Spontane intrazerebrale Blutungen
Neurologie
psychopraxis. neuropraxis
https://doi.org/10.1007/s00739-024-01060-w
Angenommen: 5. Dezember 2024
© The Author(s) 2024
Spontane intrazerebrale
Blutungen
Akutmanagement, Diagnostik und Sekundärprävention
Linda Fabisch · Simon Fandler-Höfler
Universitätsklinik für Neurologie, Medizinische Universität Graz, Graz, Österreich
Zusammenfassung
Spontane intrazerebrale Blutungen sind mit einer hohen Morbidität und Mortalität
verbunden. Die häufigsten Ätiologien sind zerebrale Mikroangiopathien (Arteriolosklerose, zerebrale Amyloidangiopathie), seltener makrovaskuläre und andere
Ursachen. Nachdem die Behandlung intrazerebraler Blutungen über lange Jahre keine
entscheidenden Fortschritte zeigte, hat sich das Verständnis nun hin zu einem akuten
Notfall, der unmittelbar behandelt werden muss, gewandelt: Die Kernpunkte der
Akuttherapie sind ein sogenannter „care bundle“, der eine rasche Normalisierung des
Blutdrucks (auf Werte < 140 mm Hg systolisch), die Antagonisierung einer möglichen
Antikoagulation sowie die zeitnahe Evaluation möglicher neurochirurgischer Optionen
(Hämatomleerung, externe Ventrikeldrainage und/oder Hirndrucksonde) umfasst,
wobei minimal-invasive Techniken vorzuziehen sind. Eine Behandlung auf einer Stroke
Unit oder spezialisierten Intensivstation ist vorteilhaft. Im weiteren Management
ist es wichtig, die zugrunde liegende Ursache einer intrazerebralen Blutung zu
erkennen. Hier werden in den meisten Fällen eine CT-Angiographie sowie eine MRT
des Gehirns entscheidende Hinweise liefern. Basierend auf der Ursache kann eine
gezielte individualisierte Sekundärprophylaxe einleitet werden, die ein engmaschiges
Blutdruckmanagement, die direkte Behandlung zugrunde liegender Ursachen
(z. B. arteriovenöse Malformationen) sowie die Evaluierung der Wiedereinleitung
antithrombotischer Medikamente beinhalten kann. Zahlreiche weitere Studien
werden das Verständnis, das Akutmanagement und die Sekundärprophylaxe in den
kommenden Jahren weiter verbessern können.
Schlüsselwörter
Schlaganfall · Zerebrale Mikroangiopathie · Akuttherapie · Blutdruck · Gehirnblutung
Einleitung
Literatur bei den Verfassern
QR-Code scannen & Beitrag online lesen
Spontane (nicht traumatische) intrazerebrale Blutungen (ICB) gehen trotz der im
Vergleich zu ischämischen Hirninfarkten
niedrigeren Prävalenz mit einer deutlich
höheren Morbidität und Mortalität einher.
Pathophysiologisch tritt Blut einer rupturierten Arterie oder Arteriole in das Hirnparenchym ein und schädigt dieses primär durch lokale Kompression und sekundär durch die ein perifokales Ödem
induzierende Toxizität von Zytokinen und
Thrombin. Im Folgenden präsentieren wir
eine Zusammenfassung von Diagnostik,
Akutmanagement und Sekundärprävention der spontanen ICB.
Ätiologie
Da die Ursache der ICB das Akut- sowie
Langzeitmanagement beeinflusst, ist eine möglichst zeitnahe Identifikation dieser notwendig. Ätiologisch ist der Großteil
der spontanen ICB auf eine mikroangiopathische Genese zurückzuführen, wobei
dieBlutungslokalisationdiesbezüglichdiagnostische Hinweise geben kann.
Rund drei Viertel der ICB werden durch
zerebrale Mikroangiopathien verursacht.
Die häufigste Ursache, die für 50–60 % aller
psychopraxis. neuropraxis
1
Neurologie
ICB verantwortlich ist, ist die Arteriolosklerose (Arteriopathie der tiefen Perforatoren,
früher hypertensive Mikroangiopathie genannt). Der Hauptrisikofaktor chronischer
arterieller Hypertonus induziert unter anderem die Progression von Lipohyalinose,
die Proliferation von Fibroblasten und
die Formation von Mikroatheromen. Es
wird diskutiert, dass sich durch den so
entstehenden Gefäßwandschaden neben
einer Stenosierung des Lumens auch
Mikroaneurysmen („Charcot-BouchardAneurysmen“) ausbilden können, welche rupturieren und somit zu ICB führen
können.
