Synkopenabklärung bei Kindern und Jugendlichen – Handeln wir gemäß der aktuellen Leitlinie?
originalarbeit
Wien Med Wochenschr
https://doi.org/10.1007/s10354-020-00798-3
Synkopenabklärung bei Kindern und Jugendlichen –
Handeln wir gemäß der aktuellen Leitlinie?
Katharina Landwehr · Sascha Meyer · Marina Flotats-Bastardas · Martin Poryo
Eingegangen: 29. September 2020 / Angenommen: 3. Dezember 2020
© Der/die Autor(en) 2020
Zusammenfassung
Hintergrund Synkopen im Kindes-/Jugendalter sind
häufig und meist gutartig. Mögliche kardiale Synkopen müssen durch sorgfältige Basisdiagnostik (Anamnese (I), körperliche Untersuchung (II), Elektrokardiografie (III)) und ggf. weiterführender Diagnostik ausgeschlossen werden.
Fragestellung Wurde die Diagnostik bei Vorliegen einer Synkope entsprechend der gültigen S2k-Leitlinie
durchgeführt?
Material und Methoden
Retrospektive Analyse
(01/2015–12/2017), Kinderklinik des Universitätsklinikums des Saarlandes, Homburg, Deutschland. Eingeschlossen wurden alle Patienten von 1 bis 18 Jahre,
die sich wegen Synkope vorstellten.
Ergebnisse Es erlitten 262 Patienten eine Synkope
(161 weiblich [61,5 %], 101 männlich [38,5 %], Alter 12,5 ± 3,9 Jahre); davon 183 (69,8 %) Reflexsynkopen, 36 (13,7 %) Präsynkopen, 35 (13,4 %) Synkopen unklarer Genese, 8 (3,1 %) kardiale Synkopen;
43/262 Patienten (16,4 %) erhielten eine vollstän-
K. Landwehr · Prof. Dr. med. S. Meyer
Klinik für Allgemeine Pädiatrie und Neonatologie,
Universitätsklinikum des Saarlandes, Homburg/Saar,
Deutschland
K. Landwehr
Klinik für Kinder und Jugendliche, Klinikum Leverkusen,
Leverkusen, Deutschland
Prof. Dr. med. S. Meyer · Dr. med. M. Flotats-Bastardas
Klinik für Allgemeine Pädiatrie und Neonatologie, Sektion
Neuropädiatrie, Universitätsklinikum des Saarlandes,
Homburg/Saar, Deutschland
Dr. med. M. Poryo ()
Klinik für Pädiatrische Kardiologie, Universitätsklinikum des
Saarlandes, Homburg/Saar, Deutschland
K
diger Basisdiagnostik (I–III) gemäß Leitlinie, 13/43
(30,2 %) wurden korrekt weiterführender Diagnostik
zugeführt; 219/262 Patienten (83,6 %) erhielten keine
ausreichende Basisdiagnostik (I–III), 135/219 (61,6 %)
wurden unnötigen apparativen Untersuchungen zugeführt.
Diskussion Die leitlinienkonforme Synkopenabklärung ist wichtig, um unnötige, aber auch nicht ausreichende Diagnostik zu vermeiden und somit Patienten
mit Synkope korrekt zu diagnostizieren.
Schlüsselwörter Synkope · Kinder und Jugendliche ·
Basisdiagnostik · Red flags · Leitlinie
Syncope in children and adolescents: are the
current guidelines being followed?
Summary
Background Syncope in childhood and adolescence is
frequent and in most cases benign. A thorough history
taking, complete physical examination, electrocardiography and further diagnostic work-up as indicated
should rule out possible cardiac syncope.
Objective To evaluate whether the diagnosis of syncope was performed according to the currently valid
S2k guideline.
Material and methods Retrospective study (January
2015–December 2017), University Children’s Hospital
of Saarland, Homburg, Germany. All patients aged
1–18 years presenting with the primary complaint of
syncope were included.
Results In this study 262 patients presented with
a history of syncope (161 female (61.5%), 101 male
(38.5%), median age 12.5 ± 3.9 years). Of these, 183
(69.8%) were reflex syncopes, 36 (13.7%) presyncopes,
35 (13.4%) undefined and 8 (3.1%) cardiac syncope.
