„Liquid biopsy“ in der gastrointestinalen Onkologie: Hype oder bald Realität?
Originalien
J. Gastroenterol. Hepatol. Erkr. 2022 · 20:45–54
https://doi.org/10.1007/s41971-022-00129-w
Angenommen: 3. Juni 2022
Online publiziert: 27. Juni 2022
© Der/die Autor(en) 2022
Andreas W. Berger1,2 · Thomas Seufferlein1
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Klinik für Innere Medizin I, Universitätsklinikum Ulm, Department für Innere Medizin, Ulm, Deutschland
Klinik für Innere Medizin II, Evangelisches Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge gGmbH, Berlin,
Deutschland
„Liquid biopsy“ in der
gastrointestinalen Onkologie:
Hype oder bald Realität?
Einleitung
Gastrointestinale Onkologie
Das Spektrum der gastrointestinalen
Onkologie umfasst Tumoren des Pankreas, Kolons, Rektums, Magens, der
Speiseröhre, der Leber und der Gallenwege/Gallenblase. Sie gehören zu
den häufigsten Tumorarten und weltweit zu den häufigsten krebsbedingten
Todesursachen [1]. Gastrointestinale
Tumoren insgesamt tragen weltweit
signifikant zur Gesamtzahl der neu diagnostizierten Krebserkrankungen bei
[2]. In Deutschland allein erkranken
jedes Jahr ca. 500.000 Männer und
Frauen an einer Krebserkrankung. Das
kolorektale Karzinom (KRK) stellt im
Bereich der gastrointestinalen Onkologie die dritthäufigste Krebstodesursache
in Deutschland dar, trotz sinkender Inzidenz [3]. Im Gegensatz dazu zeigt das
Pankreaskarzinom („pancreatic ductal
adenocarcinoma“, PDAC) eine steigende
Inzidenz: Seit Ende der 1990er-Jahre sind
die altersstandardisierten Erkrankungsund Sterberaten angestiegen, insbesondere in den höheren Altersgruppen ab
65 Jahre. Die absolute Zahl der Neuerkrankungs- und Sterbefälle hat für beide
Geschlechter über die Jahre in Deutschland kontinuierlich zugenommen, auch
aufgrund der demografischen Entwicklung [3]. Schätzungen zufolge werden in
den 28 Ländern der Europäischen Union
(EU) bis 2025 etwa 111.500 Menschen
(55.000 Männer und 56.500 Frauen)
an einem PDAC versterben. Die Zahl
der registrierten Krebstodesfälle im Jahr
2010 wird um fast 50 % bis zum Jahr
2025 zunehmen (45 % bei Männern und
49 % bei Frauen). Prognostiziert wird,
dass das PDAC die dritthäufigste Krebstodesursache in der EU werden könnte,
nach Lungenkarzinomen und dem KRK
[4]. Ähnliche Daten existieren für die
USA [5].
Allgemeines zur „liquid biopsy“:
zirkulierende Tumor-DNA,
zirkulierende Tumorzellen,
Exosomen und miRNA
Seit jeher stellt die Untersuchung von Gewebe, gewonnen mittels Biopsie, einen
Eckpfeiler in der Diagnostik und Therapie von diversen Krankheiten, nicht nur
in der Onkologie, dar [6] und gilt als
Goldstandard. Neben der histopathologischen Diagnosestellung ist mittels Tumorgewebeanalytik ebenso eine molekulare Charakterisierung möglich, worauf
therapeutische Entscheidungen zunehmend fußen [7]. Jedoch hat diese „Spotlight-Diagnostik“ zu nur einem singulären Zeitpunkt erhebliche Limitationen
(„single biopsy bias“ [8]), da z. B. therapiebedingte Veränderungen in der genetischen Zusammensetzung eines Tumors
nicht erfasst werden und eine sequenzielle Anpassung von Therapiestrategien
nicht möglich ist, es sei denn die Biopsie
wird repetitiv wiederholt, was mit Komplikationen und einer erheblichen Belastung für die Patienten einhergeht. Die
moderne Präzisionsonkologie versucht,
eine Vielzahl an molekularen Informationen über den jeweiligen Tumor auch
in der zeitlichen Dimension zu erheben,
um letztlich ein optimales Outcome für
den jeweiligen Patienten zu erreichen.
