Die äußere Chloroplastenmembran–kein passives Sieb für Metabolite!
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Membrantransport
Die äußere Chloroplastenmembran –
kein passives Sieb für Metabolite!
BETTINA BÖLTER, FRANZ HAGN
FAKULTÄT FÜR BIOLOGIE, PFLANZENWISSENSCHAFTEN, LMU MÜNCHEN,
PLANEGG-MARTINSRIED
BAYERISCHES NMR ZENTRUM (BNMRZ), DEPARTMENT OF BIOSCIENCE, TUM SCHOOL
OF NATURAL SCIENCES, TU MÜNCHEN, GARCHING
Chloroplasts are essential for energy production and metabolism in
plants. Metabolites need to be transported across the two envelope
membranes of the chloroplast. In contrast to the inner envelope, we
know little about the properties of the outer envelope. We here
summarize structural and functional insights on the prototype outer
envelope channel OEP21 suggesting that these channels have a distinct level of selectivity, opposing the idea of acting as more simple
and passive molecular sieves.
DOI: 10.1007/s12268-023-1983-y
© Die Autorinnen und Autoren 2023
ó Zu Beginn seiner Existenz bot Planet Erde
ein völlig anderes Bild, als wir es heute kennen – kahl und lebensfeindlich. Die Entwicklung der oxygenenen Photosynthese in den
Vorläufern heutiger Cyanobakterien vor ca.
2,3 Milliarden Jahren [1] ermöglichte die Entstehung einer riesigen Diversität von sauerstoffabhängigen Organismen, die im Laufe
der Evolution immer komplexer wurden.
Pflanzen begannen ihren Siegeszug über
die Erde vor ca. einer Milliarde Jahren, als ein
bereits eukaryotischer Urahn ein photosynthetisches Cyanobakterium aufnahm, und
dieses über die Zeit in die Wirtszelle fest
integriert wurde. Am Ende dieses als Endosymbiose bezeichneten Prozesses stand der
heutige Chloroplast (Abb. 1). Dieses neu
erworbene Organell ist wie seine Vorfahren
von zwei Membranen umgeben, der äußeren
und der inneren Chloroplastenmembran. Um
das Prinzip der Arbeitsteilung zwischen den
Kompartimenten in einer Pflanzenzelle optimal zu nutzen, mussten diverse Transportprozesse über diese Membranen entwickelt
werden. Zu diesem Zweck übernahm die
Zelle teilweise bereits vorhandene cyanobakterielle Mechanismen und Proteine, zum Teil
wurden neue, eukaryotische Elemente in den
˚ Abb. 1: Entstehung der photosynthetischen Eukaryoten. Eine eukaryotische Vorläuferzelle, die
bereits Nukleus (N) und Mitochondrien (M) enthält, nimmt ein Cyanobakterium (Cy) auf. Dieses
wird im Laufe der Evolution als Endosymbiont in den Organismus integriert und wird letztlich zum
Chloroplasten, dem charakteristischen Organell aller photosynthetischen Eukaryoten.
Chloroplasten etabliert [2]. Der Transport
von Metaboliten muss in beide Richtungen
streng kontrolliert werden, um jederzeit dem
Bedarf der Zelle sowie dem der gesamten
Pflanze gerecht werden zu können. Lange
hielt sich die Lehrmeinung, dass die Regulation von Transportprozessen ausschließlich
an der inneren Membran erfolgt, während
die äußere eine siebartige Struktur aufweist
und den Durchtritt von Stoffen lediglich hinsichtlich ihrer Größe kontrolliert. Diese
Ansicht begann sich vor einiger Zeit aufgrund neuer Erkenntnisse zu wandeln [3].
