Proximale Tibiafrakturen
Leitthema
Trauma Berufskrankh
https://doi.org/10.1007/s10039-018-0400-0
C. von Rüden1,2 · S. Samsami2 · R. Pätzold1 · P. Augat2,3
1
Abteilung Unfallchirurgie, BG Unfallklinik Murnau, Murnau, Deutschland
Institut für Biomechanik, BG Unfallklinik Murnau, Murnau, Deutschland
3
Institut für Biomechanik, Paracelsus Medizinische Privatuniversität, Salzburg, Österreich
2
© Der/die Autor(en) 2018
Proximale Tibiafrakturen
Klassifikationen und biomechanische
Grundlagen – ein Update
Die dreidimensionale CT-basierte
Bildgebung ermöglicht eine präzise Analyse der Frakturmorphologie
proximaler Tibiafrakturen. Auf der
Basis einer akkuraten Darstellung
der Frakturfragmente lässt sich die
osteosynthetische Stabilisierung
sorgfältig planen. Die konsequente Anwendung biomechanischer
Prinzipien erlaubt die Wiederherstellung der Gelenkfunktion. Schließlich
ermöglicht die Berücksichtigung
der Ergebnisse zahlreicher biomechanischer Untersuchungen eine
zielgerichtete Auswahl des geeigneten Osteosyntheseverfahrens und
-materials.
Proximale Tibiafrakturen gehören zu den
herausforderndsten Frakturen und sind
mit einer hohen Inzidenz an Komplikationen und posttraumatischer Arthrose verbunden. Wesentlicher Faktor für
die Vermeidung von Komplikationen ist
die Wiederherstellung der optimalen Gelenkfunktion. Hierfür muss die Gelenkstabilität durch eine korrekte Einstellung
der auf das Gelenk einwirkenden Kräfte
und die vollständige anatomische Reposition der Gelenkflächen gesichert werden. Um dieses Ziel zu erreichen, sind eine optimale operative Maßnahme und eine sorgfältige und zielgerichtete postoperative Rehabilitation notwendig. Die präzise chirurgische Therapie ist allerdings
abhängig von einer optimalen präoperativen Planung, die das richtige Verständnis für die Frakturmorphologie ermöglicht. Hierzu ist es notwendig, die Klassifikationen und deren Implikationen für
die Planung des operativen Vorgehens
zu kennen, insbesondere durch Berücksichtigung moderner dreidimensionaler
Bildgebungsverfahren. Weiterhin ist die
Kenntnis der mechanischen Verhältnisse
am Kniegelenk wichtig, um die vorhandenen Osteosynthesetechniken adäquat
anwenden zu können.
„Klassische“ Klassifikationen
In den vergangenen Jahrzehnten wurden verschiedene Klassifikationen für
proximale Tibiafrakturen mit dem Ziel
entwickelt, eine optimale Behandlungsstrategie finden zu können und dadurch
letztlich den klinischen Langzeitverlauf zu verbessern. Die verschiedenen
Klassifikationssysteme blieben allerdings
relativ subjektiv, da sie auf der diagnostischen Erfahrung und v. a. der Art
des zugrunde liegenden bildgebenden
Verfahrens basierten. Als bildgebende
Verfahren für bisherige Klassifikationen
dienten das konventionelle Röntgen, die
Computertomographie (CT) und die
Magnetresonanztomographie (MRT),
wobei stets die Intra- und Interbeobachterreliabilität zu beachten sind [24].
Während infolge technischer Fortschritte
die genannten Untersuchungsverfahren
das Frakturmuster präoperativ immer
detailgenauer darstellen, besteht nach
wie vor die Notwendigkeit zu überprüfen, ob diese Darstellungsverfahren
eine ausreichend genaue Einteilung der
verschiedenen Frakturkonfigurationen
ermöglichen, um die Planung der operativen Maßnahme sinnvoll zu unterstützen und das Nachbehandlungsregime
positiv beeinflussen zu können [36].