Dazu sind wiederholte molekulare Analysen eines Tumors unabdingbar.
Die Aufmerksamkeit richtet sich dabei
auf minimal-invasive Ansätze in Form
der „liquid biopsy“. Unter einer „liquid
biopsy“ versteht man dabei die Analyse
von tumorabgeleiteten Nukleinsäuren
aus Körperflüssigkeiten, insbesondere
aus Blut. Dabei können diese zellulär gebunden sein in Form von zirkulierenden
Tumorzellen („circulating tumor cells“,
CTC) oder frei vorliegen in Form von zirkulierender Tumor-DNA („circulating
tumor DNA“, ctDNA), nichtkodierender
RNA, sog. microRNA (miRNA) oder in
Form von Mikrovesikeln (Exosomen).
. Abb. 1 gibt einen Überblick über die unterschiedlichen Analyte einer blutbasierten „liquid biopsy“ und deren Ursprünge bzw. Methoden der Freisetzung.
Die ctDNA wird im Rahmen aktiver spontaner [9–11] und passiver Sekretion (Apoptose, Nekrose, insuffiziente Clearance; [12–15]) von Tumorzellen
in den Blutstrom abgegeben. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass „liquid biopsies“ repräsentativ für das Tumorgenom
sind [16] und molekulare Veränderungen
von gastrointestinalen Tumoren in Körperflüssigkeiten abbilden [17]. Häufig ist
ctDNA stark fragmentiert [18] mit Fragmentlängen im Mittel von 166 bp [19].
Die ctDNA ist durch das Vorhandensein
von (tumorspezifischen) Mutationen definiert und kann durch einzelne Punktmutationen ebenso wie Amplifikationen,
Rearrangements und Aneuploidie nachgewiesen werden [20].
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Abb. 1 8 Schematische Darstellung einer blutbasierten „liquid biopsy“. Dargestellt sind einerseits die einzelnen Analyte wie
zirkulierende Tumor-DNA oderzirkulierende Tumorzellen.Andererseits sinddie Ursprungsorte dieserZielmoleküleundderen
Freisetzung schematisch skizziert
Die individuellen ctDNA-Konzentrationen im Blut von Patienten sind
krankheitsstadien- und damit tumorlastabhängig [21]. In bestimmten Situationen, wie beispielsweise nach einer
kurativ intendierten Operation, sind die
nachweisbaren Konzentrationen sehr
gering. Der erfolgte Quantensprung bei
„liquid biopsies“ ist daher nicht zuletzt technologiegetrieben. Innovative
Analysemethoden, wie Next Generation
Sequencing (NGS) oder die Entwicklung neuer digitaler Technologien der
Polymerasekettenreaktion („polymerase
chain reaction“, PCR) bis hin zur Einzelzellanalyse, erbrachte eine enorme
Sensitivitätssteigerung in der Detektion von tumorspezifischen Varianten in
„liquid biopsies“, wenn diese in sehr
geringer Konzentration vorliegen [22].
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In Bezug auf gastrointestinale Malignome wird über den Nachweis von
ctDNA bei 73 % der KRK-Patienten,
57 % der Ösophaguskarzinompatienten
und 48 % der Patienten mit PDAC berichtet, während ctDNA bei mehr als
75 % der Patienten mit fortgeschrittenem Tumorleiden nachweisbar war [21].
Einige Herausforderungen sind bei der
ctDNA-Analytik allerdings zu meistern,
dazu zählen:
1. die Diskriminierung von ctDNA und
physiologisch im Blut vorkommender
zellfreier DNA,
2. der Umgang mit teils sehr niedrigen
Konzentrationen von ctDNA und
3. die genaue Quantifizierung der
Anzahl von mutierten Fragmenten in
einer Probe [20, 23–25].
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„Liquid biopsies“ können aufgrund ihrer
repetitiven Analysierbarkeit und ihrer
nicht- oder wenig invasiven Verfügbarkeit die Limitationen des „single biopsy
bias“ überwinden und stellen somit
einen vielversprechenden Ansatz für die
Diagnostik, das Therapiemonitoring, die
Prognoseabschätzung und für die Adressierung prädiktiver Fragestellungen dar
[26]. . Tab. 1 gibt einen Überblick über
die verschiedenen Anwendungsgebiete
und (...truncated)