rund
zweitausend Anwohner_innen und Schaulustigen ein Wohnheim ehemaliger
vietnamesischer Vertragsarbeiter_innen in Brand. Nur durch einen glücklichen Zufall konnten sich die knapp einhundert Frauen, Kinder und Männer
und ein ZDF-Kamerateam, die sich im so genannten „Sonnenblumenhaus“
aufhielten, vor den Flammen aufs Dach des Plattenbaus und dann in ein
Nachbargebäude retten. Während sämtliche Fernsehsender die gewalttätige „Deutschland den Deutschen, Ausländer Raus“-Botschaft der Täter
von Rostock quasi live in die Wohnzimmer der Republik übertrugen, führte
der daheim gebliebene, damals 23-jährige Andy H. seinen eigenen Feldzug
gegen alle, die nicht ins rechte Weltbild passen.
Der Dachdeckerlehrling entwendete eine Neun-Millimeter-Smith-&Wesson-Pistole aus dem Waffenschrank seines Vaters und ging auf den
Zentralplatz unweit des weltberühmten Deutschen Ecks. Dort saßen – wie
an den vielen Sommerabenden Ende der 1980er Jahre – Punks, Junkies,
Wohnungslose und sozial Randständige. Einige tranken Bier oder billigen
Wein, ein paar spielten Gitarre. Der Zentralplatz war im Sommer ihr verlängertes Wohnzimmer – und anders als heute weder ein Ort des Konsums noch
der ‚Hochkultur‘. Andy H. – Hakenkreuz-Tätowierung auf dem Oberarm
– stellte sich in Kampfschützenhaltung auf den Platz und brüllte: „Jetzt
seid ihr dran“. Dann feuerte er zehn Schüsse, das gesamte Magazin, auf die
völlig überraschten, wehrlosen Menschen ab. Acht Männer verletzte der
Neonazi-Skinhead, einige von ihnen schwer. Der 35-jährige Obdachlose
Frank Bönisch erlag noch vor Ort seinen Schussverletzungen.
Er sitze im Knast, weil er „dem Vaterland gedient“ habe, schrieb Andy H.
nach seiner Festnahme aus der Haft in Briefen und Postkarten an „Kame
raden“. Im Prozess vor dem Landgericht Koblenz im Juni 1993 jedoch gab
sich der Lehrling, der davon träumte, Soldat oder Stuntman zu werden, reuig
und unpolitisch. Als Auslöser für die Tat gab der 23-Jährige an, die Bank habe
ihm am Vorabend einen Überziehungskredit von 100 Mark verweigert. Da habe er mit allem Schluss machen wollen. Er habe sich als Auserwählter gefühlt,
der dazu bestimmt sei, Menschen zu töten. Ein psychiatrischer Gutachter
bescheinigte Andy H. laut Urteil eine „schwere Persönlichkeitsstörung, Min
derwertigkeitsgefühle, Angst und Hass“ und hielt ihn für vermindert schuldfähig. Das Landgericht Koblenz verurteilte Andy H. schließlich wegen Mordes
und siebenfachen Mordversuchs zu einer Freiheitsstrafe von 15 Jahren und
ordnete seine Einweisung in eine psychiatrische Landesanstalt an. Ein
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politisches Motiv für die Schüsse erkannten die Richter genauso wenig wie
die Staatsanwaltschaft. Der Journalist Michael Grabenströer, der für die
Frankfurter Rundschau über den Prozess berichtete, schrieb daraufhin:
„In der Garnisons- und Beamtenstadt Koblenz wurde die Tat nur zu gerne
als Amoklauf ohne politischen Hintergrund gesehen.“ (Grabenströer 1992)
Wohnungslose und sozial Randständige als Opfer rechter
Gewalt sichtbar machen
Dass auch die Landes- und die Bundesregierung den Obdachlosen Frank
Bönisch nicht als Opfer politisch rechts motivierter Gewalt anerkennen, hatte
der langjährige Kulturdezernent der Stadt Koblenz, Detlef Knopp, eher am
Rande zur Kenntnis genommen. Nachdem Knopp, vor seinem Amtsantritt als
Kulturdezernent im Schuldienst als Sozialkunde- und Politiklehrer beschäftigt, das Gerichtsurteil und die Medienberichte über das Verfahren gelesen
hatte, sprach er in Interviews vor der Gedenksteinlegung im Sommer 2012
gegenüber Journalist_innen von einer eindeutigen, „objektiven Faktenlage“:
Der Mord an Frank Bönisch sei aus „Gesinnungsgründen“ geschehen, die
Opferauswahl füge sich nahtlos ins klassische rechtsradikale Weltbild. Für
ihn sei es daher selbstverständlich gewesen, den Mahnmals-Antrag e (...truncated)