Grenzsituationen als Potenzial
Psychiatrie
psychopraxis. neuropraxis
Sonja Karis
https://doi.org/10.1007/s00739-023-00896-y
Angenommen: 20. Januar 2023
Karl Landsteiner Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften, Krems an der Donau, Österreich
© Der/die Autor(en) 2023
Grenzsituationen als Potenzial
Wie Erfahrungen aus dem Sezierkurs die
klinische Ausbildung verbessern können
Einleitung
Der Sezierkurs ist fester Bestandteil des
Medizinstudiums. Der damit verbundene Umgang mit den Körpern Verstorbener, den sogenannten Körperspenden,
formt jede:n Mediziner:in. Das erworbene Wissen über anatomische Strukturen
findet in der Klinik in unterschiedlichen
Fachbereichen Anwendung. Ein großer
Teil der medizinischen Ausbildung findet in Spitälern statt, in denen Klinikärzt:innen angehende Ärzt:innen ausbilden. Dem Einfluss dieser Ärzt:innen auf
die psychoemotionale Entwicklung von
Studierenden in Grenzsituationen wurde
bisher kaum Beachtung zuteil.
An der Karl Landsteiner Universität
für Gesundheitswissenschaften findet
der Sezierkurs im dritten Studienjahr
statt. Die Studierenden protokollieren
monatlich in Sechsergruppen fachliche
und psychoemotionale Inhalte. In einer
qualitativen Inhaltsanalyse wurden diese
Protokolle von zwei Jahrgangskohorten
(2018 und 2020) auf psychoemotionale
Reaktionen, Bewältigungsstrategien und
protektive Faktoren analysiert. Dieser
Beitrag befasst sich mit der klinischen
Anwendbarkeit der Ergebnisse.
Psychoemotionale und
physische Auswirkungen
In einem Eintrag zu Beginn des Kurses beschrieb ein:e Student:in, niemand
wisse genau, wie der Körper zu berühren
sei. Ein Gruppenmitglied habe Schwierigkeiten mit dem Geruch und die/der
Verfasser:in des Eintrags selbst habe Mühe mit dem Präparieren des Gesichts.
Dennwenner/sie das unbedeckte Gesicht
der Körperspende sehe, trete der subjektive Charakter des Körpers besonders
unangenehm in den Vordergrund. Diese Gruppe hielt deshalb das Gesicht und
insbesondere die Augenpartie mehrere
Monate lang bedeckt. Eine andere Gruppe beschrieb den Anblick des Gesichts
als schockierende Erfahrung, welche Gewöhnung erfordere. Zahlreiche Gruppen
dokumentierten den Umgang mit weiteren Körperregionen wie Hände und Genitalien als besonders belastend.
Die Auswertung der Notizen bestätigte zahlreiche der in der Literatur
beschriebenen emotionalen und körperlichen Reaktionen der Studierenden
auf verschiedene Eindrücke im Seziersaal
(siehe . Abb. 1). Eine Vielzahl dokumentierte Gefühle wie Stress, Angst oder Ekel.
Die körperlichen Reaktionen reichten
von Übelkeit und Appetitlosigkeit bis
hin zu Phantomschmerzen. Zum Beispiel beschrieb ein:e Kursteilnehmer:in,
er/sie habe beim Sezieren der Hand einer
Körperspende selbst Schmerzen in der
eigenen Hand verspürt.
Psychoemotionale Belastung
»besteht
vorwiegend zu
Kursbeginn
In der Klinik bieten sich Gelegenheiten,
denUmgang mitneuenGrenzsituationen
zu erlernen. Etwa durch Erfahrungen im
100 %
75 %
50 %
25 %
Literatur beim Verfasser
Die dem Artikel zugrunde liegende Studie
ist auf Anfrage bei der Karl Landsteiner
Universität Krems erhältlich: „Psycho-Emotional
Key Responses of Third Year Medical Students to
Whole Body Dissection – a Qualitative Content
Analysis“ (S. Karis, 2022)
Der Artikel basiert auf den Ergebnisse der
Master-Thesis, verfasst von: Sonja Karis, B.
Sc. in Betreuung von Univ.-Prof. Dr. Johannes
Streicher; Dr. Sophie Förster-Streffleur; DI
Elisabeth Manhart, MA.