Die Familie der Porine in
Chloroplasten
Schon in den bakteriellen Vorfahren der
Chloroplasten sitzen in der äußeren Membran Kanalproteine, die als Porine bezeichnet
werden [4]. Strukturelle Analoge finden sich
auch in den rezenten pflanzlichen Organellen, die entsprechend ihrer Lokalisation
OEPs genannt werden (outer envelope proteins). Typischerweise bestehen Porine aus
8-24 transmembranen β-Faltblatt Strängen,
die eine Pore bzw. einen Kanal bilden
(β-barrel) [5]. Die bakteriellen Vertreter der
Porine werden in drei Klassen aufgeteilt:
1. Generelle Porine, die als unspezifische
größen-selektive Poren fungieren, d. h. tatsächlich wie ein Sieb; 2. Substratspezifische
Porine, die eine geringe Affinität zu ihrem
Cargo aufweisen und 3. Liganden-regulierte
energieabhängige Porine mit hoher Affinität
zum Substrat [6, 7]. Schon in diesen
ursprünglichen Organismen gibt es also
stoffspezifische, regulierte Porenproteine in
der äußeren Membran. In Chloroplasten findet sich dort eine relativ hohe Anzahl an verschiedenen Porinen und anderen Transportproteinen [8], die OEPs, deren Substratspezifität noch relativ unklar ist (Abb. 2). Die
Menge der einzelnen OEPs (v. a. OEP16,
OEP21, OEP23, OEP24, OEP37, OEP40) in der
Membran scheint von der photosynthetischen Leistung der Pflanze abzuhängen. So
sind in schnellwachsenden Pflanzen, wie
z. B. dem Mais, die größeren Porine stärker
vertreten als in langsamer wachsenden
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Pflanzen, wie z. B. der Erbse [9]. Das am besten charakterisierte OEP ist OEP21.
OEP21 – ein Paradebeispiel für ein
substratspezifisches und reguliertes
Porin
Unsere Arbeit an OEP21, einem OEP mit
21 kDa Molekulargewicht, begann vor
25 Jahren. Zunächst wurde das Protein biochemisch und elektrophysiologisch charakterisiert. Die biochemischen Untersuchungen ergaben, dass OEP21 wie ein klassisches
Porin Multimere in der Membran bilden
kann und mittels eines spezifischen konservierten Aminosäuremotivs ATP zu binden
vermag (Abb. 3). Die elektrophysiologischen
Studien an heterolog exprimiertem Protein
in artifiziellen Lipiddoppelschichten zeigten,
dass OEP21 einen Anionen-selektiven Kanal
bildet, der in eine Richtung rektifizierend ist,
d. h. eine präferierte Transportrichtung hat,
und u. a. Triosephosphate (TP, Primärprodukt der Photosynthese) transportiert. Diese
Eigenschaften werden durch die Anwesenheit von ATP beeinflusst [10, 11]. Die Daten
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˘ Abb. 2: Die Porine
in der äußeren Chloroplastenmembran.
Schematische Darstellung der bisher
identifizierten OEPs.
Die β-barrelStrukturen sind in
Blautönen, die
α-helikalen Proteine
in violett dargestellt.
Zahlen repräsentieren das Molekulargewicht.
wiesen bereits damals darauf hin, dass
OEP21 eine wichtige Rolle im Transport von
primären Photosyntheseassimilaten spielt
und abhängig von der Energieladung der Zelle und des Chloroplasten reguliert wird.
Vor kurzem konnten wir nun durch die
Strukturbestimmung mit NMR-Spektroskopie zeigen, dass OEP21 ein trichterförmiges
β-barrel aus 12 β-Strängen mit einer stark
positiv geladenen inneren Porenoberfläche
bildet [12]. Diese strukturellen Details, sowie
der ca. 1 nm große Durchmesser der OEP21Pore stimmen mit den elektrophysiologischen Messungen gut überein, in denen der
Kanal als Anionen-selektiv charakterisiert
wurde [10]. Ebenso konnte die nach außen
rektifizierende Eigenschaft von OEP21
anhand der Struktur bestätigt werden, da die
breitere Öffnung des Trichters zum Intermembranraum gerichtet ist, sodass TP aus
dem Chloroplasten in Richtung Cytosol kanalisiert werden können. Eine systematische
Analyse möglicher weiterer Substrate ergab,
dass OEP21 Metabolite neben der negativen
Ladung in erster Linie nach Größe diskriminiert. Moleküle mit einem Molekulargewicht
größer als 1 kDa können die Pore nicht passieren [12]. Weitere Experimente bestätigten
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¯ Abb. 3: Struktur und Regulation von OEP21. Schematische Darstellung der Funktionalität der OEP21-Pore unter verschieden (...truncated)