Veränderung braucht Führung: Wie Führung Lerntransfer im Programm VeränderungsMacher:in ermöglicht – ein Fallbeispiel bei B. Braun
Gruppe. Interaktion. Organisation. Zeitschrift für angewandte Organisationspsychologie (2026) 57:89–99
https://doi.org/10.1007/s11612-026-00859-y
HAUPTBEITRÄGE – THEMENTEIL
Veränderung braucht Führung: Wie Führung Lerntransfer im
Programm VeränderungsMacher:in ermöglicht – ein Fallbeispiel bei
B. Braun
Laura Gehreke1 · Simone Kauffeld1
Eingegangen: 30. Mai 2025 / Angenommen: 2. Januar 2026 / Online publiziert: 14. Januar 2026
© The Author(s) 2026
1 Einleitung
Organisationen stehen heute unter hohem Veränderungsdruck sei es durch digitale Technologien, den ökologischen
Umbau der Wirtschaft, globale Krisen oder geopolitische
Unsicherheiten. Transformation ist damit längst nicht mehr
Ausnahme, sondern Dauerzustand (Schiuma et al. 2024).
Um diesen Wandel nicht nur reaktiv zu bewältigen, sondern aktiv zu gestalten, braucht es Mitarbeitende mit neuen
Kompetenzen. Sie müssen in der Lage sein, mit Komplexität umzugehen, innovative Lösungen zu entwickeln und
Veränderung im Arbeitsalltag umzusetzen.
Diese Anforderungen betreffen zahlreiche Branchen, zeigen sich jedoch in wissens- und sicherheitskritischen Bereichen in besonderer Weise. So sind die Auswirkungen aktueller Transformationsdynamiken nicht auf klassische Industriezweige wie die Automobilindustrie beschränkt, sondern betreffen auch das Gesundheitswesen und die Medizintechnik. In diesen Bereichen müssen technologische
Innovationen, regulatorische Anforderungen, Qualitätsstandards und Effizienzsteigerungen gleichzeitig berücksichtigt
werden (Jedamzik 2019). Qualifizierung und Kompetenzentwicklung gewinnen hier eine besondere strategische Bedeutung.
Die Förderung solcher Zukunftskompetenzen steht im
Einklang mit den Sustainable Development Goals (SDGs)
der Vereinten Nationen, insbesondere Ziel 4 („Hochwertige
Bildung“), Ziel 8 („Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum“) und Ziel 9 („Industrie, Innovation und
Infrastruktur“) (Arora und Mishra 2019). Unternehmen
übernehmen damit nicht nur Verantwortung für ihre eigene
Laura Gehreke
1
Lehrstuhl für Arbeits-, Organisations- und Sozialpsychologie,
Institut für Psychologie, Technische Universität
Braunschweig, 38106 Braunschweig, Deutschland
Wettbewerbsfähigkeit, sondern leisten auch einen Beitrag
zur Erreichung globaler Nachhaltigkeitsziele. Weiterbildungen wie VeränderungsMacher:in zeigen exemplarisch,
wie die beiden Ebenen individuelle Kompetenzentwicklung und gesellschaftliche Transformation miteinander
verbunden werden können. Sie stärken die organisationale
Resilienz, fördern nachhaltiges Handeln und unterstützen
den Aufbau jener Kompetenzen, die für die Bewältigung
komplexer Transformationsprozesse erforderlich sind. Damit rückt die Frage in den Mittelpunkt, wie Unternehmen
diese Kompetenzen systematisch aufbauen, im Alltag verankern und langfristig nutzbar machen können (Philip et al.
2023).
Führungskräfte spielen in diesem Zusammenhang eine
Schlüsselrolle nicht nur als Strateg:innen, sondern als Gestaltende von Klarheit, Orientierung und Resonanz (Spieß
et al. 2007). Sie schaffen die Voraussetzungen dafür, dass
Mitarbeitende sich auf Veränderungen einlassen, Verantwortung übernehmen und neue Wege beschreiten können.
Vor diesem Hintergrund wurde im Rahmen des BMFTRgeförderten Projekts ROBUST das Weiterbildungsformat
VeränderungsMacher:in gezielt eingesetzt, um unternehmensweite Veränderungsvorhaben zu unterstützen. Es verbindet individuelle Entwicklung mit strategischer Projektarbeit und bettet Qualifizierung direkt in reale Transformationsprozesse ein (Kauffeld und Berg 2022). Neu war dabei
insbesondere der strukturierte Einbezug von Führungskräften in die Lern- und Transferprozesse der Teilnehmenden.
