Nutzenbewertung aus Sicht der Versorgungsforschung und der Epidemiologie
Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz X 2014 | 1
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Die Nutzenbewertung
von Arzneimitteln und
Medizinprodukten
Der Begriff der Nutzenbewertung findet
vielfltige Verwendung im Kontext mit
dem Arzneimittelrecht (AMG), im Recht
der gesetzlichen Krankenversicherung
(GKV), d. h. im SGB V, in der
Verfahrensanordnung des Gemeinsamen
Bundesausschusses (GB-A) [1] sowie im
Methodenpapier des IQWiG [2] und
schlielich auch in der Literatur zu Evidence
Based Medicine oder Health
Technolo
gy Assessments1. Will man eine Nutzen
bewertung vornehmen, die eine
kollektive Verbindlichkeit beanspruchen kann
und sich als Grundlage fr politische
Entscheidungen eignet, so kommt man nicht
ohne die Festlegung eines Verfahrens aus,
wie man Nutzen und Schaden zu
quantifizieren gedenkt und welche Konsequenzen
mit welchen Ergebnissen verbunden sein
sollen. Hierzu mssen sowohl die
Qualittsanforderungen an Daten als auch die
Messmethoden fr den Nutzen, die
Auswertemethoden und die Regeln fr die
nach dem jeweiligen Ergebnis zu
ziehenden Schlussfolgerungen festgelegt werden.
An dieser Stelle haben Politik und
Wissenschaft, die im Wesentlichen
unterschiedlichen Aufgaben nachgehen, einen
gemeinsamen Gestaltungsauftrag. Im Bereich der
Arzneimittelzulassung wurde dieser
Auf
1 Zu einer Definition von Nutzenbewertung
und Einordnung des Begriffes z.B. bei
Medizinprodukten, Arzneimitteln, medizinischen
Leistungen oder im Rahmen von diagnostischen
Manahmen siehe die Beitrge in diesem Heft
von Zens et al., Kaiser et al., Windeler und Lange
oder Vach et al.
trag im 20. Jahrhundert berwiegend von
den Arzneimittelbehrden mit
Untersttzung externer Experten wahrgenommen.
Mit einem verschrften Bewusstsein fr
die besonderen Herausforderungen, die
mit der Datenbeschaffung und
methodischen Bewltigung der Nutzenbewertung
verbunden sind, wurden in einigen
europischen Lndern in diesem Jahrhundert
zustzliche Behrden oder
wissenschaftliche Institute gegrndet, die diese
Aufgabe heute wahrnehmen, in Deutschland
das Institut fr Qualitt und
Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG).
Das IQWiG bewertet bei Beauftragung
die Evidenzlage fr den Nutzen bzw.
Zusatznutzen eines Produktes und
quantifiziert das Ausma des Zusatznutzens fr
Kosten-Nutzen-Analysen. Die
zugeordneten politischen Entscheidungen trifft
in Deutschland der G-BA als hchstes
Organ der Selbstverwaltung. Die
Grundlagen dafr sind gesetzlich verankert, vor
allem im SGB V sowie den darauf
bezogenen untergesetzlichen Regelungen wie
insbesondere der
Arzneimittel-Nutzenbewertungsverordnung (AM-NutzenV;
siehe u.a. den Beitrag von Kaiser et al. in
diesem Heft).
Mit der Nutzenbewertung greifen
IQWiG und G-BA selbst in das
Versorgungsangebot ein und verndern durch
den Fortfall oder das Hinzukommen von
Angeboten den Zusatznutzen von
Konkurrenzangeboten. Die resultierende
Versorgungslandschaft ist Gegenstand der
Versorgungsforschung, die sich in einem
sehr umfassenden Sinne mit der
Krankenund Gesundheitsversorgung beschftigt.
Versorgungsforschung untersucht die in
der Routine erbrachten
Versorgungsleistungen als Ergebnis aus
Gesundheits(z.B. Behandlung) und Kontextleistung
(Gestaltung des Versorgungsumfeldes).
