Führung als Interaktionsautorität
Gruppe. Interaktion. Organisation. Zeitschrift für angewandte Organisationspsychologie (2026) 57:109–111
https://doi.org/10.1007/s11612-025-00841-0
REPORT ON PRACTICE
Führung als Interaktionsautorität
Reflexive Auseinandersetzungen mit dem eigenen Führungsideal im Coaching
Tim Middendorf1
Eingegangen: 18. Juni 2025 / Angenommen: 1. Dezember 2025 / Online publiziert: 11. Dezember 2025
© The Author(s) 2025
1 Kontext des Führungskräftecoachings
In einer sich wandelnden Arbeitswelt verändern sich ebenfalls die Arbeitsfelder und Aufgaben von Führungskräften.
Die Anforderungen an Führung und Leitung, die Bedürfnisse und Ansprüche von und an Mitarbeitende, die Interaktionsformen in der Organisation und vieles mehr unterliegen einer stetigen Veränderung (vgl. z. B. Institut für
Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) 2025). Das bedeutet konkret, dass sowohl der Arbeitskontext einer Führungskraft als auch der Vollzug von Führungstätigkeit wiederholt überprüft, reflektiert und angepasst werden sollten.
Ein hilfreiches Instrument zur Reflexion von Führungstätigkeiten in arbeitsweltlichen Transformationsprozessen stellt
das Coaching von Führungskräften dar (vgl. Lauer 2024),
aus dem exemplarisch im vorliegenden Beitrag berichtet
wird1.
2 Kontaktaufnahme und Auftragsklärung
Coaching von Führungskräften sowie weitere berufliche
Beratungsformate (zum Beispiel Supervision) sind häufig
durch sogenannte Dreieckskontrakte gekennzeichnet: Institution, Führungskraft und Berater*in (vgl. Pühl 2017). Im
Rahmen eines gemeinsamen Auftrags werden in der Regel
Coachings von Führungskraft und Berater*in durchgeführt,
die von der Institution offiziell beauftragt und finanziert
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Aus Datenschutzgründen wurde der Name verändert.
Tim Middendorf
werden. Die Coachings dienen der Reflexion sowie einer
Verbesserung von Führungstätigkeit.
Im Vollzug entsprechender Coachings nehme ich wahr,
dass der Dreieckskontrakt durch die Aushandlung eines
Führungsideals der beteiligten Personen ergänzt wird. Das
auszuhandelnde Führungsideal kann metaphorisch als vierter Akteur verstanden werden. Denn die Vorstellungen von
Führung, die Erwartungen an Führung und die Umsetzung
von Führung unterliegen ebenso wie die Arbeitswelt selbst
einem stetigen sozio-kulturellen Wandel (vgl. Blessin und
Wick 2021). Das kann dazu führen, dass die Führungskraft sich eine vermeintlich angemessene Idee von institutionell und gesellschaftlich akzeptierter Führung konstruiert
und deren Erreichung in das Führungskräfte-Coaching integriert. Zudem kann auch die auftraggebende Institution
eine normative Vorstellung von „richtiger Führungsperson“
als Leitidee mit in das Coaching bringen und die Zielerreichung daran bewerten, inwieweit sich die zu coachende Führungskraft im Verlauf des Coachings der Konstruktion annähert. Diese Implikation eines Führungsideals als
zu erreichende Leitkategorie im Führungskräfte-Coaching
erfolgt häufig indirekt und möglicherweise auch teilweise
unbewusst.
Im vorliegenden Fall hat die Führungskraft (Herr F.)
aufgrund der erstmaligen Übernahme von Führungsaufgaben beim betrieblichen Gesundheitsmanagement des Trägers ein Coaching beantragt. Der Antrag wurde mit dem
Auftrag Individuelles Coaching für die neue Führungskraft
genehmigt. Es wurde im Dreieckskontrakt deutlich, dass
vor allem die Bewältigung von Krisensituationen, die Mitarbeitendenführung und ein souveränes Auftreten als Entwicklungsziele seitens der Behörde gesehen wurden. Individuelle Wünsche und Ziele der Führungskraft wurden in
der ersten Coachingsitzung eruiert.
