Neurosonographie an der Stroke Unit – ein Update
Neurologie
psychopraxis. neuropraxis
https://doi.org/10.1007/s00739-024-01059-3
Angenommen: 27. November 2024
© The Author(s) 2024
Neurosonographie an der Stroke
Unit – ein Update
Melanie Haidegger · Markus Kneihsl
Universitätsklinik für Neurologie, Medizinische Universität Graz, Graz, Österreich
Zusammenfassung
Der Einsatz der Neurosonographie ist ein wesentlicher Bestandteil der Routineabklärung nach ischämischem Schlaganfall. Als einfach anzuwendende BedsideUntersuchung kann diese direkt in der Akutaufnahme/an der Stroke Unit durchgeführt werden, wobei drei Domänen zu nennen sind: 1) Okklusionsprozesse der
hirnversorgenden Gefäße: Abgesehen von der Detektion hochgradiger Stenosen und
von Verschlüssen eignet sich der Ultraschall hervorragend dazu, die Oberfläche und
Echogenität atherosklerotischer Plaques der hirnversorgenden Gefäße zu beurteilen.
So können Risikoplaques identifiziert werden, die unabhängig vom Stenosegrad
mit dem Auftreten von Schlaganfällen assoziiert sind. 2) Zerebrale Hämodynamik
nach Gefäßrekanalisation: Die mechanische Thrombektomie hat das Ergebnis von
Schlaganfallpatient:innen mit Großgefäßverschluss maßgeblich verbessert. Etwa
ein Drittel dieser Patient:innen weist Störungen der zerebralen Hämodynamik auf.
Beispielhaft sei das Hyperperfusionssyndrom zu nennen, das mit einem erhöhten Risiko
für Infarkteinblutungen verbunden ist. Der Einsatz des transkraniellen Ultraschalls
ermöglicht es, derartige Veränderungen frühzeitig zu erkennen und im Rahmen
einer individualisierten Behandlung zu berücksichtigen. 3) Rechts-Links-ShuntDiagnostik: Bei Patient:innen unter 60 Jahren mit kortikalen Infarkten und unauffälliger
Routineabklärung sollte nach einem Rechts-Links-Shunt in Form eines persistierenden
Foramen ovale gesucht werden. Der transkranielle Ultraschall eignet sich durch seine
hohe Sensitivität als hervorragendes Screening-Instrument zur Diagnostik des RechtsLinks-Shunts.
Schlüsselwörter
Ultraschall · Schlaganfall · Plaquemorphologie · Reperfusionsschäden · Rechts-Links-ShuntDiagnostik
Neurosonographie als
Schlüsselelement in der
ätiologischen Abklärung des
ischämischen Schlaganfalls
QR-Code scannen & Beitrag online lesen
Der Einsatz der Neurosonographie hat
sich als Standarduntersuchung der ätiologischen Abklärung des ischämischen
Schlaganfalls etabliert. Etwa 25 % aller
ischämischen Schlaganfälle werden durch
makrovaskuläre Pathologien verursacht.
Ein wesentlicher Fokus der neurosonographischen Untersuchung liegt dahingehend auf der Detektion von hochgradigen
Stenosen oder Verschlüssen der hirnversorgenden Gefäße. Die Ultraschalluntersuchung ist die geeignete Modalität, um
neben dem Stenosegrad die Echogenität
und Oberfläche von atherosklerotischen
Plaques zu beurteilen. Das ist von besonderer Bedeutung bei der Beurteilung
von Veränderungen an der extrakraniellen
Karotis.
Jeder 4. ischämische Schlaganfall kann
trotz umfassender Abklärung keiner eindeutigen Ätiologie zugeordnet werden.
Rezente Studien zeigten, dass ein relevanter Anteil initial kryptogener Schlaganfälle durch ipsilaterale niedriggradige
Karotisstenosen, also durch atherosklerotische Veränderungen mit unter 50 %iger
Lumeneinengung, hervorgerufen wird. So
konnten verschiedene Charakteristika der
Plaquemorphologie identifiziert werden,
psychopraxis. neuropraxis
1
Neurologie
Abb. 1 9 Typische Merkmale einer Karotisplaque
mit erhöhtem arterioarteriellen embolischen Risiko:
Ulzerierte Plaque (a),
vorwiegend hypo-/
anechogene Plaque (b),
mobile Plaqueanteile (c, d).
