Meilensteine in der Algenbiotechnologie
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B I O T ECH NOLOGIE
Neue Technologien
Meilensteine in der Algenbiotechnologie
CAROLA GRIEHL 1, ANDREAS SCHMID 2 , CHRISTIAN WIILHELM 3
1 PROFESSUR FÜR BIOCHEMIE, KOMPETENZZENTRUM ALGENBIOTECHNOLOGIE,
HOCHSCHULE ANHALT, KÖTHEN
2 PROFESSUR FÜR BIOTECHNOLOGIE, DEPARTMENT SOLARE MATERIALIEN,
UFZ LEIPZIG-HALLE
3 SENIORPROFESSOR ALGENBIOTECHNOLOGIE, INSTITUT FÜR BIOLOGIE,
UNIVERSITÄT LEIPZIG
Recent progress in algal biotechnology has identified new products
based on their broad evolutionary origin. Novel metabolites were
found for pharmacy, food industry, medicine e.g. tumor suppression
and antibiotics. However, sustainable and economical algal production
for crude oil replacement is limited by extremely low space time yields
in photobioreactors. The consequences are a high energy burden for
mass flow dependent processes and the need of space being in conflict
with sustainable landscape management. New concepts using algae
not as biomass producers but as living catalysts may open new
options.
DOI: 10.1007/s12268-023-1942-7
© Die Autorinnen und Autoren 2023
ó Die technische Nutzung von Algen als
erneuerbare Rohstoffquelle rückt immer
mehr in den Fokus von Wissenschaft und
Wirtschaft, denn sie bauen schnell Biomasse
aus CO2, Sonnenlicht, Wasser und Nährstoffen auf, reinigen Abwässer und Abgase, binden Schwermetalle und liefern spezifische
Wertstoffe für zahlreiche Anwendungen als
Lebens- und Futtermittel, Kosmetik- und
Pharmawirkstoff, Biokunststoff oder Nanomaterial.
Algen umfassen heute ca. 67.000 beschriebene Arten, die autotrophe Photosynthese
betreiben und meist in Gewässern leben. So
gehen ca. 45 Prozent der globalen Photosynthese auf Algen zurück. Ihre Bedeutung
als CO2-Senke ist mit der von Wäldern vergleichbar. Neben ihrer Leistung in der
Wasserreinhaltung werden sie zunehmend
industriell genutzt. Aufgrund ihrer großen phylogenetischen Diversität (Abb. 1)
unterscheiden sich Stoffwechselwege und
Produktspektren deutlich, mit enormen
Konsequenzen für ihre technische Anwendung.
Die Biomasseerzeugung von Mikroalgen
erfolgt in Suspensionskulturen entweder in
offenen Becken oder in Photobioreaktoren
(Abb. 2). Die Grundlagen hierfür wurden in
den 1940er-Jahren in Deutschland gelegt.
Die erste kommerzielle Produktion startete
1960 mit Chlorella sp. (Taiwan, Japan) in
offenen Becken. Der erste industrielle Photobioreaktor mit 500 Kilometer Glasröhren
ging 2000 (Klötze, Sachsen-Anhalt) in
Betrieb. In Europa wurden in den letzten 15
Jahren ca. 370 Anlagen errichtet, darunter
33 in Deutschland, allerdings sind die
erzeugten Mengen für eine energetische
Nutzung marginal [1].
Bisher werden nur wenige Arten industriell für Lebensmittelzusätze, Futtermittel,
Biodünger oder Kosmetika produziert.
Zunehmend erobern hochwertige Inhaltsstoffe den Markt, wie ω-3-Fettsäuren, Carotinoide und Proteine. Seit kurzem werden Schuhe
auf Mikroalgenbasis hergestellt.
Photobioreaktoren können auf wertlosen
Flächen installiert werden. Ferner haben
Algen gegenüber Pflanzen eine ca. 3-fach
höhere photosynthetische Effizienz. Die
damit verbundenen höheren Flächenerträge
sind eine technologische Chance, allerdings
sind Aussagen in der Literatur bis zu 100fach höheren Erträgen schwer interpretierbar, da die Bedingungen für die Algenproduktion im Freiland kaum mit Erträgen klassischer Landwirtschaft vergleichbar sind.
Daher fehlen belastbare vergleichbare experimentelle Daten. Wesentliche Hürden für
große Algenfabriken sind hohe Produktionskosten und aufwändige Zulassungsverfahren.
