Synkopenabklärung bei Kindern und Jugendlichen – Handeln wir gemäß der aktuellen Leitlinie?

Wiener Medizinische Wochenschrift, Jan 2021

Synkopen im Kindes‑/Jugendalter sind häufig und meist gutartig. Mögliche kardiale Synkopen müssen durch sorgfältige Basisdiagnostik (Anamnese (I), körperliche Untersuchung (II), Elektrokardiografie (III)) und ggf. weiterführender Diagnostik ausgeschlossen werden. Wurde die Diagnostik bei Vorliegen einer Synkope entsprechend der gültigen S2k-Leitlinie durchgeführt? Retrospektive Analyse (01/2015–12/2017), Kinderklinik des Universitätsklinikums des Saarlandes, Homburg, Deutschland. Eingeschlossen wurden alle Patienten von 1 bis 18 Jahre, die sich wegen Synkope vorstellten. Es erlitten 262 Patienten eine Synkope (161 weiblich [61,5 %], 101 männlich [38,5 %], Alter 12,5 ± 3,9 Jahre); davon 183 (69,8 %) Reflexsynkopen, 36 (13,7 %) Präsynkopen, 35 (13,4 %) Synkopen unklarer Genese, 8 (3,1 %) kardiale Synkopen; 43/262 Patienten (16,4 %) erhielten eine vollständiger Basisdiagnostik (I–III) gemäß Leitlinie, 13/43 (30,2 %) wurden korrekt weiterführender Diagnostik zugeführt; 219/262 Patienten (83,6 %) erhielten keine ausreichende Basisdiagnostik (I–III), 135/219 (61,6 %) wurden unnötigen apparativen Untersuchungen zugeführt. Die leitlinienkonforme Synkopenabklärung ist wichtig, um unnötige, aber auch nicht ausreichende Diagnostik zu vermeiden und somit Patienten mit Synkope korrekt zu diagnostizieren.

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Synkopenabklärung bei Kindern und Jugendlichen – Handeln wir gemäß der aktuellen Leitlinie?