© Kneihsl
die mit einem besonders hohen Risiko
einer arterioarteriellen Embolie und einem konsekutiven Schlaganfallgeschehen
assoziiert sind (. Abb. 1a–d; [1–3]). Diese Plaques werden als Risikoplaques bezeichnet. Für die Identifikation von Risikoplaques sollte der genauen Darstellung
des entsprechenden Gefäßes im „brightness mode“ (B-Mode) besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden.
Folgende Charakteristika kennzeichnen
eine Plaque mit erhöhtem arterioarteriell
embolischem Risiko: [1, 4]
– Die ulzerierte atherosklerotische
Plaque: Diese beschreibt einen Einbruch der Plaqueoberfläche um zumindest 2 mm (Tiefe oder Breite)
(. Abb. 1a)
– Die hypo-/anechogene Plaque: Diese
ist durch einen > 50 % an- oder hypoechogenen Anteil charakterisiert und
weist auf eine stark lipidhaltige oder
eingeblutete Plaque hin. (. Abb. 1b)
– Die mobile Plaqueformation: Darunter
versteht man eine mobile Komponente
in oder an der Oberfläche einer Plaque;
diese kann im Ultraschall besonders
gut beurteilt werden. (. Abb. 1c, d)
Die Identifikation der vom Stenosegrad
unabhängigen Risikofaktoren der Plaquemorphologie rechtfertigt bei entsprechen-
2
psychopraxis. neuropraxis
dem Schlaganfallmuster und fehlenden
konkurrierenden Ursachen im Einzelfall
auch weitere Überlegungen hinsichtlich
Sekundärprophylaxe und interventionellen Maßnahmen wie Karotisthrombendarteriektomie oder Stent-PTA [5].
Fallbeispiel 1
Ein 69-jähriger Mann wird mit passagerer
Parese der rechten oberen Extremität in
der Notaufnahme vorstellig. Die Symptomatik habe etwa eine Stunde angehalten.
Klinisch besteht somit der Verdacht auf eine transiente ischämische Attacke im Karotisstromgebiet links. Anamnestisch lässt
sich ein Zustand nach linkshemisphäriellem Hirninfarkt vor 3 Wochen erheben,
die Ätiologie des Schlaganfallgeschehens
wurde nicht identifiziert. Der Patient wurde bei Minor Stroke unter dualer Thrombozytenfunktionshemmung (bei Aufnahme noch bestehend) entlassen; zudem besteht eine hochpotente Statintherapie. In
der Magnetresonanztomographie zeigen
sich rezente punktförmige, disseminierte
Infarkte im Bereich der Grenzzone links.
MR-angiographisch zeigen sich keine mittel- oder höhergradigen Stenosen.
Im Rahmen der neuerlichen Untersuchung im Ultraschalllabor finden sich im
B-Bild Auffälligkeiten im Abgangsbereich
der linken A. carotis interna (. Abb. 1b),
im Sinne einer überwiegend anechogenen Plaque. Diese war weder intra- noch
poststenotisch hämodynamisch relevant
(40 % nach ECST), erschien jedoch auf Basis
von Verlauf und Lokalisation (Rezidivereignis im selben vaskulären Territorium
unter dualer Thrombozytenfunktionshemmung/hochpotenter Statintherapie)
als wahrscheinliche Schlaganfallursache.
Bei fehlenden konkurrierenden Ätiologien
wurde im Einzelfall nach interdisziplinärer
Diskussion die operative gefäßchirurgische Sanierung durchgeführt. Es traten
über das Follow-up keine neuerlichen
Ereignisse auf.
Einsatz der Neurosonographie
in der Verlaufskontrolle nach
gefäßrekanalisierenden Therapien
Die Durchführung der mechanischen
Thrombektomie als Akuttherapie beim
ischämischen Schlaganfall und zugrunde liegendem Großgefäßverschluss hat
sich in den letzten Jahren als Routinetherapie etabliert und das Ergebnis
dieser Patient:innenkohorte maßgeblich
verbessert [6]. Umso wichtiger ist demnach das frühzeitige Erkennen und das
Management periinterventioneller Komplikationen. Studien konnten zeigen, dass
Abb. 2 8 Am Tag nach erfolgreicher Intervention (c) zeigen sich Str (...truncated)