Unterarm und Handgelenk
Übersichten
Trauma Berufskrankh 2016 · [Suppl 4]:
18:S340–S345
DOI 10.1007/s10039-016-0159-0
Online publiziert: 29. April 2016
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2016
Christof A. Müller
Klinik für Unfall-, Hand- und orthopädische Chirurgie, Klinikum Karlsruhe, Karlsruhe, Deutschland
Unterarm und Handgelenk
Komplexe Unterarmfrakturen
Die Therapie von Unterarmfrakturen
setzt besondere Kenntnisse der komplexen Anatomie des Unterarmes voraus.
Nur in Kenntnis der speziellen anatomischenund biomechanischenVerhältnisse
ist es möglich, bei der Rekonstruktion
von Frakturen und Bandverletzungen
gute klinische und funktionelle Ergebnisse zu erzielen.
Anatomie
Definitionsgemäß besteht der Unterarm
aus Radius und Ulna. Mithilfe einer
gelenkigen Verbindung kann der Radius
eine Umwendbewegung um die Ulna
durchführen, die sog. Pro- und Supinationsbewegung. Voraussetzung für
diese Umwendbewegung ist, dass der
Radius eine Krümmung von ca. 10° in
beiden Ebenen aufweist und zudem eine
Gelenkverbindung am proximalen und
distalen Ende mit der Ulna besteht.
Am Unterarm gibt es somit 6 Gelenke:
4 proximal:
j
das Radiokubitalgelenk,
j
das proximale Radioulnargelenk
sowie
j
das Ulnokubitalgelenk,
4 distal:
j
das Radiokarpalgelenk,
j
das distale Radioulnargelenk sowie
j
das Ulnokarpalgelenk.
Radius und Ulna werden zudem noch
durch die Membrana interossea zusammengehalten. Somit ist der gesamte Unterarm eine funktionelle Einheit und als
gelenkige Verbindung zu werten.
Das Ziel von Repositionen und Osteosynthesen am Unterarm ist, die anatomisch exakte Stellung wiederherzustellen. Es gelten somit am Unterarmschaft
dieselben Regeln wie bei Gelenkrekon-
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struktionen. Ebenfalls ist die direkte
Knochenbruchheilung – ohne oder mit
nur wenig Kallusbildung – anzustreben,
da eine große oder gar überschießende Kallusbildung zur Ausbildung eines
Brückenkallus führen kann, der die Pround Supinationsbewegung einschränkt
oder ganz unterbindet.
Als weitere Besonderheit ist der trianguläre fibrokartilaginäre Komplex
(TFCC) zu nennen, der als knorpelige
Scheibe wie ein Puffer zwischen Radius
und Ulna am distalen Radioulnargelenk
wirkt.
Bestehen bei der Umwendbewegung
länger anhaltende Beschwerden, ist eine
Verletzung des TFCCs mittels Magnetresonanztomographie (MRT) auszuschließen.
Einfache Unterarmfrakturen, wie am
Beispiel einer 17-jährigen Reiterin dargestellt (. Abb. 1), werden standardmäßig
mittels offener Reposition und nicht winkelstabiler Plattenosteosynthese versorgt
(„low contact dynamic compression plate“, LCDCP).
Bei dieser Verletzung finden die klassischen AO-Techniken (Arbeitsgemeinschaft für Osteosythesefragen) der offenen und anatomischen Reposition in
Verbindung mit einer Kompressionsplattenosteosynthese Anwendung.
Insbesondere während der Facharztausbildung nimmt die Versorgung dieser
Frakturen eine herausragende Stellung
ein, da bei der osteosynthetischen Versorgung der einfachen Unterarmfrakturen die klassischen Osteosynthesetechniken gelehrt und gelernt werden können.
Erzielt wird die interfragmentäre Kompression durch eine anatomische Reposition, das leichte Vorbiegen der Platte und nachfolgend das Einbringen der
frakturnahen Schrauben im Plattenloch
in frakturferner Position, wie dies bereits
im ersten Manual der Osteosynthese beschrieben wurde [15]. Diese Techniken
stellen die Basis einer jeden Ausbildung
dar und müssen von jedem Facharzt sicher beherrscht werden.
Es stellt sich nun die Frage, warum
man heute noch Techniken anwendet,
die vor 50 Jahren entwickelt wurden?
