Liquid Biopsies
Übersichten
medgen 2016 · 28:245–250
DOI 10.1007/s11825-016-0090-6
Online publiziert: 1. September 2016
© Der/die Autor(en) 2016. Dieser Artikel ist
eine Open-Access-Publikation.
Michael R. Speicher1 · Armin Gerger2 · Gerald Hoefler3
1
Institut für Humangenetik, Medizinische Universität Graz, Graz, Österreich
Universitätsklinik für Innere Medizin, Klinische Abteilung für Onkologie, Medizinische Universität Graz,
Graz, Österreich
3
Institut für Pathologie, Medizinische Universität Graz, Graz, Österreich
2
Liquid Biopsies
Eine interdisziplinäre Herausforderung für
Humangenetik, Onkologie und Pathologie
Einleitung
Zellen von Tumoren weisen in der Regel eine Vielzahl an somatischen Aberrationen in ihren jeweiligen Tumorgenomen auf. Dazu gehören Basensubstitutionen, Insertionen oder Deletionen kleinerer DNA-Abschnitte (Indels), Kopienzahlabweichungen größerer chromosomaler Abschnitte (engl.: somatic copy
numberalterations [SCNAs]), strukturelle Umbauten, wie beispielsweise Translokationen oder Insertionen und epigenetische Veränderungen, die die Chromatinstruktur und Genexpression verändern [1, 2]. Die detaillierte Charakterisierung dieser somatischen Veränderungen in Tumorgenomen spielt in der
klinischen Onkologie zunehmend eine
bedeutende Rolle, weil sie das Potenzial
hat, prognostische und prädiktive Biomarker zu identifizieren. Die Untersuchung von Primärtumoren oder Metastasen hat aber mehrere systemimmanente Limitationen, weil sie immer nur den
Zustand des Tumorgenoms zum Zeitpunkt der Gewebeentnahme reflektieren
kann und aufgrund der Tumorheterogenität das untersuchte Areal des Tumors
oder der Metastase nicht repräsentativ
sein muss. Da es sich jeweils um invasive Untersuchungsverfahren handelt, sind
die Gewebeproben je nach Lokalisation
oft nur schwer zu entnehmen und ihre
Entnahme kann nicht unbegrenzt zu verschiedenen Zeitpunkten wiederholt werden. Da Tumorgenome eine hohe Instabilität aufweisen und sich unter Selektionsdrücken wie verabreichten Therapien ändern können, ist eine Überwa-
chung des Tumorgenoms auf mögliche
neue Aberrationen eine wesentliche Voraussetzung für den Einsatz zielgerichteter Therapien, die auf Charakteristika
des Tumorgenoms beruhen [1, 2].
Bestimmte Komponenten von Tumoren lassen sich in der Blutzirkulation von
Krebspatienten nachweisen. Dabei handeltes sichum zirkulierende Tumorzellen
(engl.: circulating tumor cells [CTCs]),
zirkulierende Tumor-DNA (engl.: circulating tumor DNA [ctDNA]) oder auch
um Exosomen [3]. CTCs sind Zellen,
die vom Primärtumor und/oder Metastasen in die Blutzirkulation gelangen, aber
dort selbst bei metastasierten Krebserkrankungen in der Regel nur in sehr geringer Zahl (1 CTC pro 1 × 109 normale
Blutzellen) im Blut nachgewiesen werden
können, sodass ihre Identifizierung und
Isolation für nachfolgende Analysen ein
spezielles Instrumentarium benötigt [4].
