Chloroplasten: kleine Zellorganellen mit großem Potenzial
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Chloroplastenbiotechnologie
Chloroplasten: kleine Zellorganellen mit
großem Potenzial
JOSEPHIN LASKOWSKI, STEPHANIE RUF, RALPH BOCK, REIMO ZOSCHKE
MAX-PLANCK-INSTITUT FÜR MOLEKULARE PFLANZENPHYSIOLOGIE, POTSDAM
Chloroplast transformation is employed in basic research and green
biotechnology. Using chloroplasts as bioreactors provides several
advantages such as solar-powered high transgene expression, easy
gene-targeting in the plastid genome by homologous recombination,
increased biosafety due to tight transgene containment and the potential of engineering metabolic pathways in operon-like arrangements.
These and other features make chloroplasts attractive for genetic engineering and biotechnology.
DOI: 10.1007/s12268-023-2044-2
© Die Autorinnen und Autoren 2023
ó Pflanzen und andere photosynthetische
Organismen bilden die Grundlage des Lebens
auf der Erde. Mithilfe der Photosynthese produzieren sie Sauerstoff und Biomasse, die
direkt oder indirekt von anderen Lebewesen
konsumiert werden. In Pflanzen findet der
Prozess der Photosynthese in speziellen zellulären Organellen, den Chloroplasten, statt.
Chloroplasten verleihen Pflanzen ihre charakteristische Grünfärbung und sind Nachkommen von einst freilebenden, photosynthetischen Cyanobakterien. Diese Bakterien
wurden vor rund einer Milliarde Jahren von
einer eukaryotischen Zelle aufgenommen [1].
Man bezeichnet diesen Prozess als Endosymbiose. Chloroplasten haben daher genau wie
der Zellkern ein eigenes Genom. Im Laufe der
Zeit schrumpften jedoch die Größe des
Genoms und die Anzahl der Gene beachtlich.
Viele der ursprünglich bakteriellen Gene
wurden in das Genom der eukaryotischen
Wirtszelle integriert oder sind verloren
gegangen, weil sie in der Symbiose überflüssig wurden [2]. Die meisten der verbliebenen
Chloroplastengene, je nach Organismus ca.
100–250, sind direkt oder indirekt an der
Photosynthese beteiligt. Chloroplasten haben
ihre eigene Genexpressionsmaschinerie, die
prokaryotischen Ursprungs ist. So sind z. B.
Gene in Operon-ähnlichen Strukturen organisiert und werden durch eine prokaryotische RNA-Polymerase transkribiert. Die Proteinbiosynthese erfolgt durch prokaryotische
70S-Ribosomen. Diese Eigenschaften stamBIOspektrum | 07.23 | 29. Jahrgang
men vom cyanobakteriellen Endosymbionten
ab und haben sich bis heute erhalten. Allerdings gibt es auch zahlreiche Eigenheiten der
chloroplastidären Genexpression, die weder
bakteriellen noch eukaryotischen Ursprungs
sind. Dazu gehören u. a. die Transkription
einiger Gene durch eine bakteriophagenähnliche RNA-Polymerase, das Spleißen von
Introns oder die nachträgliche Veränderung
der genetischen Information durch RNAEditierung [3]. Trotz der geringen Größe des
Chloroplastengenoms ist seine Genexpression erstaunlich leistungsfähig. So wird die
große Untereinheit des CO 2-fixierenden
Enzyms Rubisco, dem der Masse nach häufigstem Protein auf der Erde (das bis zu 50 %
des Gesamtproteingehalts eines Blatts ausmachen kann), in Chloroplasten hergestellt.
Diese eindrucksvolle Kapazität der Genexpression in Chloroplasten wird durch verschiedene Eigenschaften erreicht: Ein einziger Chloroplast enthält viele Genomkopien
und gleichzeitig kann eine Pflanzenzelle
zahlreiche Chloroplasten beherbergen,
sodass die Transkription an tausenden Genkopien pro Zelle zeitgleich stattfindet. Des
Weiteren sind die Prozesse der Transkription
und der Translation sehr effizient [4, 5]. Hinzu kommt eine enorme Anreicherung von
Transkripten und deren hohe Stabilität [6].