Ein bedeutender Fokus der
Versorgungsforschung ist dabei die Untersuchung des
unter Alltagsbedingungen erreichten
Nutzens prventiver, kurativer, rehabilitativer
und palliativer Versorgungsleistungen fr
den Patienten und die Gesellschaft [3]. Im
Unterschied zu G-BA und IQWiG, die
ihre Bewertungen nach Produkt und
Indikation gliedern und dabei mglichst
allgemeingltige Aussagen anstreben, ist
der Ausgangspunkt der
Versorgungsforschung dabei eine konkrete
Versorgungssituation, in der eine oder auch mehrere
Versorgungsangebote in einem
beschreibbaren Umfeld zur Verfgung stehen und
von Patienten und Gesunden mit
unterschiedlichen Prferenzen angenommen
oder nicht angenommen werden. Dabei
spielen die Beweggrnde, die selbst zum
Gegenstand der Forschung werden,
ebenso eine groe Rolle wie die Bildung von
Patientenclustern mit unterschiedlichen
Prferenzen. Im Idealfall nimmt die
Versorgungsforschung eine in Zeit und Ort
verankerte Bewertung der
Versorgungslage und des Nutzens einer Vielfalt von
Angeboten aus Sicht verschiedener
Patientengruppen vor. Ziel ist nicht die
allgemeine auf mglichst alle Situationen
passende Nutzenbewertung eines
Produktes, sondern die Darstellung der
Bedingungsfaktoren, unter denen ein
Versorgungsangebot einen Nutzen bewirken
kann, der den mglichen Schaden
berwiegt. Zunehmend geraten dabei auch
komplexe Interventionen (z.B.
Vorsorgeoder Frherkennungsprogramme) in den
Fokus, die in der Regel aus vielen
ineinandergreifenden einzelnen Manahmen
bestehen. Die Komplexitt besteht darin,
dass diese Manahmen nur gemeinsam
in ihrer Gesamtheit und nur simultan im
Hinblick auf ihren spezifischen Beitrag
bewertet werden knnen. Die Bewertung
des Einzelbeitrages ist dabei wichtig zur
weiteren Verbesserung des Programms.
Zur Bewltigung der damit
verbundenen Aufgaben bedient sich die
Versorgungsforschung der Methoden der
Epidemiologie, die die Entwicklung von
Gesundheit und Krankheit im Allgemeinen
zum Gegenstand hat und dafr eine
Reihe von Studientypen und
Auswertungsmethoden entwickelt hat. Die aus der
gesteigerten Komplexitt erwachsenden
Anforderungen haben dabei zur
Weiterentwicklung der klassischen Methoden und
zur Entwicklung neuer Methoden im
Bereich der Studientypen und der
mathematischen Modellierung gefhrt, die es uns
heute erlauben, Zusammenhnge und
Effekte quantitativ und grafisch sichtbar zu
machen, die frher nicht dargestellt
werden konnten. Epidemiologie und
Versorgungsforschung ergnzen auf diese
Weise die Nutzenbewertung um wesentliche
Perspektiven, die sich in den nach der
Gesetzeslage erfolgten formalen
Nutzenbewertungen nicht ausreichend abbilden.
Ziel dieses Artikels ist die beispielhafte
Darstellung des besonderen Beitrages zur
Nutzenbewertung, den
Versorgungsforschung und Epidemiologie leisten
knnen, und der dafr nutzbaren modernen
Methoden.
Die frhe Nutzenbewertung
von Arzneimitteln und
Medizinprodukten durch das IQWiG
Die Vorgehensweise des IQWiG bei der
Umsetzung der Gesetzesregelungen zur
frhen Nutzenbewertung von
Arzneimittel- und Medizinprodukten wird in
diesem Heft ausfhrlich in anderen
Beitrgen dargestellt [Zens et al., Kaiser et al.,
Windeler und Lange] und kann im Detail
im Methodenpapier des IQWiG [2]
nachgelesen werden. Kurz zusammengefasst
folgt das IQWiG dabei zunchst den
bereits erwhnten, aus dem Gesetz und den
zugehrigen Verordnungen abgeleiteten
Grundstzen:
5 Bewertungen sind nur auf der Basis
der evidenzbasierten Medizin unter
Bercksichtigung der Evidenzstufen
vorzunehmen,
5 es ist eine zweckmige
Vergleichstherapie heranzuziehen und
5 sich an patientenrelevanten
Endpunkten zu orientieren.
Dazu kommen aber weitere Grundstze,
die im Rahmen der Operationalisierung
der Gesetzesvorlagen vom IQWiG im
geregelten Diskurs mit Wissenschaftlern
erarbeitet wurden:
5 Die Urschlichkeit des zu bewerten (...truncated)