originalarbeit Wien Med Wochenschr https://doi.org/10.1007/s10354-020-00798-3 Synkopenabklärung bei Kindern und Jugendlichen – Handeln wir gemäß der aktuellen Leitlinie? Katharina Landwehr · Sascha Meyer · Marina Flotats-Bastardas · Martin Poryo Eingegangen: 29. September 2020 / Angenommen: 3. Dezember 2020 © Der/die Autor(en) 2020 Zusammenfassung Hintergrund Synkopen im Kindes-/Jugendalter sind häufig und meist gutartig. Mögliche kardiale Synkopen müssen durch sorgfältige Basisdiagnostik (Anamnese (I), körperliche Untersuchung (II), Elektrokardiografie (III)) und ggf. weiterführender Diagnostik ausgeschlossen werden. Fragestellung Wurde die Diagnostik bei Vorliegen einer Synkope entsprechend der gültigen S2k-Leitlinie durchgeführt? Material und Methoden Retrospektive Analyse (01/2015–12/2017), Kinderklinik des Universitätsklinikums des Saarlandes, Homburg, Deutschland. Eingeschlossen wurden alle Patienten von 1 bis 18 Jahre, die sich wegen Synkope vorstellten. Ergebnisse Es erlitten 262 Patienten eine Synkope (161 weiblich [61,5 %], 101 männlich [38,5 %], Alter 12,5 ± 3,9 Jahre); davon 183 (69,8 %) Reflexsynkopen, 36 (13,7 %) Präsynkopen, 35 (13,4 %) Synkopen unklarer Genese, 8 (3,1 %) kardiale Synkopen; 43/262 Patienten (16,4 %) erhielten eine vollstän- K. Landwehr · Prof. Dr. med. S. Meyer Klinik für Allgemeine Pädiatrie und Neonatologie, Universitätsklinikum des Saarlandes, Homburg/Saar, Deutschland K. Landwehr Klinik für Kinder und Jugendliche, Klinikum Leverkusen, Leverkusen, Deutschland Prof. Dr. med. S. Meyer · Dr. med. M. Flotats-Bastardas Klinik für Allgemeine Pädiatrie und Neonatologie, Sektion Neuropädiatrie, Universitätsklinikum des Saarlandes, Homburg/Saar, Deutschland Dr. med. M. Poryo () Klinik für Pädiatrische Kardiologie, Universitätsklinikum des Saarlandes, Homburg/Saar, Deutschland K diger Basisdiagnostik (I–III) gemäß Leitlinie, 13/43 (30,2 %) wurden korrekt weiterführender Diagnostik zugeführt; 219/262 Patienten (83,6 %) erhielten keine ausreichende Basisdiagnostik (I–III), 135/219 (61,6 %) wurden unnötigen apparativen Untersuchungen zugeführt. Diskussion Die leitlinienkonforme Synkopenabklärung ist wichtig, um unnötige, aber auch nicht ausreichende Diagnostik zu vermeiden und somit Patienten mit Synkope korrekt zu diagnostizieren. Schlüsselwörter Synkope · Kinder und Jugendliche · Basisdiagnostik · Red flags · Leitlinie Syncope in children and adolescents: are the current guidelines being followed? Summary Background Syncope in childhood and adolescence is frequent and in most cases benign. A thorough history taking, complete physical examination, electrocardiography and further diagnostic work-up as indicated should rule out possible cardiac syncope. Objective To evaluate whether the diagnosis of syncope was performed according to the currently valid S2k guideline. Material and methods Retrospective study (January 2015–December 2017), University Children’s Hospital of Saarland, Homburg, Germany. All patients aged 1–18 years presenting with the primary complaint of syncope were included. Results In this study 262 patients presented with a history of syncope (161 female (61.5%), 101 male (38.5%), median age 12.5 ± 3.9 years). Of these, 183 (69.8%) were reflex syncopes, 36 (13.7%) presyncopes, 35 (13.4%) undefined and 8 (3.1%) cardiac syncope. Out of 262 patients, 43 (16.4%) were diagnosed in accordance with the published guidelines and 13/43 Synkopenabklärung bei Kindern und Jugendlichen – Handeln wir gemäß der aktuellen Leitlinie? originalarbeit (30.2%) correctly received further diagnostic work-up. In 219/262 patients (83.6%) basic diagnostic testing was not sufficient and 135/219 (61.6%) were submitted to further unnecessary diagnostic tests. Conclusion Better adherence to the syncope guidelines bears the potential to avoid unnecessary and costly auxiliary medical tests while correctly diagnosing patients with syncope. Keywords Syncope · Children and adolscents · Basic diagnostic testing · Red flags · Guideline Abkürzungen BZTP Blutzuckertagesprofil cMRT Kranielle Magnetresonanztomographie, DGPK Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Kardiologie und Angeborene Herzfehler e. V., EEG Elektroenzephalographie EKG Elektrokardiographie LZ-EKG Langzeitelektrokardiographie LZ-RR Langzeitblutdruckmessung TTE Transthorakale Echokardiographie UKS Uniklinikum des Saarlandes Eine Synkope beschreibt einen kurzzeitigen und vollständig reversiblen Bewusstseinsverlust durch eine zerebrale Minderperfusion [8]. Die häufigste Ursache hierfür ist die gutartige Reflexsynkope. In seltenen Fällen kann der Synkope allerdings eine kardiale Erkrankung zugrunde liegen, die einer weiteren Abklärung bedarf. Hierzu wurde kürzlich eine aktualisierte S2k-Leitlinie zur „Synkope im Kindes- und Jugendalter“ von der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Kardiologie und Angeborene Herzfehler e. V. veröffentlicht (DGPK) [7]. Es wird davon ausgegangen, dass ungefähr jeder zweite Mensch im Laufe seines Lebens [2] und ca. jedes vierte Kind bis zum Erreichen des Erwachsenenalters mindestens eine Synkope [21] erleidet; das Rezidivrisiko beträgt dabei ca. 33–51 % [23]. Gutartige Reflexsynkopen treten dabei im Kindes- und Jugendalter deutlich häufiger auf als kardial bedingte Synkopen (ca. 2–6 % der pädiatrischen Fälle) [4, 18, 32]. Kardial bedingte Synkopen gehen sowohl im Erwachsenen- als auch im Kindes- und Jugendalter mit einer erhöhten Mortalität einher [18, 30]. Die häufigste und wichtigste Differenzialdiagnose der Synkope im Kindes- und Jugendalter ist der epileptische Anfall [24]. Aufgrund der Häufigkeit von Synkopen ist die Versorgung und Abklärung dieser Patienten mit relevanten Kosten im Gesundheitssystem verbunden [17]. Nicht zu vernachlässigen sind dabei die Gesundheitsund Sozialkosten, die durch nicht notwendige Diagnostik und Krankenhausaufenthalte entstehen [11, 29]; insbesondere durch neurologische und kardiologische Untersuchungen [29]. Bisherige Studien bei pädiatrischen Patienten mit Synkope zeigten eine positive Auswirkung der Umsetzung von Leitlinien [16, 26, 28]. So konnte in einer italienischen Studie durch die praktische Anwendung nicht nur die Diagnosestellung verbessert werden, sondern es kam gleichzeitig zu einem verminderten Einsatz nicht notwendiger diagnostischer Untersuchungen [28]. Das Ziel dieser retrospektiven Studie war es, das diagnostische Vorgehen bei Vorliegen einer Synkope in unserer pädiatrischen Patientenkohorte zu beschreiben und es mit der zum Zeitpunkt des Auftretens der Synkope gültigen S2k-Leitlinie der DGKP [8] in Bezug zu setzen. Patienten und Methode Bei dieser Arbeit handelt es sich um eine retrospektive Datenerhebung (01/2015 bis 12/2017), die an der Kinderklinik des Universitätsklinikums des Saarlandes (UKS, Homburg/Saar, Deutschland) durchgeführt wurde. Die Durchführung der Studie wurde von der Ethik-Kommission der Ärztekammer des Saarlandes, Saarbrücken, Deutschland (Kenn-Nr. 247/17), bewilligt. Es wurden alle Pati (...truncated)


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Katharina Landwehr, Sascha Meyer, Marina Flotats-Bastardas, Martin Poryo. Synkopenabklärung bei Kindern und Jugendlichen – Handeln wir gemäß der aktuellen Leitlinie?, Wiener Medizinische Wochenschrift, 2021, pp. 1-8, DOI: 10.1007/s10354-020-00798-3