ctDNA gelangt nach heutigem Kenntnisstand hauptsächlich von apoptotischen
Zellen nach enzymatischem Verdau in
die Blutzirkulation. Selbst bei metastasierten Patienten kann der ctDNA Gehalt
sehr unterschiedlich sein [5]. Exosomen
sind Vesikel, die unterschiedliche Komponenten von Tumorzellen, wie Nukleinsäuren oder Proteine beinhalten können. Neuste Techniken für ihre Isolation
und Analyse haben sie zu einem vielversprechenden Biomarker werden lassen [6]. In den vergangenen Jahren wurden zahlreiche Techniken und Verfahren entwickelt, um insbesondere CTCs
und ctDNA diagnostischen Zwecken zugänglich zu machen. Dies resultierte in
einer enormen Anzahl an Publikationen
zahlreicher Arbeitsgruppen, die zeigten,
dass CTCs oder ctDNA verwendet werden können, (1) um Krankheitsverläufe
bei Krebspatienten zu überwachen, insbesondere auch zur Erfassung des Remissionsstatus (minimal residual disease
[MRD]) durch hochsensitive Verfahren,
(2) zur Identifizierung von neu auftretendenResistenzmechanismenbeiPatienten
unter gegebenen zielgerichteten Therapien, (3) zur Analyse der Tumorheterogenität und (4) allgemein zur Identifizierung
neuertumorspezifischerVeränderungen,
die im Krankheitsverlauf auftreten können (für aktuelle Übersichtsarbeiten siehe [5, 7–11]). Auf der Basis dieser vielversprechenden Ansätze könnten sich Blutabnahmen mit nachfolgenden entsprechenden Analysen zu einer Alternative zu
Gewebebiopsien entwickeln, weshalb sie
auch als „flüssige Biopsien“ (engl.: liquid
biopsies) bezeichnet werden. Die offensichtlichen Vorteile der Liquid Biopsies
liegen darin, dass sie nicht invasiv sind
(oder als Blutabnahme „minimal-invasiv“) und deshalb ohne zusätzliche Belastung für Patientinnen und Patienten auch
leicht zu mehreren Zeitpunkten wiederholt werden können. Den Liquid Biopsies
wird ein immenses Potenzial eingeräumt,
die sogenannte personalisierte Medizin
und insbesondere den Einsatz zielgerichteter Therapien revolutionieren zu können, sodass allgemein davon ausgegangen wird, dass diese Technologien zeitnah
eine breite Anwendung finden werden.
Im Nachfolgenden fassen wir zusammen,
welche Voraussetzungen für den klinischen Routineeinsatz der Liquid Biopsies
erfüllt werden müssen, wenn umfassende
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Aussagen über genetische Veränderungen getroffen werden sollen, und welche
Fachdisziplinen für ihre Umsetzung einbezogen werden müssen.
Liquid Biopsies: Schon bereit für
den klinischen Routineeinsatz?
Eine zentrale Frage ist, inwieweit die
Liquid Biopsies zum jetzigen Zeitpunkt
bereits für den klinischen Routinealltag
eingesetzt werden können. Trotz des unbestritten großen Potenzials der Liquid
Biopsies und der diesbezüglich teilweise spektakulären publizierten Resultate
(siehe vorgenannte Übersichtsarbeiten),
ist es zurzeit für den Routineeinsatz außerhalb von definierten Studien noch ein
weiter Weg. Ein diesbezüglich im letzten
Jahr abgehaltener Workshop (Policy Issues in the Development and Adoption
of Biomarkers for Molecularly Targeted Cancer Therapies; http://www.nap.
edu/catalog.php?record_id=21692) hat
bestehende Defizite detailliert aufgelistet [12]. Diese Defizite fangen bereits
damit an, dass zurzeit einheitliche Verfahrensanweisungen (SOPs) für eine
standardisierte Probengewinnung, Verarbeitung und Lagerung fehlen. Bei der
Befunderstellung gibt es in vielen Bereichen keine ausreichenden Standards
für Untersuchungsverfahren und Ergebnisse und welche minimalen Berichtanforderungen ein Befund enthalten
soll. Es fehlen etablierte Richtlinien,
welche Varianten in einem Tumorgenom als „therapierbar“ einzustufen sind
und an welchen Quellen man sich für
diese Einordnung orientieren soll. Von
wenigen Ausnahmen abgesehen (z. B.
ERBB2/HER2 Amplifikation und Therapie mittels Antikörper gegen diesen
epidermalen Wachstumsfaktorrezeptor
wie Trastuzumab) fehlen Regularien, um
mögliche therapeutische Konsequenzen
aufgrund spezifischer somatischer genetischer Testergebnisse festzulegen. Dies
könnte sich durch Initiativen wie das
Actionable Genome Consortium (AGC)
verbessern [13], welches versucht, Behandlungsstrategien aufgrund von next
generati (...truncated)