Neueste technologische Entwicklungen für die Analyse von zirkulierender Tumor-DNA
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medgen
DOI 10.1007/s11825-016-0089-z
© Der/die Autor(en) 2016. Dieser Artikel ist
eine Open-Access-Publikation.
Peter Ulz · Jochen B. Geigl · Michael R. Speicher · Ellen Heitzer
Institut für Humangenetik, Medizinische Universität Graz, Graz, Österreich
Neueste technologische
Entwicklungen für die Analyse
von zirkulierender Tumor-DNA
Hintergrund
Das Potenzial der sog. Liquid Biopsy, womit u.a. die Analyse von zirkulierender
Tumor-DNA (ctDNA) sowie zirkulierenden Tumorzellen (CTCs) bezeichnet
wird, ist seit Längerem bekannt und in
zahlreichen Übersichtsarbeiten umfassend diskutiert [1–5]. Arbeiten der letzten Jahre haben bewiesen, dass ctDNA
die molekulargenetischen Veränderungen von Tumoren und deren Metastasen
reflektiert und daher als Surrogatmarker
für das gesamte Tumorgenom angesehen
werden kann. Die Analyse von ctDNA
erlaubt nicht nur eine kontinuierliche
Überwachung des Therapieansprechens
über den gesamten Krankheitsverlauf,
sondern auch die Identifizierung von
Resistenzmechanismen, neu aufkommenden Therapiezielen oder die Detektion einer minimalen Resterkrankung
(MRD, engl. minimal residual disease).
Viele Experten aus unterschiedlichen
Disziplinen sind sich daher einig, dass
die Analyse von ctDNA ein vielversprechendes Werkzeug für das Überwachen
und Management von Krebspatienten
darstellt (. Abb. 1).
Dennoch findet die Analyse von
ctDNA noch keine breite Anwendung
in der klinischen Routine, hauptsächlich aufgrund von regulatorischen Hürden sowie des Fehlens von einheitlichen Verfahrensanweisungen (SOPs)
für standardisierte Probengewinnung
und nachfolgende Analysen oder die
Befunderstellung. Diese Problematik
wird an anderer Stelle in dieser Ausgabe diskutiert. Auch die Biologie der
ctDNA hinsichtlich ihrer Freisetzung,
Dynamik und Kinetik ist noch nicht
vollständig geklärt. Unklar ist, inwieweit
ctDNA tatsächlich ein repräsentatives
Porträt der Krebserkrankung darstellt,
oder ob ctDNA nur die am meisten
proliferierenden Klone reflektiert. Außerdem unterscheidet sich die Prävalenz
der ctDNA in verschiedenen Tumorentitäten und selbst innerhalb einer Entität
findet man eine erhebliche Variabilität
[6]. Die Tatsache, dass zellfreie DNA
(cfDNA) auch bei gesunden Individuen
zu finden ist, spricht dafür, dass es sich
bei der Freisetzung eigentlich um einen
physiologischen Prozess handelt. Studien
weisen aber darauf hin, dass man in bestimmten pathologischen Konditionen
wie dem systemischen Lupus erythematodes (SLE), der rheumatoiden Arthritis
und speziell bei Tumorpatienten erhöhte Mengen an zellfreier DNA findet
[3, 6–13]. cfDNA wird unter physiologischen Bedingungen durch im Blut
vorhandene DNAsen rasch abgebaut.
Die Tatsache, dass bei Tumorpatienten
häufig eine erniedrigte DNAse-Aktivität
festgestellt wurde, ist eine Erklärung für
die erhöhten Konzentrationen an cfDNA
[12]. Aufgrund der charakteristischen
Größenverteilung der zirkulierenden
DNA-Fragmente von rund 166 bp, die
exakt der Länge der DNA, die um ein
Nukleosom gewickelt ist inklusive der
linker region entspricht, ist es naheliegend anzunehmen, dass die Mehrheit
der Fragmente von apoptotischen Zellen
stammt [14, 15]. Sobald ein Tumor zu
wachsen beginnt, erhöht sich nicht nur
die Tumormasse, es kommt auch gleichzeitig zu einem Anstieg des Zellsterbens.
Dadurch kann es zu einer verstärkten
Freisetzung der Tumor-DNA kommen,
woraus ein Ungleichgewicht zwischen
der Ausbreitung und dem Abbau von
cfDNA resultiert [16].