»
Rund drei Viertel der ICB werden
durch zerebrale Mikroangiopathien
verursacht
ICB bei Arteriolosklerose sind typischerweise subkortikal (in den Basalganglien,
dem Thalamus, im Hirnstamm oder auch
zerebellär) lokalisiert, lobäre ICB treten bei
dieser Ursache aber ebenfalls häufig auf.
Rund 20 % aller ICB und etwa die Hälfte aller lobären ICB werden durch eine zerebrale Amyloidangiopathie (CAA) verursacht,
welche insbesondere bei Menschen im höheren Lebensalter (beginnend > 50 Jahre,
deutlich gehäuft > 70 Jahre) auftritt. Neben intrazerebralen Blutungen kann die
CAA auch zu kognitiven Defiziten führen und konvexale Subarachnoidalblutungen verursachen, die sich typischerweise
klinisch mit transienten fokal-neurologischen Episoden äußern, eine transiente,
meist vielfach synonym auftretende und
wandernde Symptomatik, die manchmal
als fokal-epileptische Anfälle oder transitorische ischämische Attacken verkannt
werden. Pathophysiologisch lagert sich bei
der CAA β-Amyloid progredient an die Gefäßwände der kortikalen und leptomeningealen Gefäße an. Die Genese ist meist
sporadisch, atypische Varianten (hereditäre CAA, CAA-assoziierte Inflammation,
iatrogene CAA) sind eher selten.
InsbesonderebeijüngerenPatient:innen
und atypischer Blutungslokalisation ist
auch an klassische sekundäre Blutungsursachen wie makrovaskuläre Ursachen
zu denken (z. B. arteriovenöse Malformationen), aber auch Einblutungen von Tumoren (am häufigsten Kavernome), Stauungsblutungen bei Sinusvenenthrombo-
2
psychopraxis. neuropraxis
sen, Störungen des Gerinnungssystems
und Vaskulitiden gehören zu wichtigen
Differenzialdiagnosen mit direkter therapeutischer Konsequenz.
Frühe Diagnostik und Bildgebung
Die Diagnose im Akutstadium erfolgt mittels zerebraler Bildgebung, im klinischen
Alltag meist via Computertomographie
(CT), wobei die Magnetresonanztomographie (MRT) in der Sensitivität nicht
unterlegen ist. Bei nicht unmittelbar klarer
Ursache sollte zeitnah (idealerweise unmittelbar) eine CT- oder MR-Angiographie
durchgeführt werden, die makrovaskuläre
Ursachen meist unmittelbar nachweisen
kann. Dies ist bei jüngeren Patient:innen
und atypischer Blutungslokalisation besonders relevant.
Die Bildgebung im Akutsetting kann
auch Hinweise hinsichtlich des Risikos einer Hämatomexpansion geben, die ein
starker Prädiktor für schlechte Ergebnisse ist. Der am besten untersuchte bildgebende Hinweis hierfür ist das sogenannte
„spot sign“, welches in der CT-Angiographie ein Kontrastmittelextravat innerhalb
der ICB darstellt. Auch bildgebende Charakteristika im Nativ-CT können hilfreich
sein: Insbesondere eine heterogene Darstellung der ICB ist hierbei ein Risikofaktor für eine Hämatomprogression („blend
sign“, „black hole sign“, „island sign“).
Akutmanagement
Im Akutsetting gilt es als primäres Ziel, die
Hämatomprogression zu verhindern, zu
der es bei etwa 20–40 % der Patient:innen
kommt. In der klinischen Praxis hat sich die
Anwendung des „ABC bundle of care“, welches Gerinnungsmanagement, Blutdrucksenkung und neurochirurgische Interventionen inkludiert, bewährt. Nach der Akutversorgung sollte die weitere Behandlung
auf einer Stroke Unit oder spezialisierten
Intensivstation erfolgen.
Gerinnungsmana (...truncated)