Das Potenzial von Algen für neue Anwendungen liegt u. a. in ihrer Chemodiversität
mit teils einzigartigen Verbindungen für die
Pharma- und gesundheitsorientierte Lebensmittelindustrie. Algale Metaboliten entfalten
im menschlichen Körper u. a. antivirale, antientzündliche, antioxidative und tumorsupressive Wirkungen oder können selektiv
Enzyme blockieren, die mit spezifischen
Krankheitsbildern assoziiert sind. Von etwa
10.000 Hoffnungsträgern, die in den Wirkstofflabors gescreent werden, landet im
Durchschnitt nur eine Handvoll in der Apotheke. Bisher sind 10 Wirkstoffe auf Algenbasis auf dem Markt. Hierzu gehört IotaCarrageenan (Carragelose), ein sulfatiertes
Galactosepolymer aus Rotalgen, das als antivirales Nasenspray seit 2008 vermarktet
˚ Abb. 1: Mikroskopische Aufnahmen biotechnologisch genutzter Mikroalgen/Cyanobakterien. v. l. n. r. Cyanobakterium Arthrospira platensis, Kieselalge Phaeodactylum tricornutum, Eustigmatophyceae Nannochloropsis sp. und Grünalgen Chlorella sp., Haematococcus pluvialis und Botryococcus
braunii (noch im Forschungsstadium. Fotos: CAB, Hochschule Anhalt.
BIOspektrum | 03.23 | 29. Jahrgang
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˚ Abb. 2: Open Ponds (Earthrise/USA), Glasröhren-Reaktoren (Klötze/BRD), GICON-Tannenbaumreaktoren mit Temperiersystem (Köthen/BRD),
v. l. n. r.
wird und auch vor SARS-CoV-2-Viren
schützt. Ein Oligomannuronat (GV-971) aus
Braunalgen wurde 2019 in China zur
Behandlung der Alzheimer-Krankheit zugelassen (Europa: Phase III). Der Wirkstoff
hemmt Entzündungen und neuroinflammatorische Prozesse im Gehirn. Damit verbunden ist eine Reduktion der β-AmyloidAblagerungen und eine Verbesserung der
kognitiven Fähigkeiten. Das aus Cyanobakterien isolierte Dolastatin-10 diente als Leitstruktur für die Entwicklung von Auristatinen. Diese werden in Form von AuristatinAntikörper-Konjugaten erfolgreich zur
Krebstherapie eingesetzt (Tab. 1).
Eine neue Wirkstoffklasse sind antivirale
Lektine aus Rotalgen und Cyanobakterien.
Sie binden spezifisch an Glykanketten der
Virusproteine und inhibieren die Viren.
Bekanntester Vertreter ist das Rotalgenlektin
Griffithsin, das derzeit klinische Studien als
Virostatikum gegen SARS-CoV-2, HIV, Hepatitis C und Herpes simplex durchläuft. Am
ZNT in Köthen werden u. a. Glutaminylcyclase-inhibierende Sulfolipide als potente
Therapeutika gegen Alzheimer [2]
(DE102015011780.A1) und Paradontitis entwickelt.
Im Lebensmittelbereich sind zahlreiche
Innovationen zu erwarten. Algen stellen ressourcenschonend ernährungsphysiologisch
wertvolle Substanzen wie Proteine, Carotinoide, Vitamine und Mineralstoffe zur Verfügung, ganz im Trend gesunder Ernährung
(Nestle-Zukunftsstudie). Vor dem Hintergrund einer wachsenden Weltbevölkerung
stellt insbesondere die Proteinversorgung
durch Algen wegen ihres Proteingehalts von
z. T. mehr als 50 Prozent eine Chance dar.
Damit können sie in Zukunft die Nische der
Lifestyle-Produkte verlassen und Bestandteil
der allgemeinen Ernährungspraxis werden.
Arthrospira sp. (früher Spirulina) und Chlorella sp. werden schon jetzt verschiedenen
Lebensmitteln beigefügt, wie Nudeln,
Smoothies oder Süßigkeiten. Zur Steigerung
der Nahrungsqualität und Stärkung der
Immunabwehr können weitere algenspezifische Inhaltsstoffe zugesetzt werden, wie die
ω-3-Fettsäuren EPA und DHA oder der Proteinfarbstoff Phycocyanin.
Welche Probleme muss die
Wissenschaft noch lösen, bevor
Algen industriell nutzbar werden?
Algen können erhebliche Mengen an Speicherstoffen – wie Kohlenhydrate und Triacyl (...truncated)