Der vorliegende Beitrag zeigt anhand von zwei Praxisbeispielen aus dem Medizintechnologieunternehmen
B. Braun, wie Führungskräfte im Rahmen arbeitsintegrierter Weiterbildung gezielt zum Transfererfolg beitragen können. Er leistet damit einen Beitrag zur Frage, wie Führung
in Transformationsprozessen wirksam gestaltet werden
kann, und bietet praxisnahe Einblicke in die Verbindung
von individueller Kompetenzentwicklung, organisationalem Lernen und strategischem Transfermanagement. Die
Ergebnisse münden in konkrete Handlungsperspektiven für
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die Gestaltung von Qualifizierungsformaten mit nachhaltiger Wirkung.
2 Theoretischer Hintergrund
2.1 Lerntransfer und organisationale
Rahmenbedingungen
Lerntransfer gilt als zentrale Bedingung für die Wirksamkeit von Weiterbildung. Er beschreibt, in welchem Maße
Lerninhalte, Kompetenzen und Einstellungen erfolgreich in
den beruflichen Alltag übertragen werden (Kauffeld 2016;
Kauffeld et al. 2025). Nach dem Lerntransfer-System-Inventar (LTSI; Bates et al. 2007; Kauffeld et al. 2008) wird
Transfer durch ein Zusammenspiel individueller, sozialer
und organisationaler Einflussfaktoren beeinflusst. Dazu
zählen insbesondere die Unterstützung durch Vorgesetzte,
die Anwendungsbereitschaft der Lernenden und günstige
Rahmenbedingungen im Arbeitskontext.
Führungskräfte übernehmen in diesem Prozess eine
Schlüsselrolle. Sie fungieren als Impulsgeber:innen, Strukturierende und Rückhaltgebende entlang des gesamten
Lern- und Entwicklungsprozesses. Dieses Verständnis lehnt
sich an die konzeptionellen Überlegungen von Holton et al.
(2000) an, wonach Lerntransfer vor allem dann gelingt,
wenn Trainingsmaßnahmen durch unterstützende Rahmenbedingungen in ihrer Wirkung verstärkt werden.
Auf organisationaler Ebene beeinflussen Führungskräfte den Lerntransfer insbesondere durch die Gestaltung von
Rahmenbedingungen, etwa indem sie Zeit, Prioritäten und
Anwendungsmöglichkeiten schaffen (Kauffeld 2016). Auf
sozialer Ebene wirken sie durch Rückmeldung, Unterstützung und die Klärung von Erwartungen. Auf individueller Ebene fördern sie Motivation und Anwendungsbereitschaft, indem sie Relevanz verdeutlichen und Rückhalt bei
der Umsetzung bieten. Diese Dreiteilung (individuell, sozial, organisational) dient im Folgenden als strukturierender
Bezugsrahmen für die Betrachtung von Führung im Lerntransfer.
Lerntransfer entsteht dabei nicht automatisch durch das
Lernen selbst, sondern durch die Qualität der organisationalen Einbettung (Kauffeld 2010). Damit Weiterbildungsinhalte wirksam werden, müssen sie in die Arbeitsumgebung rückgekoppelt werden, etwa durch begleitende Reflexion, Freiräume zur Anwendung und soziale Verstärkung.
Führungskräfte gestalten hierbei die Schnittstelle zwischen
individueller Lernmotivation und organisationaler Umsetzungsrealität.
Aktuelle Forschung unterstreicht, dass insbesondere die
wahrgenommene Unterstützung durch Vorgesetzte und Kolleg:innen entscheidend für die Transferleistung ist (Massenberg et al. 2015; Mehner et al. 2024). Diese Befunde
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L. Gehreke, S. Kauffeld
werden durch Übersichtsarbeiten und Meta-Analysen gestützt, die die Bedeutung der Führung im Transferprozess
systematisch herausarbeiten. So zeigen Burke und Hutchins
(2007), dass organisationale und supervisorale Unterstützung konsistent mit erfolgre (...truncated)