Out of 262 patients, 43 (16.4%) were diagnosed in
accordance with the published guidelines and 13/43
Synkopenabklärung bei Kindern und Jugendlichen – Handeln wir gemäß der aktuellen Leitlinie?
originalarbeit
(30.2%) correctly received further diagnostic work-up.
In 219/262 patients (83.6%) basic diagnostic testing
was not sufficient and 135/219 (61.6%) were submitted to further unnecessary diagnostic tests.
Conclusion Better adherence to the syncope guidelines bears the potential to avoid unnecessary and
costly auxiliary medical tests while correctly diagnosing patients with syncope.
Keywords Syncope · Children and adolscents · Basic
diagnostic testing · Red flags · Guideline
Abkürzungen
BZTP Blutzuckertagesprofil
cMRT Kranielle Magnetresonanztomographie,
DGPK Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Kardiologie und Angeborene Herzfehler e. V.,
EEG
Elektroenzephalographie
EKG
Elektrokardiographie
LZ-EKG Langzeitelektrokardiographie
LZ-RR Langzeitblutdruckmessung
TTE
Transthorakale Echokardiographie
UKS
Uniklinikum des Saarlandes
Eine Synkope beschreibt einen kurzzeitigen und vollständig reversiblen Bewusstseinsverlust durch eine
zerebrale Minderperfusion [8]. Die häufigste Ursache
hierfür ist die gutartige Reflexsynkope. In seltenen
Fällen kann der Synkope allerdings eine kardiale Erkrankung zugrunde liegen, die einer weiteren Abklärung bedarf. Hierzu wurde kürzlich eine aktualisierte
S2k-Leitlinie zur „Synkope im Kindes- und Jugendalter“ von der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische
Kardiologie und Angeborene Herzfehler e. V. veröffentlicht (DGPK) [7].
Es wird davon ausgegangen, dass ungefähr jeder
zweite Mensch im Laufe seines Lebens [2] und ca.
jedes vierte Kind bis zum Erreichen des Erwachsenenalters mindestens eine Synkope [21] erleidet; das
Rezidivrisiko beträgt dabei ca. 33–51 % [23]. Gutartige
Reflexsynkopen treten dabei im Kindes- und Jugendalter deutlich häufiger auf als kardial bedingte Synkopen (ca. 2–6 % der pädiatrischen Fälle) [4, 18, 32].
Kardial bedingte Synkopen gehen sowohl im Erwachsenen- als auch im Kindes- und Jugendalter mit einer
erhöhten Mortalität einher [18, 30]. Die häufigste und
wichtigste Differenzialdiagnose der Synkope im Kindes- und Jugendalter ist der epileptische Anfall [24].
Aufgrund der Häufigkeit von Synkopen ist die Versorgung und Abklärung dieser Patienten mit relevanten Kosten im Gesundheitssystem verbunden [17].
Nicht zu vernachlässigen sind dabei die Gesundheitsund Sozialkosten, die durch nicht notwendige Diagnostik und Krankenhausaufenthalte entstehen [11,
29]; insbesondere durch neurologische und kardiologische Untersuchungen [29]. Bisherige Studien bei
pädiatrischen Patienten mit Synkope zeigten eine positive Auswirkung der Umsetzung von Leitlinien [16,
26, 28]. So konnte in einer italienischen Studie durch
die praktische Anwendung nicht nur die Diagnosestellung verbessert werden, sondern es kam gleichzeitig
zu einem verminderten Einsatz nicht notwendiger
diagnostischer Untersuchungen [28].
Das Ziel dieser retrospektiven Studie war es, das diagnostische Vorgehen bei Vorliegen einer Synkope in
unserer pädiatrischen Patientenkohorte zu beschreiben und es mit der zum Zeitpunkt des Auftretens der
Synkope gültigen S2k-Leitlinie der DGKP [8] in Bezug
zu setzen.
Patienten und Methode
Bei dieser Arbeit handelt es sich um eine retrospektive Datenerhebung (01/2015 bis 12/2017), die an der
Kinderklinik des Universitätsklinikums des Saarlandes (UKS, Homburg/Saar, Deutschland) durchgeführt
wurde. Die Durchführung der Studie wurde von der
Ethik-Kommission der Ärztekammer des Saarlandes,
Saarbrücken, Deutschland (Kenn-Nr. 247/17), bewilligt.
Es wurden alle Pati (...truncated)