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Hochschule Bielefeld (HSBI), Bielefeld, Deutschland
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3 Verlauf des Führungskräfte-Coachings
Das Coaching begann mit einem ersten Kennenlernen und
einem Abgleich der Passung individueller Erwartungen und
Möglichkeiten. Als kritisch zu diskutieren hielt ich meinen
sozialarbeiterischen Coaching-Background in Hinblick auf
den Arbeitskontext der anfragenden Finanzbehörde. Meine stark begrenzte Feldkompetenz wurde seitens Herrn F.
(Führungskraft) als besonders förderlich und explizit gewählt beschrieben, da er nicht an fachlichen Hilfestellungen interessiert sei, sondern das Ziel der Entwicklung von
Führungsautorität im Vordergrund stünde. Unter Führungsautorität beschrieb Herr F. Durchsetzungsvermögen, Klarheit, individuelle Stärke und soziale Akzeptanz seiner Mitarbeitenden. Herr F. beschrieb die Idee, dass im Coaching
gezeigt würde, wie er diese aus seiner Sicht einer Führungsperson inne liegenden Kompetenzen erwerben und integrieren könnte. Herr F. entschied sich für einen prozesshaften
Verlauf des Coachings unter Einbezug von Fallsituationen
aus dem Arbeitsalltag.
In einer anschließenden Sitzung thematisierte Herr F. eine Konfliktsituation, in der eine Mitarbeiterin sich seinen
Handlungsvorschlägen widersetzte, die er aufgrund der Implementierung eines neuen Dokumentationssystems ausgesprochen hatte. Nach eigenen Angaben verfügte Herr F.
inhaltlich über Verständnis für die Reaktion der Mitarbeiterin, er fühlte sich allerdings in seiner Führungsrolle nicht
angemessen akzeptiert. Das führte dazu, dass Herr F. ein
Gespräch mit der Mitarbeiterin mit einer Arbeitsanweisung
und deren engmaschiger Kontrolle durch ihn beendete. Dies
entspräche seiner Idee von Führungsautorität, die er sich als
neue Führungskraft anzueignen habe. Herr F. sorgte sich an
dieser Stelle jedoch um die aus seiner Sicht gute Arbeitsstimmung im Team und sein Ansehen als Führungskraft.
Im weiteren Verlauf des Coachings reflektierte Herr F.
Arbeitssituationen und eigene Erfahrungen mit Führungskräften. Ein einschneidendes Erlebnis ereignete sich in der
zeitlichen Mitte des Coachingprozesses: Herr F. berichtete – im Rahmen einer selbst benannten Schwäche in der
Kommunikation mit Mitmenschen – von eigenen negativen Erfahrungen mit Autoritätspersonen. Er identifizierte
in der Sitzung sogenannte Leitsätze, die für ihn im Leben eine zentrale Bedeutung haben. Diese Leitsätze mit
einer vorwiegend negativ konnotierten Selbstwahrnehmung
führten dazu, dass er eigene Unsicherheiten vor allem mit
Kraft, Autorität und Durchsetzungsvermögen zu kompensieren versuchte. Das hat ihn aus seiner Perspektive auch
in die Führungsposition gebracht. Herr F. analysierte auch
unter Berücksichtigung seiner eigenen Sozialisation, dass
ein vorwiegend autoritäres Auftreten als Führungskraft vor
allem in Interaktionen mit Mitarbeitenden auch für das Arbeitsklima und das Wohlbefinden Einzelner negative Auswirkungen haben kann.
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T. Middendorf
Basierend auf dieser Erkenntnis entwickelte Herr F. im
weiteren Coachingprozess eine veränderte Form seines
Führungsideals. Er strebte an, Autorität nicht machtvoll
in seine Führungsperson integrieren zu wollen, sondern
vor allem an seiner Führungs- und Interaktionskompetenz
zu arbeiten: mit dem Ziel der Entwicklung von Interaktionsautorität. Herr F. verstand unter Interaktionsautorität
in erster Linie die Fähigkeit, Interaktionsprozesse bilateral
zu gestalten und verschiedene Perspektiven zuzu (...truncated)