All dies trägt zu dem sehr hohen Potenzial
der Proteinbiosynthese in Chloroplasten bei.
Zusammengenommen machen diese Eigenschaften Chloroplasten zu einer äußerst
attraktiven Mikrofabrik für die Biotechnologie.
Methodik der genetischen
Transformation von Chloroplasten
Protokolle für die Transformation von Chloroplasten gibt es seit Ende der 1980er-Jahre.
Zunächst wurde die Methodik in der einzelligen Grünalge Chlamydomonas reinhardtii
etabliert und später für die Tabakpflanze
Nicotiana tabacum angepasst [7, 8]. Inzwischen wurden Chloroplasten in zahlreichen
anderen Spezies erfolgreich transformiert,
darunter auch Nutzpflanzen wie Kartoffel
oder Tomate [9].
Doch wie funktioniert eigentlich die Transformation des Chloroplastengenoms? Am
häufigsten wird dafür die biolistische Methode verwendet (ein Kunstwort, das von „biologischer Ballistik“ abgeleitet wurde). Dabei
werden kleinste Goldpartikel mit der FremdDNA überzogen und dann durch Hochgeschwindigkeitsbeschuss mit einer Partikelkanone in die Chloroplasten eingebracht
(Abb. 1A). Die Fremd-DNA wird von Chloroplasten-DNA-Sequenzen flankiert, die durch
homologe Rekombination die Integration in
das Chloroplastengenom ermöglichen
(Abb. 1B). Die Fremd-DNA beinhaltet üblicherweise auch einen Selektionsmarker,
sodass Zellen mit erfolgreich transformiertem Chloroplastengenom auf einem selektiven Medium einen Wachstumsvorteil haben
(Abb. 1A, B). Einer der am häufigsten verwendeten Selektionsmarker ist das aadAGen, das ursprünglich aus Escherichia coli
isoliert wurde. Dieses Gen codiert das Enzym
Aminoglykosid-3″-adenylyltransferase, welches die Antibiotika Spectinomycin und
Streptomycin inaktiviert [9]. Nach der Transformation gibt es einige Herausforderungen,
u. a. die Regeneration von homoplastomischen Pflanzen, das heißt Pflanzen die nur
noch transformierte Chloroplastengenome
enthalten und keine Wildtyp-Chloroplastengenome. Durch den Partikelbeschuss werden
anfänglich lediglich einzelne Chloroplastengenome in wenigen Zellen transformiert
(Abb. 1A). Diese Zellen sind heteroplastomisch, das heißt, sie enthalten eine Mischung
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B I O T ECH NOLOGIE
A
B
C
[11]. Allerdings konnten mehrere neutrale
Insertionsregionen im Chloroplastengenom
identifiziert werden, bei denen solche Effekte minimiert sind und die Transgeninsertion
und -expression keinen Einfluss auf das
Pflanzenwachstum hat [12].
Anwendungen der
Chloroplastentransformation
D
˚ Abb. 1: Chloroplastentransformation und ihre Anwendungen in Grundlagenforschung und Biotechnologie. A, Blätter werden mit einer Partikelkanone beschossen, wodurch einzelne Transformationsereignisse induziert werden (Chloroplasten sind als hellgrün ausgefüllte Ovale dargestellt
– der Übersichtlichkeit halber sind andere Zellkompartimente, wie Kern oder Mitochondrien, nicht
gezeigt; rote und grüne Kreise innerhalb der Chloroplasten zeigen transformierte Chloroplastengenome und Wildtyp-Chloroplastengenome). Durch kontinuierliche Gewebekultur auf Selektionsmedium wird die Vermehrung der transplastomischen Zellen begünstigt, während Wildtyp-Zellen
sich nicht teilen und vermehren können. Am Ende bringt die selektive Gewebekultur eine homoplastomische Pflanze hervor, die ausschließlich transformierte Chloroplastengenome, aber keine
Wildtyp-Chloroplastengenome enthält. B, Die Integration der Transgene in das Chloroplastengenom wird durch homologe Rekombination ermöglicht, welche eine gezielte Insertion in eine
gewünschte Position im Chloroplastengenom erlaubt (blaue (...truncated)