0%
2018 und 2020 (22 Gruppen)
Konfrontation mit zerteilter KS
Gesicht
Geruch
Andere
Augen
Haut
Gehirn
Abb. 1 9 Prozentuale Häufigkeit der
Protokolleinträge
(2018 und 2020) zu
belastenden und
herausfordernden
Faktoren. (KS Körperspende. Bild:
© S. Karis: PsychoEmotional Key Responses of Third
Year Medical Students toWhole Body
Dissection – a Qualitative Content Analysis, S. Karis 2022)
psychopraxis. neuropraxis
Zusammenfassung · Abstract
Operationssaal oder bei der ersten frustranen Reanimation. Solche Situationen
gehören für erfahrene Kliniker:innen
zum Arbeitsalltag. Jedoch können diese
bei Studierenden starke emotionale und
körperliche Reaktionen hervorrufen.
Sind sich ausbildende Ärzt:innen dessen
bewusst, können sie die Student:innen
darauf vorbereiten und sie emotional
unterstützen.
Die Inhaltsanalyse der Protokolle bestätigt das in der Literatur beschriebene Abnehmen von Stressempfinden über
die Kursdauer. Dies führt zur Annahme,
dass übertragen auf den klinischen Alltag, Stress und Ekel auch dort vermehrt
zu Beginn auftreten.
Kliniker:innen können Studierende
vorab über das Auftreten solcher Reaktionen informieren, damit sie in der Lage
sind, sich besser darauf einzustellen. Darüber hinaus kann es zur emotionalen
Stärkung beitragen, wenn sie eigene Erfahrungen mit den Student:innen teilen.
Protektive Faktoren
Die Aufzeichnungen der Kursteilnehmer:innen verdeutlichen, dass die Supervision durch Lehrende und Tutor:innen
nicht nur eine fachliche, sondern auch
eine wichtige emotionale Unterstützung
im Sezierkurs darstellt (siehe . Abb. 2).
Daraus lässt sich für den klinischen
Kontext ableiten, dass Auszubildende im
Krankenhaus ebenfalls von Supervision
profitieren können. Gegenwärtig stellen
die ausbildenden Ärzt:innen selbst die
einzige Möglichkeit zur zeitnahen Reflexion in bzw. nach Grenzsituationen
dar. Lässt die personelle oder örtliche
Situation dies nicht zu, ist es sinnvoll,
Studierende auf andere Optionen der
Supervision hinzuweisen.
Studierende profitieren
»maßgeblich
von Supervision
Weiters empfinden viele Kursteilnehmer:innen eine langsame Enthüllung
der Körperspende zu Beginn des Sezierkurses als hilfreich. Die Konfrontation
mit der zerlegten Körperspende in der
Mitte des Kursverlaufs wurde dagegen
von der Mehrheit der Studierenden
psychopraxis. neuropraxis
als belastend bis schockierend wahrgenommen. Es bestätigte sich außerdem,
dass Vorerfahrungen einen emotionalen
Schutz bieten können. Abhängig vom
Grad der Erfahrung der Student:innen
ist es ratsam, sie individuell auf behutsame Weise an die neuen anspruchsvollen
Eindrücke heranzuführen.
Handlungsalternativen, wie beispielsweise einen Schritt zurückzutreten oder
Überforderung zu äußern, können emotional unterstützen. Den Raum dafür zu
schaffen, liegt in der Verantwortung der
Ausbildungsärzt:innen.
Persönlicher Bezug
Etliche Kursteilnehmer:innen protokollierten den Wunsch nach weiterführenden Informationen über die Körperspenden. Ihr Interesse galt vor allem der
Krankheitsgeschichte und der Todesursache, aber auch persönlichen Details.
Es traten beispielsweise Fragen nach
Beruf und Herkunft auf, bis hin zu
Überlegungen zum Verlauf der letzten Tage der Spender:innen und ob
diese möglicherweise gelitten haben.
Die Protokolle offenbaren Fantasien der
Kursteilnehmenden über Namen, Lebensgeschichten und Eigenschaften der
Verstorbenen. Folgende anonymisierte
Zitate verdeutlichen dies. „Zusätzlich
haben wir unserer Körperspende einen
Namen gegeben, um einen gewissen
Bezug zur Menschlichkeit zu bewahren“,
schrieb ein:e Student:in. Ein weiteres Zitat lautet: „Danke (fiktiver (...truncated)