Technik der Austauschmarknagelung bei aseptischen hypertrophen Femurschaftpseudarthrosen
Übersichten
Trauma Berufskrankh 2016 · [Suppl 2]:
18:S181–S188
DOI 10.1007/s10039-015-0059-8
Online publiziert: 4. September 2015
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2015
Mario Perl · Christian Hierholzer · Alexander Woltmann · Volker Bühren
Grundlagen
unter anderem der Diabetes mellitus, der
Nikotinabusus, Medikamente wie nichts
teroidale Antiphlogistika, Heparin, Anti
depressiva, Steroide, Antibiotika, Proto
nenpumpeninhibitoren oder Zytostati
ka. Weitere Ursachen sind Mangelernäh
rung, Kalziumstoffwechselstörungen, die
peripher arteriovenöse Verschlusskrank
heit, der C2-Abusus sowie die Depressi
on [1, 20].
Instabilität und Abweichung sind 2
weitere wesentliche Faktoren, die die Aus
bildung einer Pseudarthrose begünstigen.
Dünne, nicht markraumfüllende Marknä
gel in unaufgebohrter Technik begünsti
gen sowohl die axiale als auch die rota
torische Instabilität. Die axiale Instabili
tät wird weiterhin durch einen fehlenden
interfragmentären Knochenkontakt/De
hiszenz begünstigt, während die rotatori
sche Instabilität durch zu dünne Verrie
gelungsbolzen (< 5 mm) bzw. eine zu ge
ringe Anzahl an Verriegelungsbolzen be
günstigt wird. Im Sinne der Achsabwei
chung kommt v. a. der Varusabweichung
beim Femur eine besondere Bedeutung
zu. Diese führt zu vermehrten Scherkräf
ten im Bereich der Fraktur und begüns
tigt somit die Ausbildung einer Pseudar
throse [6, 17].
Die Inzidenz der Femurfraktur beträgt 10
bis 37 pro 100.000 pro Jahr [14]. Die erwar
tete Ausheilungszeit einer Femurschaft
fraktur beträgt 4 bis 6 Monate. Sie ist ab
hängig von Frakturlokalisation, Fraktur
typ, Weichteiltrauma, Begleitverletzun
gen etc. Die Inzidenz der Femurschaft
pseudarthrosen nach Marknagelung wird
zwischen 0 und 15 % angegeben. Bei an
tegraden Marknagelungen werden Inzi
denzen zwischen 6,3 und 12,5 % berichtet
[19]. In der Mehrzahl der Fälle handelt es
sich am Femurschaft um aseptische, hy
pertrophe Pseudarthrosen. Die Definition
der Pseudarthrose beruht auf einer nicht
abgeschlossenen Frakturheilung im Zeit
raum von 6 bis 9 Monaten. Auch bei aus
bleibendem Fortschritt in der Knochen
heilung über einen Zeitraum von 3 Mo
naten hinweg wird die Pseudarthrose dia
gnostiziert. Weitere Begrifflichkeiten wie
gestörte Knochenbruchheilung, drohen
de Pseudarthrose, ausgebildete Pseudar
throse, symptomatische Pseudarthro
se, asymptomatische Pseudarthrose etc.
sind ebenfalls in Gebrauch, ohne jedoch
immer ausreichend gut definiert zu sein.
Begünstigende Faktoren
Risikofaktoren für die Ausbildung einer
Pseudarthrose nach Fraktur sind zum ei
nen die gestörte Durchblutung, die Qua
lität der Osteosynthese (interfragmentäre
Instabilität, Dehiszenz, Achsabweichung),
die Ausbildung eines Infektes, die verzö
gerte Belastung oder die offene Fraktur.
Auch vonseiten des Patienten können Ri
sikofaktoren benannt werden: Diese sind
Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik Murnau, Murnau am Staffelsee, Deutschland
Technik der
Austauschmarknagelung
bei aseptischen hypertrophen
Femurschaftpseudarthrosen
Klassifikation
Bezüglich der Klassifikation kommt nach
wie vor die nach Weber und Czech aus
dem Jahr 1973 zur Anwendung [21]. Sie
beruht auf dem Prinzip der knöchernen
Vitalität und unterscheidet zwischen vi
talen und nichtvitalen Untergruppen. Die
vitale Pseudarthrose weist hierbei eine
intakte Blutversorgung auf. Eine sicht
bare Reaktion auf die Frakturheilung ist
evident. Innerhalb dieser Gruppe wer
den hypertrophe und oligotrophe Varian
ten unterschieden. Bei der hypertrophen
Form lässt sich eine überschießende Form
von Brückenkallus als Ausdruck einer in
adäquaten mechanischen Stabilität der
Pseudarthrose beobachten. Bei der oligo
trophen Form zeigt sich eine gestörte Hei
lungsreaktion mit typischerweise gering
ausgebildeter Brückenkallusformation.
