Entschlüsselung mikrobieller Interaktionen
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KA R R I ER E, KÖP FE & KON Z E P TE
Nancy Weiland-Bräuer
2000–2006 Biologiestudium
(Diplom) und 2006–2010 Promotion am Institut für Allgemeine Mikrobiologie (IFAM). 2010–
2012 Postdoktorandin am IFAM,
Universität zu Kiel. 2021 Habilitation mit venia ledendi in Mikrobiologie und seit 2021 Akademische Rätin am IFAM, Universität
zu Kiel.
DOI: 10.1007/s12268-022-1683-z
© Die Autorin 2022
ó Mikroorganismen kommen überall auf
der Erde vor und bilden meist Gemeinschaften einzelner oder gemischter Arten. Innerhalb solcher mikrobiellen Gemeinschaften,
aber auch zwischen den Mikroben und einem
eukaryotischen Wirt, findet eine Vielzahl von
Interaktionen statt. Diese Interaktionen sind
entscheidend für eine erfolgreiche Etablierung und Aufrechterhaltung einer Mikrobiota. Die Biodiversität von Mikroben in verschiedenen Habitaten, die Vielseitigkeit ihrer
bioaktiven Verbindungen, ihr Einfluss auf
Wirte und Ökosysteme sowie die zugrunde
liegenden molekularen Mechanismen der
Interaktionen sind meine Forschungsziele.
Hierbei verwende ich neben klassischen kultivierungsabhängigen Ansätzen vor allem
kultivierungsunabhängige Methoden – metagenomics –, die es ermöglichen, unerforschte
A
B
Nachwuchswissenschaftler:innen stellen sich vor
Entschlüsselung mikrobieller Interaktionen
NANCY WEILAND-BRÄUER
INSTITUT FÜR ALLGEMEINE MIKROBIOLOGIE, UNIVERSITÄT KIEL
Gemeinschaften zu untersuchen und neben
der Funktion eines Mikrobioms für Wirt und
Ökosystem auch das enorme Potenzial neuer
biotechnologisch relevanter Verbindungen
und Mechanismen auszuklären [1].
Stört man beispielsweise bakterielle Interaktionen innerhalb eines Zellverbunds – dem
Biofilm – indem man in die Kommunikation
der Bakterien – das Quorum sensing (QS) –
eingreift, so verhindert dies den Aufbau oftmals schädlicher bakterieller Ansammlungen, die mit einem erhöhten Auftreten von
Antibiotikaresistenzen einhergehen. Solche
QS-interferierende Moleküle – quorum quenching (QQ) – können wir in einem Hochdurchsatzscreen mithilfe von Biosensoren
identifizieren [2]. So stört das aus einer Metagenombank identifizierte QQ-Protein QQ-2
die gefährliche Biofilmbildung des opportunistisch pathogenen Bakteriums Klebsiella
oxytoca, das zu Sepsen, Gastrointestinal- und
¯ Abb. 1: Mikrobielle Interaktionen.
A, Hemmung von Biofilmen aus Klebsiella
oxytoca M5aI in
Durchflusszellen
(DZ). Das QuoriumQuenching-Protein
MBP-QQ-2 wurde
kovalent an die Oberfläche der DZ immobilisiert, die adhärierten Biofilmzellen
vor der Konfokalen
Laserscanning-Mikroskopie mittels Syto9
gefärbt. B, Mikroben
(nativ, ohne Behandlung; steril, nach
Breitbandantibiotikabehandlung) beeinflussen die Segmentierung von Polypen
und Freisetzung der
Ephyren (Medusen)
von Aurelia aurita.
Maßstabsbalken
0,5 mm.
Atemwegsinfektionen führen kann (Abb. 1A,
[2]).
Die Bildung von Biofilmen kann jedoch
auch durch Interaktion mit Bakteriophagen
gestört werden. Mit geschätzten 1031 Partikeln sind Phagen nicht nur die am häufigsten
vorkommenden und vielfältigsten biologischen Einheiten in der Biosphäre, sie sind
aufgrund ihrer Wechselwirkung mit Bakterien auch wesentliche Triebkräfte für die
Dynamik mikrobieller Gemeinschaften, da
sie die Anwesenheit, Häufigkeit und Aktivität von Bakterien beeinflussen [1]. Die Kombination aus Metagenomik und Kultivierung
ermöglicht es, die potenziellen ökologischen
Funktionen von Phagen zu entschlüsseln
und solche Phagen zu isolieren, die gegen
pathogene Bakterien aus Aquakultur, Landwirtschaft und Medizin – alternativ zu immer
schlechter wirkenden Antibiotika – eingesetzt werden können.
Mikroben interagieren nicht nur untereinander, sondern beeinflussen als Mikrobiom
vielfältig und oftmals auch essenziell die
Entwicklung und Fitness des Wirts (Holobiont/Metaorganismus-Konzept) [1]. So zeigen
Untersuchungen zu Wirt-Mikroben-Interaktionen an der Ohrenqualle Aurelia aurita,
eines der ersten auf der Erde entwickelten
Tiere, dass diese bereits von spezifischen
Mikroben besiedelt wird. Selbst die verschiedenen Lebensstadien der Qualle weisen spezifische Mikrobiome auf. Ohne native Mikroben oder nach Manipulation des Mikrobioms
sinkt die Fitness und Reproduktionsfähigkeit
von A. aurita (Abb. 1B, [3]).
Solche Studien führten in den letzten Jahren zu einem enormen Erkenntnisgewinn,
doch wichtige Schlüsselorganismen wie
Archaeen, Viren oder Pilze wurden bislang
wenig berücksichtigt. Daher rücke ich die
Bakteriophagen und Pilze in den Mittelpunkt
und möchte insbesondere der Frage nachgehen, wie Pilz-Bakterien-Phagen-Interaktionen unter verschiedenen Umweltbedingungen und im Laufe der Zeit ausgebildet und
aufrechterhalten werden. Ein langfristiges
Ziel ist es, dieses Wissen für eine nachhaltige
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Landwirtschaft zu nutzen, pathogene Wechselwirkungen aufzudecken und schließlich
entsprechende Probiotika und Therapeutika
zu entwickeln.
Danksagung
Mein herzlicher Dank gilt der Arbeitsgruppe
„Molekulare Mikrobiologie“ an der Kieler
Universität. Speziell bedanke ich mich bei
Ruth Schmitz-Streit und allen Kollaborationspartnern. DFG-, BMBF- und Volkswagenstiftung-Mittel unterstützen meine Forschung.
ó
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Literatur
[1] Weiland-Bräuer N (2021) Friends or foes – microbial
interactions in Nature. Biology 10: 496
[2] Weiland-Bräuer N, Kisch MJ, Pinnow N (2016) Highly
effective inhibition of biofilm formation by the first metagenome- derived AI-2 quenching enzyme. Front Microbiol 7:
1098
[3] Weiland-Bräuer N, Pinnow N, Langfeldt D (2020) The
native microbiome is crucial for offspring generation and
fitness of Aurelia aurita. MBio 11: e02336-20
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Korrespondenzadresse:
Dr. habil. rer. nat. Nancy Weiland-Bräuer
Abteilung Molekulare Mikrobiologie
Institut für Allgemeine Mikrobiologie
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Am Botanischen Garten 1–9
D-24118 Kiel
www.mikrobio.uni-kiel.de/de/ag-schmitz-streit/
mitarbeiterinnen/dr-rer-nat-nancy-weilandbraeuer
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