Wider die Unsichtbarkeit:

s u b u r b a n : zeitschrift für kritische stadtforschung, May 2019

Das Gedenken an Opfer rechter Gewalt ist umkämpft. Dennoch gelingt es immer mehr Initiativen bundesweit, durch lokalpolitische Bündnisse und in Zusammenarbeit mit Künstler*innen und Kommunalpolitiker*innen im öffentlichen Raum Orte der Erinnerung zu schaffen. In Koblenz und Hachenburg erinnern Initiativen auf unterschiedliche Weise an Todesopfer rechter und rassistischer Gewalt aus den 1990er Jahren. Die Gedenkorte, die hier entstanden sind, stehen beispielhafte für viele unterschiedliche Versuche, die tödliche Dimension von Rassismus und Rechtsextremismus im öffentlichen Raum sichtbar zu machen. Vielerorts gehören dazu auch lokalpolitische Auseinandersetzungen. Dies zeigt sich aktuell unter anderem beim Streit um den Standort eines Mahnmals für die Opfer der rassistischen Bombenanschläge des NSU in Köln zwischen den Überlebenden des NSU-Nagelbombenanschlags und der Initiative „Keupstraße ist überall“ auf der einen und der Stadt Köln und einer Investorengruppe auf der anderen Seite.

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Wider die Unsichtbarkeit:

s u b \ u r b a n . zeitschrift für kritische stadtforschung Magazin 2019, Band 7, Heft 1/2 Seiten 223-228 zeitschrift-suburban.de Wider die Unsichtbarkeit: Die tödliche Dimension rechter Gewalt im öffentlichen Raum Heike Kleffner In Koblenz und Hachenburg erinnern Initiativen auf unterschiedliche Weise an Todesopfer rechter und rassistischer Gewalt aus den 1990er Jahren. Diese Erinnerungsorte und ihre Entstehungsgeschichten sind ebenso wie die aktuellen Auseinandersetzungen um den Standort eines Mahnmals für die Opfer der rassistischen Bombenanschläge des NSU in Köln beispielhaft für das Sichtbarmachen der tödlichen Dimension von Rassismus und Rechtsextremismus im öffentlichen Raum. Das Koblenzer Kulturforum ist ein imposanter Neubau auf dem zentralen Platz der rheinland-pfälzischen Stadt mit rund 112.000 Einwohner_innen. Eine unscheinbare Gedenkplatte unmittelbar im Eingangsbereich des strahlend weißen, den Platz weithin überragenden Gebäudes erinnert dort seit fünf Jahren an den tödlichen Amoklauf eines Neonazis vor einem Vier teljahrhundert. „Hier ermordete am 24.8.1992 ein rechtsradikaler Täter den Obdachlosen Frank Bönisch und verletzte mehrere Menschen. Zur Erinne rung und Mahnung“, lautet der Text auf dem schlichten Granitstein, der im Grau des Steinbodens auf dem Vorplatz am Kulturforum kaum auffällt. Die helle Schrift auf einer graubraun-gesprenkelten Steinplatte, an der täglich Dutzende Besucher_innen des Kulturforums achtlos vorbeigehen, ist trotz ihrer Unscheinbarkeit ein wichtiger Ort des Gedenkens an einen Amoklauf geworden, der schon zum Tatzeitpunkt kaum überregionales Aufsehen erregte. Und: Trotz der schlichten Gestaltung des Mahnmals und seiner Unscheinbarkeit zeigt die Entscheidung der Stadtverwaltung, die tödliche Dimension rechter Gewalt sichtbar zu machen, dass Zivilgesellschaft und Politik auf kommunaler Ebene oft weiter sind als Polizei und Justiz. Letztere verweigern dem ermordeten Obdachlosen Frank Bönisch seit Jahren die offizielle Anerkennung als Todesopfer rechter Gewalt. Obwohl die kleine Platte vor allem diejenigen zum Verweilen und Betrachten einlädt, die von ihrer Existenz wissen, haben die zwei Jahre andauernde öffentliche Debatte um ihre Verankerung sowie die jährlichen Gedenkveranstaltungen zum Jahrestag des neonazistischen Amoklaufs das Ziel der Initiator_innen erreicht: die knapp zwei Jahrzehnte in Vergessenheit geratene, tödliche Dimension 224 s u b \ u r b a n 2019, Band 7, Heft 1/2 neonazistischen Hasses gegen Wohnungslose und sozial Randständige sowohl im Stadtbild als auch im öffentlichen Diskurs zu verankern. Fürs ‚Vaterland‘: Blutbad im Herzen der Stadt An jenem warmen Augustabend 1992 war der Täter des Amoklaufs, Andy H., Spitzname „der deutsche Andy“, in Koblenz geblieben, während die meisten seiner Freunde von der „Deutschen Front Coblenz“ knapp 700 Kilometer gen Norden nach Rostock gefahren waren: Dort setzten in den späten Abendstunden des 24. August 1992 – nach zwei Tagen pogromartiger Angriffe gegen die Zentrale Aufnahmestelle für Asylsuchende im Stadtteil Rostock-Lichtenhagen – hunderte Naziskins und Neonaziaktivisten aus ganz Deutschland unter dem Beifall und den Anfeuerungsrufen von rund zweitausend Anwohner_innen und Schaulustigen ein Wohnheim ehemaliger vietnamesischer Vertragsarbeiter_innen in Brand. Nur durch einen glücklichen Zufall konnten sich die knapp einhundert Frauen, Kinder und Männer und ein ZDF-Kamerateam, die sich im so genannten „Sonnenblumenhaus“ aufhielten, vor den Flammen aufs Dach des Plattenbaus und dann in ein Nachbargebäude retten. Während sämtliche Fernsehsender die gewalttätige „Deutschland den Deutschen, Ausländer Raus“-Botschaft der Täter von Rostock quasi live in die Wohnzimmer der Republik übertrugen, führte der daheim gebliebene, damals 23-jährige Andy H. seinen eigenen Feldzug gegen alle, die nicht ins rechte Weltbild passen. Der Dachdeckerlehrling entwendete eine Neun-Millimeter-Smith-&Wesson-Pistole aus dem Waffenschrank seines Vaters und ging auf den Zentralplatz unweit des weltberühmten Deutschen Ecks. Dort saßen – wie an den vielen Sommerabenden Ende der 1980er Jahre – Punks, Junkies, Wohnungslose und sozial Randständige. Einige tranken Bier oder billigen Wein, ein paar spielten Gitarre. Der Zentralplatz war im Sommer ihr verlängertes Wohnzimmer – und anders als heute weder ein Ort des Konsums noch der ‚Hochkultur‘. Andy H. – Hakenkreuz-Tätowierung auf dem Oberarm – stellte sich in Kampfschützenhaltung auf den Platz und brüllte: „Jetzt seid ihr dran“. Dann feuerte er zehn Schüsse, das gesamte Magazin, auf die völlig überraschten, wehrlosen Menschen ab. Acht Männer verletzte der Neonazi-Skinhead, einige von ihnen schwer. Der 35-jährige Obdachlose Frank Bönisch erlag noch vor Ort seinen Schussverletzungen. Er sitze im Knast, weil er „dem Vaterland gedient“ habe, schrieb Andy H. nach seiner Festnahme aus der Haft in Briefen und Postkarten an „Kame raden“. Im Prozess vor dem Landgericht Koblenz im Juni 1993 jedoch gab sich der Lehrling, der davon träumte, Soldat oder Stuntman zu werden, reuig und unpolitisch. Als Auslöser für die Tat gab der 23-Jährige an, die Bank habe ihm am Vorabend einen Überziehungskredit von 100 Mark verweigert. Da habe er mit allem Schluss machen wollen. Er habe sich als Auserwählter gefühlt, der dazu bestimmt sei, Menschen zu töten. Ein psychiatrischer Gutachter bescheinigte Andy H. laut Urteil eine „schwere Persönlichkeitsstörung, Min derwertigkeitsgefühle, Angst und Hass“ und hielt ihn für vermindert schuldfähig. Das Landgericht Koblenz verurteilte Andy H. schließlich wegen Mordes und siebenfachen Mordversuchs zu einer Freiheitsstrafe von 15 Jahren und ordnete seine Einweisung in eine psychiatrische Landesanstalt an. Ein Kleffner 225 politisches Motiv für die Schüsse erkannten die Richter genauso wenig wie die Staatsanwaltschaft. Der Journalist Michael Grabenströer, der für die Frankfurter Rundschau über den Prozess berichtete, schrieb daraufhin: „In der Garnisons- und Beamtenstadt Koblenz wurde die Tat nur zu gerne als Amoklauf ohne politischen Hintergrund gesehen.“ (Grabenströer 1992) Wohnungslose und sozial Randständige als Opfer rechter Gewalt sichtbar machen Dass auch die Landes- und die Bundesregierung den Obdachlosen Frank Bönisch nicht als Opfer politisch rechts motivierter Gewalt anerkennen, hatte der langjährige Kulturdezernent der Stadt Koblenz, Detlef Knopp, eher am Rande zur Kenntnis genommen. Nachdem Knopp, vor seinem Amtsantritt als Kulturdezernent im Schuldienst als Sozialkunde- und Politiklehrer beschäftigt, das Gerichtsurteil und die Medienberichte über das Verfahren gelesen hatte, sprach er in Interviews vor der Gedenksteinlegung im Sommer 2012 gegenüber Journalist_innen von einer eindeutigen, „objektiven Faktenlage“: Der Mord an Frank Bönisch sei aus „Gesinnungsgründen“ geschehen, die Opferauswahl füge sich nahtlos ins klassische rechtsradikale Weltbild. Für ihn sei es daher selbstverständlich gewesen, den Mahnmals-Antrag e (...truncated)


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Heike Kleffner. Wider die Unsichtbarkeit:, s u b u r b a n : zeitschrift für kritische stadtforschung, 2019, Volume 1/2,