Studien zeigten, dass die cfDNA von
unterschiedlichen Zellen freigesetzt werden kann [17, 18], wobei in der Regel der
Hauptteil der cfDNA auf Zellen aus dem
hämatopoetischen System zurückgeführt
werden kann. Bei Personen mit Krebserkrankungen kann jedoch die ctDNA in
unterschiedlichen Prozentsätzen in der
cfDNA präsent sein. Zusätzlich zum zellulären Turnover hängt die Menge der
im Blut vorhandenen ctDNA von einer
Reihe weiterer Faktoren ab, wie beispielsweise dem Tumorstadium, der Anzahl
und Lokalisation der Tumorherde, der
Vaskularität oder dem Therapieansprechen und wahrscheinlich noch anderen,
zurzeit unbekannten Faktoren. All diese
Faktoren können zu einer immensen Variabilität der ctDNA beitragen. Sogar im
metastasierten Krebsstadium kann der
Anteil der Tumor-DNA im Plasma weniger als 1 % bis zu mehr als 90 % ausmachen [3, 6]. Die Diskriminierung der
Tumor-DNA von DNA-Fragmenten, die
von gesunden Zellen stammen, ist somit
zusammen mit der starken Fragmentierung eine große Herausforderung im Bereich der ctDNA-Analytik.
In den letzten Jahren hat der technologische Fortschritt viele neue Methoden
gebracht, die die nötige analytische Sensitivität und Spezifität aufweisen, um auch
eine Detektion von stark unterrepräsentierten Allelen in der Zirkulation zu ermöglichen. Die meisten dieser sog. „High
Resolution“ Methoden sind zielgerichtet,
d. h. sie beschränken sich auf die Analyse von einzelnen oder wenigen bekannten Mutationen oder Hotspots (. Abb. 2).
In späteren Stadien verändern sich die
medizinische genetik
Übersichten
die Analyse von ctDNA sowie deren
potenzielle Anwendungen diskutiert
(. Tab. 1).
Hochauflösende Methoden zu
Detektion von unterrepräsentierten Allelen
Abb. 1 8 Die Analyse zirkulierender Tumor-DNA (ctDNA) eröffnet vielerlei Möglichkeiten für den Einsatz in der Klinik. Für die Früherkennung von Tumoren bzw. Rezidiven sind hochauflösende Methoden
notwendig, da die zu erwartende Menge an ctDNA gering ist. Das Monitoring der Tumorevolution, das
Identifizieren von neuen Therapietargets sowie die Überwachung des Therapieerfolgs erfordern umfassendere Analysen und somit einen höheren Tumoranteil, da diese Methoden meist eine geringere
analytische Sensitivität aufweisen. Bekannte Resistenzmechanismen können auch bei einem niedrigen Tumoranteil identifiziert werden, unbekannte hingegen erfordern genomweite Analysen, die
bislang nur mit einem hohen Tumoranteil in der Probe möglich sind
Tumorgenome zunehmend und kontinuierlich im Rahmen ihrer Progression
und des selektiven Drucks von Therapien. Hier sind nicht zielgerichtete Ansätze, die das Genom umfassend analysieren, notwendig, um die Dynamik des
Tumorgeschehens und neu auftretende
Veränderungen im Tumorgenom kontinuierlich erfassen zu können (. Abb. 2).
medizinische genetik
Ein weiterer Vorteil solcher genomweiten Ansätze ist die Tatsache, dass sie sich
nicht auf rekurrent auftretende Veränderungen beschränken und kein a priori Wissen über die genetische Zusammensetzung des Tumors notwendig ist
[19–21].
Im Folgenden werden nun neue Technologien und methodische Ansätzen für
In den letzten Jahren konnten in der Analyse von ctDNA, betreffend die analytische Sensitivität und Spezifität, erhebliche Fortschritte gemacht werden. Die
erhöhte Sensitivität kann man einerseits
auf den Einsatz von modifizierten Polymerasen mit einer reduzierten Fehlerrate sowie auf die Verwendung von digitalen Methoden und ausgefeilten bioinformatischen Algorithmen zurückführen. Seit den ersten zielgerichteten Mutationsanalysen in Plasma bzw. Serum in
den (...truncated)