Von allen bisher vorliegenden Klassifi-
kationen für proximale Tibiafrakturen
sind nur wenige hinsichtlich ihrer Reliabilität untersucht und noch weniger
miteinander verglichen worden. Die
weltweit am häufigsten angewendete
Schatzker-Klassifikation [39] und die
im deutschsprachigen Raum weit verbreitete AO(Arbeitsgemeinschaft Osteosynthesefragen)-Klassifikation (. Abb. 1;
[30, 38]) sind umfangreich untersucht
und beschrieben worden und gelten als
Standardklassifikationen für proximale
Tibiafrakturen. Während beide Systeme die höchste Prävalenz zu haben
scheinen, bleibt die Frage, ob sie ausreichend effektiv sind, alle Frakturmuster genügend abzubilden, insbesondere
hinsichtlich der daraus abzuleitenden
Therapieentscheidung. Neben anderen
historischen Klassifikationen wie der
Duparc- und Ficat-Klassifikation [9],
der Hohl- und Luck-Klassifikation [21]
oder der Moore-Klassifikation für Tibiakopfluxationsfrakturen (. Abb. 2; [32,
38]), die einer modifizierten Hohl- und
Luck-Klassifikation entspricht, ist auch
bei der Schatzker-Klassifikation und
der AO-Klassifikation zu beachten, dass
diese Klassifikationssysteme anhand anterior-posteriorer Röntgenprojektionen
entwickelt wurden. Infolgedessen sind
sie, was ihre Aussagekraft hinsichtlich
aller – auch komplexer – Frakturkonfigurationen angeht, insgesamt limitiert
[31]. Bei der Überprüfung der Schatzker- und der AO-Klassifikation konnten
verschiedene Studien nach Ergänzung
der konventionellen Röntgenprojektion
durch CT-Bildgebung inklusive 3-DRekonstruktionen eine höhere Intraund Interbeobachterreliabilität nachweiTrauma und Berufskrankheit
Leitthema
Abb. 1 8 AO-Klassifikation der proximalen Tibiafraktur. a Knöcherne Ligamentausrisse und metaphysäre A-Frakturen, b unikondyläre, intraartikuläre
Spalt-, Impressions- sowie unikondylären Kombinationsfrakturen, c bikondyläre bzw.Trümmerfrakturen. Die Einteilung (1, 2, 3) beschreibt den Grad
der Fragmentierung. AO Arbeitsgemeinschaft Osteosynthesefragen. (Aus
[3], mod. nach [38])
sen. Für die Hohl- und Luck-Klassifikation dagegen ergab sich zwar unter
Anwendung sowohl der konventionellen Bildgebung als auch der CT eine
deutlich bessere Inter- und Intrabeobachterreliabilität als für die SchatzkerKlassifikation oder die AO-Klassifikation, allerdings hatte diese Klassifikation
einige wesentliche Limitierungen hinsichtlich ihrer Fähigkeit, alle Frakturmuster ausreichend darzustellen [4, 7,
31]. In der klinischen Praxis erscheint
unter Berücksichtigung ligamentärer
und neurovaskulärer Begleitverletzungen die Unterteilung in Tibiaplateauund Tibiakopfluxationsfrakturen weiterhin sinnvoll. Die AO-Klassifikation
stellt insbesondere die Plateaufrakturen
dar, während die Moore-Klassifikation
die Luxationsfrakturen mit potenziell
begleitenden Weichteilverletzungen präziser abbildet. Überschneidungen beider
Klassifikationen sind dabei vorhanden.
Trauma und Berufskrankheit
Abb. 2 8 Moore-Klassifikation mit Verletzungsmechanismus: a Typ-I-Fraktur; b Typ-II-Fraktur; c Typ-III-Fraktur; d Typ-IV-Fraktur. (Aus [3])
„Moderne“ CT-basierte
Klassifikationen
Neben verschiedenen Klassifikationen,
die als Modifikationen der oben dargestellten „klassischen“ Klassifikationssysteme bezeichnet werden können [12,
22], bestehen mittlerweile „modernere“
Klassifikationen, die die CT-Bildgebung inklusive 3-D-Rekonstruktionen
berücksichtigen [28, 36]. Deren Entwicklung beruhte umgekehrt auf der
mittlerweile vorhandenen Verfügbarkeit
moderner winkelstabiler Plattensysteme, die die klinischen Ergebnisse nach
operativer Therapie proximaler Tibiafrakturen nachhaltig verbessert haben
[20]. Unsere Murnauer Arbeitsgruppe
hat in den vergangenen Jahren untersucht, warum sich dennoch ein relativ
hoher Proze (...truncated)