Hiervon werden die nicht vitalen Pseu
darthrosen abgegrenzt. Hierunter subsu
mieren sich die atrophischen und avas
kulären Varianten. Von den vitalen und
nicht vitalen Pseudarthrosen abzugren
zen ist die Infektpseudarthrose. Sie gilt es
in jedem Falle aktiv auszuschließen. Ne
ben den klinischen Kardinalzeichen und
Laborparametern sind hierzu Abstriche
und ggf. Thiogylokollat-Langzeitkulturen
notwendig.
Diagnostik
Bezüglich der Diagnostik ist nach ent
sprechend stattgehabter Fraktur und in
der Regel operativer Versorgung der per
sistierende belastungsabhängige Schmerz
wegweisend. Klinisch sind die Weichtei
le zu inspizieren; Infektzeichen, wie z. B.
Fistelung, Rötung oder Schwellungen,
sind zu dokumentieren. Die Durchblu
tungssituation ist sowohl klinisch als auch
ggf. duplexsonographisch bzw. angiogra
phisch zu erheben. Wichtig ist, dass be
gleitende Achsabweichungen und Län
gendifferenzen mit erfasst werden. Die
klassische Bildgebung ist die konventio
nell röntgenographische Diagnostik. Hier
wird eine Unterbrechung der Brückentra
Trauma und Berufskrankheit · Suppl 2 · 2016 | S181
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Abb. 1 8 50-jähriger Patient mit 2-Etagen Femurschaftbruch rechts, Nikotinabusus, extern versorgt mit antegradem Marknagel
Abb. 2 8 Vorstellung 6 Monate später mit belastungsabhängigen Schmerzen am rechten Oberschenkel
bekel, eine Sklerosezone, ggf. die persistie
rende Sichtbarkeit der Frakturlinien oder
eine Dehiszenz nachweisbar sein. Weite
re Indizien sind Defektzonen, Sequester,
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hypertrophe Kallusbildung sowie zuneh
mende Materialermüdung. Wesentlich ist
auch hier der Verlauf und nicht die Mo
mentaufnahme. Die CT mit multiplana
ren Rekonstruktionen kann die Diagnos
tik ergänzen und zeigt eine gute Korrela
tion mit der Klinik.
Zusammenfassung · Abstract
Therapeutische Überlegungen
In die präoperativen therapeutischen
Überlegungen müssen folgende Kriterien
mit eingehen:
55Ist eine Verbesserung der Stabilität
notwendig?
55Muss eine Korrektur der Achsabwei
chung erfolgen?
55Ist eine direkte Kompression der
Pseudarthrose hilfreich?
55Muss zunächst die Vaskularität bzw.
die Biologie optimiert werden?
Hierzu ist es notwendig, zwischen vita
len und avitalen Pseudarthrosen, wie ein
gangs erwähnt, zu unterscheiden. Bei der
hypertrophen aseptischen Pseudarthrose
ist ein geschlossenes chirurgisches Vorge
hen indiziert. Zunächst kann durch Dy
namisierung des Marknagels möglicher
weise eine Ausheilung erfolgen. Gelingt
dies nicht oder ist dies nicht vielverspre
chend, so ist die Austauschmarknagelung
die Therapie der Wahl.
Die Austauschmarknagelung ist die
Behandlung der ersten Wahl bei asepti
schen Femurschaftpseudarthrosen nach
initialer Marknagelung [5, 24]. Die Er
folgsraten werden zwischen 60 und 100 %
[3, 22, 23]angegeben.
Technik
Die Austauschmarknagelung bei asepti
scher Femurschaftpseudarthrose führen
wir in Seitlagerung durch. Nach Entfer
nung des einliegenden Marknagels wird
das Prinzip der biologischen Osteosyn
these verfolgt. Hierbei ist das limitier
te Überbohren wesentlicher Bestandteil
der Therapie. Mit einem scharfen kopf
schneidenden Bohrkopf, beginnend bei
der initialen Marknagelgröße, wird eine
graduell sch (...truncated)