Nach Aufkommen der winkelstabilen Plattenosteosynthese fand auch diese Technik am Unterarm Anwendung.
Wie . Abb. 2 zeigt, kann auch mit einer
„locking compression plate“ (LCP) eine
interfragmentäre Kompression erreicht
werden, indem die frakturnahen Schrauben – wie bei einer konventionellen Platte
– nicht winkelstabil exzentrisch in Kompressionsstellung im Plattenloch eingebracht werden. Danach werden frakturferne Schrauben winkelstabil fixiert. Die
winkelstabilen Schrauben führen dann
nur noch zu einer Neutralisation der
Kräfte.
Wissenschaftliche Untersuchungen
zeigen, dass die klinischen und funktionellen Ergebnisse nach LCP-Osteosynthesen mit den Ergebnissen von
konventionellen, nicht winkelstabilen
Platten vergleichbar sind. Allerdings
sind die Komplikationsraten bei der
Metallentfernung von winkelstabilen
Platten deutlich höher als bei der Implantatentfernung von konventionellen
Platten, wie in . Abb. 3a, b zu sehen.
Daher ist es nicht notwendig, bei vergleichbarem klinischem Ergebnis die
teureren winkelstabilen Implantate zu
verwenden [7].
Komplexe Unterarmfrakturen
Bei komplexen Unterarmfrakturen handelt es sich einerseits um komplexe
Abb. 1 8 aEinfacheUnterarmfraktur:17-jährigeReiterin,diesichdieseFraktur nach Sturz vom Pferd zuzog. b Standardmäßige Versorgung mittels offener Reposition und nicht winkelstabiler Plattenosteosynthese („low contact
dynamic compression plate“, LCDCP) mit interfragmentärer Kompression
Frakturformen und andererseits um eine
Kombinationsverletzungen von Fraktur
und Gelenkluxation. Am Unterarm sind
hier die Unterformen der Galeazzi-,
Monteggia- und Essex-Lopresti-Verletzung zu nennen. Ebenfalls kann durch
einen höheren Weichteilschaden und
Defektfrakturen die Verletzungsschwere
deutlich erhöht werden.
Monteggia-Fraktur
Von Monteggia-Frakturen oder Monteggia-Verletzungen spricht man, wenn es
sich um eine proximale Ulnafraktur in
Kombination mit einer Luxation des proximalen Radioulnar- und Humeroulnargelenkes – sog. Radiusköpfchenluxation – handelt.
Ein typischer Unfallmechanismus für
diese Verletzung ist der Sturz auf den
pronierten Unterarm oder ein direkter
Schlag auf die Ulna. Dadurch kommt
es zur Fraktur der proximalen Ulna mit
begleitender Luxation des Radiusköpfchens.
Der Erstbeschreiber ist Giovanni Batista Monteggia (1792–1815), ein Mailänder Chirurg. Die Verletzung ist insgesamt
selten und lediglich bei 2–5% der Verletzungen des Unterarmes anzutreffen.
Abb. 2 8 Mittels winkelstabiler Plattenosteosynthese versorgte Unterarmfraktur.DasintraoperativeBildzeigt,dasssowohlnichtwinkelstabilealsauch
winkelstabile Schrauben verwandt wurden. Mit den frakturnahen, nicht
winkelstabilen Schrauben wurde zunächst die interfragmentäre Kompression durchgeführt. Mit den danach eingebrachten winkelstabilen Schrauben
wird die Neutralisation der Kräfte durchgeführt
Klassifikation nach Bado
Monteggia-Frakturen werden nach Bado
in 4 Typen eingeteilt (. Abb. 4 [1, 2]).
Der Typ 2 nach Bado wird seinerseits in
4 Subtypen nach Jupiter klassifiziert [9,
11]:
4 Typ 1: Fraktur Ulnadiaphyse mit
Angulation nach anterior, Luxation
nach anterior,
4 Typ 2: Proximale Ulnafraktur mit
Angulation nach posterior,
1. Radiusköpfchen nach posterior,
2. mit Beteiligung des Processus
coronoideus,
3. Ulnafraktur distal des Processus
coronoideus,
4. Fraktur der Ulnadiaphyse mit
Trümmerzone,
4 Typ 3: Fraktur der Ulnametaphyse
mit Angulation nach lateral und
Luxation nach later (...truncated)