Therapietreue
Brief des Herausgebers
psychopraxis.neuropraxis 2015 · 18:197
DOI 10.1007/s00739-015-0291-9
Online publiziert: 15. Oktober 2015
© Springer-Verlag Wien 2015
Peter Fischer
Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen!
Bei unseren Patienten mit schweren
psychiatrischen Erkrankungen muss früh
im Verlauf Übereinstimmung mit den Patienten erreicht werden. Dies deshalb, weil
nur eine früh beginnende und kontinuierliche antipsychotische Therapie eine gute
Prognose mit nahezu normaler Lebensgestaltung ermöglicht. Dazu gehört, dass wir
unsere Patienten, ihre Symptome, ihre Lebensgeschichte, ihre Vorurteile und Einstellungen kennen lernen, akzeptieren
und thematisieren.
Wie immer geht es darum, den Patienten als individuellen Menschen wahrzunehmen. Menschen nehmen ihre Medikation nicht, wenn sie den Eindruck haben, ihr Psychiater hat ihnen nicht zugehört, ihre Einwände nicht wahrgenommen und sei daher nicht in der Lage, ihre
Situation richtig einzuschätzen und entsprechend richtige Behandlungsschritte
zu setzen. Die Bedürfnisse und Anliegen
unserer Patienten wahrzunehmen und
ernst zu nehmen bedeutet, sie ohne sie zu
unterbrechen, reden zu lassen und zuzuhören, also geduldig zu sein und Zeit aufzuwenden.
So wurzeln viele Ursachen mangelnder
Therapietreue unserer Patienten in unserem Versorgungssystem und auch in uns
Medizinern. Auch wir Fachleute wissen
häufig zu wenig und trauen unseren Therapien zu wenig zu.
Gerade deshalb wollen wir in der Zeitschrift psychopraxis.neuropraxis günstig verlaufende Therapien schwerer Erkrankungen schildern. Wir haben, wie alle anderen Fächer der Medizin, aus vielen Gründen zu wenig Zeit für unsere Patienten. Überdies sind wir zu leicht davon
überzeugt, dass unsere Patienten unseren
Rat befolgen. Daher thematisieren wir
die Therapietreue auch zu selten, klären
zu selten über Nebenwirkungen auf oder
verweigern Therapieänderungen vorschnell.
Wird einem Hypertoniker ein Antihypertensivum verordnet, so wird der Blutdruck sinken und der Behandelte wird
sich oft schwächer fühlen. Er wird es
nach einigen Tagen wieder ohne Medikament versuchen und wird sich bald wieder wohler fühlen. Er zieht seine individuelle Kosten/Nutzenrechnung und entscheidet sich entsprechend seinem Wissensstand meist gegen diese Behandlung.
Gegenwärtig nehmen über 80 % der USAmerikaner weniger als 80 % der verordneten Antihypertensiva ein. Wüsste ein
ideal aufgeklärter Patient um die Spätfolgen einer arteriellen Hypertonie Bescheid,
so würde er mehr Nebenwirkungen der
Behandlung ertragen. Ähnliches gilt für
Erkrankte aus dem Spektrum der Schizophrenien. Sie müssen viel über ihre Erkrankung lernen, den Psychiater und die
Krankheit akzeptieren und Vorurteile der
Gesellschaft, in den Medien und auch der
Angehörigen relativieren.
Niemand will krank sein. Und schon
gar niemand will psychisch krank sein.
Letzteres zu akzeptieren und mit Scham
und Schuld umzugehen, erfordert psychische Kraft und Annehmen von Hilfe. Während unsere Patienten mit Angststörungen
oder Burn-out-Folgestörungen Hilfe leichter annehmen, Suchtpatienten und Patienten mit Persönlichkeitsstörungen sich
oft erst nach längerem Krankheitsverlauf
nachhaltig helfen lassen, ist das Annehmen
von psychiatrischer, psychotherapeutischer
und psychosozialer Hilfe bei Patient(inn)
en mit Erkrankungen mit psychotischen
Symptomen seltener. Dies ist vielleicht Teil
des Verlusts der Realitätskontrolle bei diesen Erkrankungen, sicherlich aber auch
durch unsere Versorgungsstrukturen (häufige Therapeutenwechsel, wenig Zeit etc.)
und das Unterbringungsgesetz (Zwangsbehandlung als erstes Kennenlernen der Psychiatrie) begünstigt.
Psychiatrische Abteilung, Forschungsgemeinschaft, Donaustadt, SMZ-Ost, Wien, Österreich
Therapietreue
Die Verantwortung für die Therapietreue liegt bei Patient(inn)en und Arzt gemeinsam. Im jeweiligen Stadium der Behandlung, in jedem Gespräch und nach
jeder Therapieeinheit ist zu fragen, worin nun Arzt und Patient übereinstimmen
und wo sie verschiedener Meinung sind.
Therapietreue ist ein ständiger Prozess,
der in einer verständnisvollen, tragfähigen Beziehung zwischen Patient und Arzt
abläuft. Spezielle Aspekte der Therapietreue bei Behandlung schizophren oder
bipolar Erkrankter sind Hauptthema dieses Heftes.
Ihr
Peter Fischer
Korrespondenzadresse
Prim. Univ.-Prof. Dr. Dr.
P. Fischer
Psychiatrische Abteilung
Forschungsgemeinschaft,
Donaustadt, SMZ-Ost
Langobardenstr. 122
1220 Wien
psychopraxis.neuropraxis 6 · 2015
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